Der Dichter Ludwig Uhland (1782 bis 1862) lässt seinen Liedtext „Freie Kunst“ mit dem unsterblich gewordenen Aufruf „Singe, wem Gesang gegeben“ beginnen. Das sehen die rund 25 Mitglieder des noch jungen Dachauer Seniorenchors „Silverpower“ vermutlich ganz anders – falls diese Liedzeile mal wieder so interpretiert werden sollte, dass nur singen soll, wer über eine glockenreine, gut geschulte Sopran-, eine verführerische Tenor-, eine sinnliche Alt- oder eine mächtige Bassstimme verfügt. „Bei uns kann jeder mitsingen, egal ob er Notenkenntnisse und Chorerfahrung hat oder nicht, schon immer oder noch nie gesungen hat. Wir sind in jeder Beziehung barrierefrei“, sagt die Vorsitzende Regine Woste, die wie ihre Mitsängerinnen und ein Mitsänger längst weiß: Gesang ist jedem gegeben.
Das wollen sie am Sonntag, 26. April, von 16 Uhr an, im Ludwig-Thoma-Haus bei einem Mitsing-Nachmittag unter Beweis stellen. Sie laden daher „Kleinkinder, Großfamilien, Senioren, Könner und musikalische Einsteiger“ zum gemeinsamen Singen von Gospels, Kanons und Schlagern ein. Wobei sich unter den Schlagern „Er hat ein knallrotes Gummiboot“, einst von Wencke Myhre zum Hit gemacht, besonderer Beliebtheit erfreut. Denn kaum fällt der Name, singen die Damen fröhlich los.
Wie aber haben sie sich gefunden? Wer hatte die Idee zu einem Seniorenchor, den es so in der lebendigen Dachauer Chorlandschaft bislang nicht gab? Auslöser sei ein Bericht im SZ-Magazin über den Hamburger „Heaven-Can-Wait-Chor“ gewesen, erzählt Regine Woste. Nach dem Motto „Das können wir auch“ taten sich schnell einige Gesangsbegeisterte zusammen, zahlten erst einmal selbst für Stimmbildung und Mitsingen und gründeten im November vergangenen Jahres mit viel Elan offiziell den „Silverpower-Chor“ als eingetragenen Verein. „Damit wir auch Zuschüsse bekommen können, denn bislang haben wir alles aus eigener Tasche bezahlt“, sagt die Vorsitzende.
„Wir sind nicht für eine Sängerelite, sondern wir sind für alle da.“
Der Hamburger „Heaven-Can-Wait-Chor“ ist übrigens kein Vorbild für die Dachauer Sängerinnen: „Wir haben keine ausgebildeten Opernsänger dabei; wir sind nicht für eine Sängerelite, sondern wir sind für alle da“, sagt eine Sängerin. Und ein Mindesteintrittsalter von 70 Jahren festzulegen, käme dem Silverpower-Chor erst gar nicht in den Sinn. Zwischen 60 und 86 Jahre sind sie alt, würden aber auch Jüngere aufnehmen, obwohl das nicht so wirklich ihre Zielgruppe ist. Vielmehr richten sie sich an Frauen und Männer, die bislang eher im stillen Kämmerlein gesungen haben, in den Chören der Region keine Heimat gefunden haben oder sie – rein altersmäßig betrachtet – auch nicht mehr so leicht finden. Manche seien gar aus ihren Chorvereinigungen hinauskomplimentiert worden, erzählen sie. Warum? „Die Stimme verändert sich mit dem Alter“, sagt eine schulterzuckend. Das sei zwar auch bei Männern der Fall, „aber da gibt es nicht so viel Nachwuchs, deshalb bleiben die im Chor“.
Für die Silverpower-Ladies gibt es jedoch noch weitere entscheidende Argumente, warum sie in ihrem neuen Chor mitmachen: „Wir sind im Spaßbereich unterwegs“, heißt es. Höchst anspruchsvolle Chorliteratur haben sie deshalb erst einmal nicht im Programm. Die Sängerinnen wollen das einstudieren, „was für uns singbar, was nicht so stressig und was fröhlich ist“. Sie haben jedoch mindestens so viel Ehrgeiz wie die bekannten Laien-Konzertchöre. Weshalb sie gerne dem Dirigat von Chorleiter Kilian Gumbart folgen, der mit seinen 30 Jahren der Jüngste in dieser begeisternden Chorrunde ist und ebenso gespannt auf den Mitsing-Nachmittag ist wie alle anderen.

Für die Sängerinnen und ihren (noch) einzigen Mitsänger gibt es jenseits des Spaßes durchaus ernste Beweggründe, bei „Silverpower“ mitzumachen, nämlich die positiven Auswirkungen auf Körper und Geist, die sie aus eigener Erfahrung kennen – und die in vielen renommierten Studien bestätigt worden sind: Singen stärkt das gesamte Immunsystem. Es trainiert die Atemmuskulatur und erhöht die Lungenkapazität. Beim Singen werden beide Gehirnhälften aktiviert – das schult das Gedächtnis, worauf der Chor viel Wert legt. Der wohl wichtigste Beweggrund ist aber: Im Chor zu singen stärkt die sozialen Bindungen und hilft gegen Einsamkeit. „Singen ist wichtig fürs Gemüt, es ist das reinste Antidepressivum“, fasst Regine Woste die lebhafte Unterhaltung zusammen, bevor sich alle um Chorleiter Gumpart und Pianist Andreas Kutschera scharen und mit der Generalprobe für den großen Auftritt am Sonntag beginnen.
Sing und swing mit Silverpower, Sonntag, 25. April, 16 Uhr im Ludwig-Thoma-Haus Dachau, Eintritt frei, Spenden willkommen.

