Trendsport CalisthenicsDas Frischluft-Fitnessstudio

Lesezeit: 4 Min.

Workout zum Feierabend: Robin Wunderlich und Oksana Chyslovska nutzen die Calisthenics-Anlage an der Erich-Ollenhauer-Straße zum Training mehrmals die Woche.
Workout zum Feierabend: Robin Wunderlich und Oksana Chyslovska nutzen die Calisthenics-Anlage an der Erich-Ollenhauer-Straße zum Training mehrmals die Woche. Toni Heigl

Vor fünf Jahren ließ die Stadt Dachau eine erste Calisthenics-Anlage an der Amper bauen. Solche Sportparks gibt es inzwischen in immer mehr Städten. Ob Kindergeburtstage, Rentnerfitness oder Instagram-taugliche Körperakrobatik – hier mischen sich Milieus. Warum die Metallstangen für Eigengewichtsübungen eine letzte Zuflucht im öffentlichen Raum sind.

Von Jessica Schober, Dachau

Ein paar Stangen, die für manche hier die Welt bedeuten, schimmern metallisch im Abendlicht, staubig-weiße Hände krallen sich darum. Die Menschen, die an den Stangen hängen oder sich an ihnen hochkämpfen, sind fokussiert. Einer schnauft, eine stöhnt, einem anderen tropft der Schweiß auf den Kunststoffboden. Der überschaubare Sportpark in der Nähe des Amperufers ist gut besucht zur Feierabendzeit. Hier trainieren Freizeitsportler und Ausnahmeathleten wie der Weltrekordhalter Maksim Trukhanavets. Vor fünf Jahren hat die Stadt auf Antrag der SPD-Fraktion die Anlage im öffentlichen Raum aufgestellt – eine Erfolgsgeschichte, wie sie sich in vielen Orten in ganz Deutschland wiederholt.

Was früher der Trimm-dich-Pfad war, ist heute die Calisthenics-Anlage. Bloß braucht es für diese deutlich weniger Platz als für einen Rundlaufparkours im Wald. Das kommt in Zeiten des Siedlungsdrucks und Flächenfraßes all jenen Kommunen entgegen, deren städtische Sportorte kaum mehr ausreichen für die Bedarfe der Bevölkerung. In Dachau beispielsweise attestierte schon 2019 eine Studie zum Sportraummangel, dass es gemessen an der Zahl der Einwohnenden längst nicht mehr genug Flächen für Bewegung gebe. Dass Auslauf und Durchlüften jedoch auch für Zweibeiner recht arterhaltend sein können, merkten viele, als die Pandemie sie ins Home-Office und zum Wohnzimmer-Workout verdammte. Spätestens als die Fitnessstudios der Republik aufgrund der Ansteckungsgefahr schlossen, begann der steile Aufstieg der Calisthenics-Anlagen – auch wenn selbst diese eine Zeit lang gesperrt blieben.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Für dieses Frischluft-Fitnessstudio muss niemand Eintritt zahlen. Es hat ganzjährig rund um die Uhr geöffnet, ist wartungsarm und robust. In Dachau sind die einzelnen Geräte zu einem Rondell verbunden: zwei Sprossenwände, eine schräge Hangelleiter, eine Bauchschrägwand, eine Handstandwand, ein Liegestützbereich und eine Hüpfplattform, sowie zwei Stationen mit an Ketten hängenden Griffen und viele querlaufende Stangen bilden das Ensemble.

Dort trainiert gerade ein Sportler in Socken und lobt die Bodenbeschaffenheit aus dunkelgrünem EPDM-Belag, einem synthetischen Kautschukgranulat. In Erdweg liege Kies unter den Stangen, erzählt er, in Markt Indersdorf hätten sie leider Hackschnitzel hingeschüttet – das mache viele Bodenübungen unmöglich. Doch hier an dieser Anlage an der Erich-Ollenhauer-Straße sei alles perfekt, sagt er grinsend, steckt sich die Kopfhörer zurück in die Ohren und trainiert weiter. Es ist ein stilles, beharrliches Übereinkommen an diesem Ort, dass man sich hier gegenseitig einfach machen lässt. Wer öfter kommt, merkt jedoch bald, dass dies eine der meist genutzten öffentlichen Anlagen der Stadt sein muss – für deren Nutzung man nicht mal in einem Verein Mitglied sein muss.

„Manchmal stehen hier auch so krass aufgepumpte Typen mit grimmigen Gesichtern“

Das gefällt auch dem 44-jährigen Dietmar Fleischer, der an einem Nachmittag an der Calisthenics-Anlage an der Amper vorbeigeradelt ist und spontan angehalten hat, um ein paar Klimmzüge zu machen. „Mein Sohn ist gerade in der Nähe beim Klavierunterricht und in diesen 30 Minuten kann ich hier ein paar Übungen machen“, sagt der Dachauer im blaukarierten Hemd. Sein spontanes Workout sieht je zehn Klimmzüge, zehn Dips und 20 Liegestützen vor – das ganze wiederholt er in vier Serien. Dabei ist Fleischer keiner, der hier regelmäßig trainiert. Sonst macht er Aikido, geht Laufen, Wandern und spielt Fußball – aber weil die Anlage auf seinem Weg lag, hat er seine Fahrt für ein paar Eigengewichtsübungen unterbrochen. „Manchmal stehen hier auch so krass aufgepumpte Typen mit grimmigen Gesichtern an den Stangen, dann fahre ich lieber weiter“, sagt Fleischer und grinst etwas schief, „Aber wenn ein Kindergeburtstag Station macht, kann man super nebenbei sporteln.“

