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Corona in Dachau:Frust in der Quarantäne

Mitarbeiter des Gesundheitsamts werden häufiger verbal angegriffen - Landrat Stefan Löwl droht mit Anzeigen.

Von Thomas Balbierer, Dachau

Die Quarantäneregeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie stoßen bei immer mehr Landkreisbürgern offenbar auf Unverständnis und sogar Wut. Wie Landrat Stefan Löwl (CSU) auf Anfrage erklärt, hätten sich zuletzt die verbalen Angriffe auf Mitarbeiter des Dachauer Gesundheitsamtes gehäuft. Das Amt ist für die Rückverfolgung von Kontaktpersonen zuständig, die mit positiv auf Corona Getesteten in Berührung waren, und überprüft bei täglichen Anrufen die Einhaltung der Quarantänepflicht. Rund 340 Landkreisbewohner befinden sich aktuell in häuslicher Isolation und dürfen ihre Wohnung nicht verlassen.

Immer öfter müssten sich die Mitarbeiter des sogenannten Contact Tracing Teams (CTT) am Telefon auch persönliche Beleidigungen anhören, sagt Löwl. Eine Ärztin sei als inkompetent beschimpft worden. Der Zorn kommt zum Beispiel von Eltern, deren Kinder wegen eines Infektionsfalls in der Schulklasse oder der Mittagsbetreuung 14 Tage in häusliche Quarantäne geschickt werden. Er verstehe, dass bei vielen Familien nach mehr als sechs Monaten Pandemie "die Nerven blank liegen", sagt der Landrat. Für viele Eltern sei es ein "emotionaler Rückschlag", wenn die Kinder nach dem Lockdown aus dem Frühjahr nun erneut aufwendig zu Hause betreut werden müssten. Auch wenn nacheinander zwei Kinder von der Quarantäne betroffen seien, sei das hart. "Aber es ist nicht richtig, unsere Mitarbeiter deshalb zu beschimpfen. Die machen auch nur ihren Job." Bei der Umsetzung und Kontrolle der Quarantäneverordnung habe das Landratsamt "keinen Ermessensspielraum", betont Löwl, die Regeln werden ja nicht in Dachau gemacht.

Kippt die Stimmung?

Dennoch machen offenbar immer mehr Kontaktpersonen ihrem Frust bei den Mitarbeitern des Gesundheitsamts Luft. Mindestens zehn Anrufe mit persönlichen Beschimpfungen habe es zuletzt gegeben, sagt Löwl, am vergangenen Wochenende sei es ihm dann zu viel geworden. In einer Presseerklärung forderte er am Sonntag "einen höflichen und respektvollen Umgang" mit seinen Kollegen ein. Sie machten seit Monaten "Tausende Überstunden", arbeiteten täglich bis 21 oder 22 Uhr und müssten sich dann noch angreifen lassen. Dass es auch zu Fehlern kommen könnte wie in der vergangenen Woche, als Grundschüler wegen eines falsch notierten Datums einen Tag zu lang in Quarantäne verbringen mussten, sei bei der Arbeitsbelastung kaum zu vermeiden. Beleidigungen will der Landrat dennoch nicht akzeptieren. "Wir behalten uns vor, bei Beleidigungen auch Anzeige zu erstatten."

Fürchtet der Landrat einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung? Bislang hatte man das Gefühl, ein sehr großer Teil der Bürger würde die Maßnahmen und Einschränkungen überwiegend klaglos akzeptieren. Löwl glaubt nicht, dass die Stimmung kippt, für ihn ist die Empörung eine Welle, die wieder abebben werde, sobald sich die Bevölkerung an den neuen Schulalltag, zu dem aus Sicherheitsgründen vorerst die Quarantäne dazugehört, gewöhnt. Ähnliche Aufregung habe es auch nach den ersten Lockerungen gegeben. Die Pandemie sei "nicht zu Ende und wird so schnell auch nicht aufhören", sagt Löwl und betont, dass es noch immer viele positive Telefonate und E-Mails mit Bürgern gebe.

Am Montag war Klaus Holletschek, Staatssekretär im bayerischen Gesundheitsministerium, zu Gast im Dachauer Landratsamt. Dabei stattete er auch dem Contact Tracing Team im Gesundheitsamt einen Besuch ab und rief selbst Kontaktpersonen an. Beschimpfungen soll es dabei nicht gegeben haben.

© SZ vom 30.09.2020

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