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Covid-19-Patient:"Es ging mir beschissen"

Als Gerhard Kessler im März an Husten, Fieber und Appetitlosigkeit leidet, denkt der 63-jährige Dachauer zunächst nicht an das Coronavirus. Dann bricht er zusammen und kämpft ums Überleben.

Von Thomas Balbierer, Dachau

Auszug aus Gerhard Kesslers vorläufigem Arztbrief des Helios Amper-Klinikums Dachau vom 25. März 2020: Einweisung durch den Notarzt bei Atemwegsinfekt. Seit 5 Tagen trockener Husten, Fieber bis 39,5 °C, zunehmende AZ-Verschlechterung und Schweißausbrüche. Kein produktiver Husten, kein begründeter Verdachtsfall, kein Kontakt zu einem positiv getesteten Patienten und kein Aufenthalt in einem Risikogebiet. Heute mehrfach kollabiert, synkopiert.

Am 18. oder 19. März, so genau weiß er das heute gar nicht mehr, fühlt sich Gerhard Kessler irgendwie unwohl. Er hustet, bekommt Fieber, hat keinen Appetit mehr. Eine klassische Erkältung, glaubt der 63-jährige IT-Manager aus Dachau. Ein paar Tage zuvor saß er noch im Wartezimmer eines Arztes - ob er sich dort einen grippalen Infekt eingefangen hat? Während am Abend des 18. März ganz Deutschland die Fernsehrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Corona-Krise verfolgt, denkt Kessler nicht einen Moment daran, dass er sich mit dem neuartigen Erreger infiziert haben könnte. Merkel sagt: "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst." Kessler sagt heute: "Es ist schon paradox, dass ich mitten in der Krise nicht an Corona gedacht habe."

Das Fieber steigt, vor allem nachts, 38, dann 39 Grad. Kessler, ein kräftig gebauter Mann mit raspelkurzen Haaren, isst kaum noch etwas, er fühlt sich schwach. In der Nacht auf Sonntag, den 22. März, erreicht seine Körpertemperatur 39,5 Grad. Kessler wählt am Morgen die 116117, den medizinischen Bereitschaftsdienst. In fünf Tagen könne er einen Termin für einen Corona-Test haben, heißt es am anderen Ende der Leitung. Corona? Zum ersten Mal zieht Kessler die Möglichkeit in Betracht, dass er sich mit dem neuen Virus, über das die ganze Welt gerade spricht, infiziert haben könnte.

Er ruft einen Kumpel aus seinem Motorradverein an, den Münchner Oberarzt Dr. Markus Engel. Der rät ihm, ins Krankenhaus nach Schwabing zu fahren. Doch kurz darauf bricht Kessler zusammen, der Kreislauf versagt. Synkope nennen es Mediziner, wenn eine Durchblutungsstörung im Gehirn einen kurzen Kollaps auslöst. Kesslers Frau ruft den Notarzt. Als die Sanitäter und der Notarzt kommen, liegt der 63-Jährige mit seinen 95 Kilogramm Körpergewicht noch am Boden. Die Retter brauchen "gefühlt eine Stunde", bis sie die ersten Checks absolvieren und ihn schließlich abtransportieren, erinnert sich Kessler. Auch für sie ist das Coronavirus eine Herausforderung, Routine gibt es nicht. Kessler liegt die ganze Zeit am Boden, ihm geht es schlecht. "Was für eine groteske Situation", sagt er heute. Der Krankenwagen bringt ihn ins Dachauer Amper-Klinikum.

Die stationäre Aufnahme von Herrn Keßler [SIC!]erfolgte bei fieberhaftem bronchopulmonalem Infekt mit Verdacht auf Covid 19.

In der Notaufnahme wird Kessler Blut abgenommen, um es zum Beispiel auf Influenza und Sars-CoV-2 zu testen. Die Ärzte röntgen seine Lunge und entdecken weiße Flecken, die auf eine Lungenentzündung hindeuten. Der Patient wird nach den Untersuchungen auf der Isolierstation der Amper-Klinik untergebracht. Eine Krankenschwester bringt ihn aus der Notaufnahme dorthin. Kessler läuft ihr hinterher, sie dreht sich immer wieder nach ihm um. Er hat das Gefühl, schneller gehen zu müssen, läuft in Socken durch das Krankenhaus, weil er keine Zeit hat, seine Schuhe anzuziehen.

Vitalwerte bei der Ersteinschätzung: Uhrzeit 13:28, Temp. 37,8 °C, Puls 14/min., Allgemeinzustand reduziert, Hautzustand blass, Lunge Rasselgeräusche.

Kessler ist geschwächt. Er wird mit Antibiotika behandelt, ihm werden fiebersenkende Mittel verabreicht. Die Fieberschübe werden schwächer, aber verschwinden nicht. Am Dienstag, 24. März, so beschreibt es Gerhard Kessler, soll er die Klinik verlassen. Das Ergebnis des Corona-Tests liegt noch nicht vor. Kessler weigert sich, nach Hause zu gehen, das Fieber ist noch immer da. Am Mittwoch dann die Entlassung. Kessler solle sich in strenge häusliche Quarantäne begeben und die Antibiotikatherapie weiterführen, heißt es vom Krankenhaus.

Der Abstrich auf Influenza A sowie B erwiesen sich als negativ, ebenso der RSV-Abstrich. Der Abstrich auf SARS-CoV2 ist ausstehend.

Gerhard Kessler lebt mit seiner Ehefrau, einer erwachsenen Tochter, deren Mann und seinen Schwiegereltern in einem Mehrgenerationenhaus im Dachauer Ortsteil Pullhausen. Als ihn seine Frau aus dem Krankenhaus abholt, ist der 63-Jährige verunsichert. Normalerweise, das sagt er über sich selbst, bringe ihn nichts so schnell aus der Fassung, er bezeichnet sich als "positiv denkenden Menschen". Als Head Road Captain des Münchner Harley-Chapters "Herz Ass" plant er die Touren der Motorradclique. Seine eigene Maschine, eine CVO Road King 2014, wiegt fast 400 Kilogramm. "Ich bin relativ robust", sagt Kessler über sich.

Er raucht nicht, hat keine Vorerkrankungen, kein Übergewicht - ein unaufgeregter Mann. Doch die Krankheit setzt ihm schwer zu und er will seine Familie nicht in Gefahr bringen. Mit dem Coronavirus, das sah Kessler schon vor seiner Erkrankung so, ist nicht zu spaßen. Seit dem 2. März arbeitet der IT-Spezialist im Homeoffice, in seiner Firma nichts Neues. Um sich und andere vor einer Infektion zu schützen, trägt Kessler früh einen Atemschutz - anfangs zieht er sich sein Motorradhalstuch ins Gesicht. Kontakte schränkt er schon vor dem Lockdown stark ein, geht nur noch selten einkaufen. Wo er sich mit dem Virus infiziert haben könnte, weiß Gerhard Kessler bis heute nicht genau.

Nach der Entlassung aus der Amper-Klinik werden die Fieberschübe wieder stärker, das Ergebnis seines Corona-Tests kennt er zwei Tage danach noch immer nicht. Das Fieber steigt auf 39,8 Grad. Ins Dachauer Krankenhaus will er nicht zurück, dort fühlte er sich nicht gut aufgehoben. Deshalb ruft der 63-Jährige am 27. März, einem Freitag, wieder seinen Freund Markus Engel an. Der Oberarzt leitet die Intensivmedizin im Bogenhausener Klinikum und kennt sich mit Corona-Patienten daher bestens aus.

Engel rät seinem Motorradkumpel erneut, ins Schwabinger Krankenhaus zu gehen. Noch am selben Tag bringt Kesslers Frau ihn nach München. Noch ein Corona-Abstrich. Anders als in Dachau fertigen die Ärzte auch ein computertomografisches Bild von Kesslers Lunge an. Nach der Auswertung haben sie keinerlei Zweifel mehr: Kessler hat Corona. Am selben Abend ruft die Dachauer Klinik bei Kessler zu Hause an, seine Frau hebt ab. Das Ergebnis seines Corona-Tests stehe nun fest.

Auszug aus dem Arztbrief der München Klinik vom 9. April 2020: CT-Thorax (27.03.2020): Definitives COVID-Muster. Die Lungenveränderungen sind nach Morphologie, Verteilung und Ausprägung so typisch, dass eine COVID-Pneumonie hochwahrscheinlich ist.

Der Patient wird auf die Intensivstation gebracht, wo seine Werte permanent überwacht werden. Kessler leidet inzwischen an extremen Atemproblemen, sein Zustand verschlechtert sich. Die Ärzte stellen hohe Entzündungswerte fest, neben der Lunge ist auch die Leber betroffen. Sein Zustand ist kritisch, über eine Atemmaske wird ihm frischer Sauerstoff zugeführt. Die Lunge ist nicht mehr in der Lage, ausreichend Sauerstoff ins Blut zu leiten, die Ärzte bereiten ihn schon auf eine künstliche Beatmung vor. Doch Motorradfreund und Intensivmediziner Engel legt bei den Kollegen sein Veto ein: Bloß keine maschinelle Beatmung. "Bei einer Intubation verschlechtert sich die Prognose eines Patienten dramatisch", sagt Engel heute. Eine Studie aus US-Krankenhäusern ergibt im April, dass fast ein Viertel der künstlich beatmeten Corona-Patienten nicht überlebt. Vielleicht rettet Engel mit seinem Einschreiten Kesslers Leben.

Der Arzt macht sich große Sorgen. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie fatal eine Corona-Infektion verlaufen kann. Als Kessler am 27. März ins Schwabinger Krankenhaus eingeliefert wird, sind deutschlandweit bereits 281 Menschen nach einer Covid-19-Erkrankung gestorben, eine Woche später sind schon mehr als 1200 tot. Im Landkreis Dachau erreicht die Zahl der gleichzeitig Infizierten Anfang April mit 305 ihren Höhepunkt. Die Krankheit gefährdet vor allem alte Menschen, dass der 63-jährige Kessler so schwer getroffen ist, wundert Engel. Er telefoniert täglich mit ihm, manchmal sogar mitten in der Nacht. Engel merkt, dass Kesslers Aufmerksamkeit nachlässt, dass er langsamer reagiert, manchmal depressiv wirkt.

Er hängt an Geräten, wegen der Isolation können ihn Frau und Kinder nicht besuchen. Klinikpersonal betritt die Station nur in vollem Schutz mit Maske und Infektionsschutzkitteln, die sie nach jeder Visite entsorgen. Die Familie leidet unter der Ungewissheit, auch Kessler stellt sich unausweichliche Fragen. "War's das jetzt? Wie geht es meiner Familie, wenn ich nicht überlebe?" Und wenn er es doch schaffen sollte, kann er je wieder Motorrad fahren? Der Patient weigert sich zu essen, ihm droht die künstliche Ernährung. Kessler geht es "beschissen", so sagt er es Monate später. Als ein Lungenversagen nicht mehr auszuschließen ist, hat auch Engel "große Angst" um seinen Freund, erinnert sich der Mediziner heute.

Doch dann schlägt die Therapie an, Kesslers Immunsystem gelingt es, die Erkrankung zu bekämpfen. Am 4. April - die Zahl der weltweit bekannten Corona-Fälle liegt mittlerweile bei 1,1 Millionen - hat Gerhard Kessler erstmals kein Fieber mehr. Er wird auf ein Zimmer ohne Überwachung verlegt. Covid-Abstriche am 2. und 8. April sind negativ.

Unter supportiven Maßnahmen konnte ein Fortschreiten der Erkrankung eingedämmt werden, allerdings war die Sauerstoffsättigung protrahiert kompromittiert. Im Verlauf ergab sich ein erhöhter D Dimer-Wert, sodass wir eine erneute computertomographische Bildgebung zum Ausschluss einer Lungenarterienembolie veranlassten. Erfreulicherweise sahen wir weder Hinweise auf eine Lungenarterienembolie noch auf Rechtsherzbelastungszeichen.

Kessler hält durch - das dürfe man keineswegs unterschätzen, sagt Markus Engel. Die Atemnot eines Corona-Patienten könne man sich etwa so vorstellen, wie das schwere Schnaufen nach einem Marathonlauf. "Nur, dass es nicht nach ein paar Minuten aufhört", so der Bogenhausener Oberarzt. "Das ist kein Spaß!" Wer da den Lebenswillen aufgibt, habe verloren. Kessler hat nicht aufgegeben.

Dem 63-Jährigen geht es nun immer besser, das Virus ist aus seinem Körper verschwunden, die Sauerstoffwerte erholen sich.

Erfreulicherweise konnten wir Herrn Kessler bei deutlicher Besserung des Allgemeinzustandes und ausreichender Raumluftsättigung am 09.04.2020 nach Hause entlassen.

Nach der Entlassung aus Schwabing spürt er jedoch Nachwirkungen der Infektion. Er hat im Krankenhaus elf Kilo verloren, beim Treppensteigen und kurzen Wegen gerät er in Atemnot. Von den ernsten Schäden regeneriert sich seine Lunge nur langsam, am 27. April konstatiert ein Internist bei der Nachuntersuchung: "Patient ist weiterhin kurzatmig", der Sauerstoffaustausch in der Lunge "mittelgradig eingeschränkt". Erst Ende Juli, mehr als vier Monate nach Kesslers Corona-Infektion, können die Ärzte keine Einschränkungen mehr feststellen. Zur gleichen Zeit beginnen in Deutschland die Corona-Zahlen wieder zu steigen.

Heute bezeichnet sich der Dachauer Familienvater als "normal faulen Menschen", direkte Auswirkungen der Krankheit spüre er nicht mehr, sagt er bei einem Besuch in der Redaktion. Ob die Krankheit etwas verändert habe? Kessler überlegt, sagt dann: "Ich bin der Gesundheit gegenüber aufmerksamer geworden." Er sei nicht "übervorsichtig" geworden, trage aber weiterhin Mund-Nasen-Schutz, halte Abstand und vermeide unnötige Kontakte. "Diese Regeln halte ich für sinnvoll." Dass man sich im Familien- und Bekanntenkreis nicht mehr umarmt, keine Wangenküsschen mehr verteilt, findet Kessler nicht schlimm. "Der Ellenbogen reicht aus."

Dass im Internet und auf Demos immer lauter angezweifelt werde, dass Covid-19 eine gefährliche Krankheit ist, kann Kessler nicht verstehen. Er musste am eigenen Leib erleben, wie heftig die Krankheit einschlagen kann. Die Bilder der Corona-Demo aus Berlin Ende August würden ihn "extrem wütend" machen, sagt Kessler. Man könne die Todesfälle und Infektionszahlen der vergangenen Monate doch nicht einfach verdrängen. "Sie sind existent", sagt er. Außerdem verbreite sich das Virus weltweit noch immer rasant. "Das Einzige, was ich tun muss, ist: mich an ein paar einfache Regeln zu halten."

Im Juli fühlt sich Gerhard Kessler erstmals wieder stark genug, auf das Motorrad zu steigen. Er fährt mit seiner Harley 60, 70 Kilometer durchs Dachauer Land, alleine. Eine gemütliche Tour mit 110 PS. Ihm fällt auf, wie wenig auf den Straßen los ist. Aber am meisten genießt er es, endlich wieder frische Luft zu atmen.

© SZ vom 19.09.2020/syn
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