Oberbürgermeister Florian Hartmann bei der Einweihung der zweiten Dachauer Calisthenics-Anlage 2022 im Grünzug Augustenfeld.
Oberbürgermeister Florian Hartmann bei der Einweihung der zweiten Dachauer Calisthenics-Anlage 2022 im Grünzug Augustenfeld. Niels P. Jørgensen

Das hat auch die Dachauerin Andrea Basfeld beobachtet, die an einem Juniabend mit ihren Söhnen vorbeikommt: Der dreijährige Julius und der fünfjährige Johann baumeln an den Stangen, hakeln die Beine ein wie am Reck und probieren Klimmzüge. „Es ist eine schöne Abwechslung zu klassischen Spielplätzen und es ist erstaunlich, was auch Fünfjährige hier schon alles machen können“, sagt Basfeld. Obwohl ihre Jungs auch im TSV Dachau trainierten, sei sie froh, dass es öffentliche Sportplätze wie diesen gebe. Ihr größerer Sohn komme sogar regelmäßig mit seiner Kindergartengruppe vorbei, für Bewegung, Spiel und Picknick auf der Wiese.

Trendsport Calisthenics
:„Ohne Ausdauer und Beständigkeit kommt man da nicht weiter“

Er ist der Meister der Klimmzüge mit anschließendem Armstütz, mehr Muscle-ups schafft kein Mensch. Maksim Trukhanavets hält mehrere Weltrekorde in Eigengewichtsübungen, 700 000 Instagram-Follower schauen ihm beim Training zu. Seine Dachauer Wohnung hat der Mann aus Belarus extra so ausgesucht, dass er möglichst nah an einer öffentlichen Calisthenics-Anlage lebt.

SZ PlusInterview von Jessica Schober

Die Stadt Dachau hat rund 80 000 Euro in ihre beiden Calisthenics-Anlagen investiert, eine zweite steht seit 2022 im Grünzug beim Schulzentrum Augustenfeld. Beide Anlagen würden sehr gut genutzt, „überraschenderweise ganzjährig und bei fast jedem Wetter“, erzählt Stadtplanerin Ariane Jungwirth. Überwiegend „junge bis mittelalte, sportliche Männer“ nutzten die Geräte für Kraft- und Kardioübungen. Für die Stadt hat sich die Investition, die bei heutiger Haushaltslage kaum mehr denkbar wäre, gelohnt: „Der Mehrwert liegt darin, dass die Anlagen rund um die Uhr kostenlos genutzt werden können. Aus unserer Sicht handelt es sich um eine gute Alternative zum Fitnessstudio, da die Übungen hier in der Natur, unter freiem Himmel absolviert werden können und eine Anfahrt mit dem Fahrrad über den Ammer-Amper-Radweg möglich ist“, so Jungwirth.

An der Dachauer Calisthenics-Anlage hört man die Vögel aus den umgebenden Bäumen zwitschern.
An der Dachauer Calisthenics-Anlage hört man die Vögel aus den umgebenden Bäumen zwitschern. Toni Heigl

Natürlich seien die Calisthenics-Anlagen vom TÜV geprüft und entsprächen den gültigen Sicherheitsvorschriften, teilt die Stadt mit. Einmal in der Woche werden sie auf Gefahren hin überprüft, wie beispielsweise durchgeschnittene Seile, Glasscherben und Vandalismusschäden. Unfälle seien nicht bekannt, bloß einige Schilder mussten zuletzt erneuert werden. Auf einer Tafel sind Übungsanleitungen beschrieben – doch die meisten Sportler, die hier trainieren, würdigen die Texttafeln keines Blickes, sondern wissen längst, was sie tun. Viele trainieren außerdem mithilfe ihres Handys.

Robin Wunderlich trainiert gemeinsam mit Oksana Chyslovska zwei- bis dreimal in der Woche an der Calisthenics-Anlage. „Es ist flexibel und unkompliziert – und es ist abwechslungsreicher als im Fitnessstudio“, sagt Wunderlich. Seine Freundin Chyslovska stimmt zu: „Wenn man zu Hause alleine Sport macht, macht es viel weniger Spaß als hier draußen mit den anderen Leuten.“ Chyslovska trainiert seit einigen Monaten darauf hin, einen Klimmzug zu schaffen. Bis ihr die Übung gelingt, stärkt sie ihre Armkraft mit sogenannten „negativen Klimmzügen“ und lässt die Bewegung quasi rückwärts ablaufen. Auch ein verstärktes Gummiband hilft ihr, Klimmzüge zu üben, ohne dabei schon ihr gesamtes Körpergewicht heben zu können.

Wenige Meter von ihr federt Supersportler Maksim Trukhanavets die Stange empor wie ein aufziehbares Kinderspielzeug, dem nie die Kraft auszugehen scheint. Robin Wunderlich sagt anerkennend: „Es sieht alles ganz leicht aus, aber für Normalsterbliche ist diese Leistung unerreichbar.“ Oksana Chyslovska lacht und fügt hinzu: „Das macht aber nichts. Wir integrieren eben den Sport in unser Leben – und nicht andersherum.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: