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Dachauer Bloggerin:Schreibprojekt Leben

Influencerin

Ihre Liebe zu Weisheit und Erkenntnis hat Tabatha Portejoie nicht nur dazu gebracht, Philosophie zu studieren, sondern auch ihre Gedanken zu teilen. Die Likes und Kommentare beeinflussen sie aber auch.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Tabatha Portejoie denkt über vieles nach, schreibt philosophische Texte und Gedichte darüber und teilt sie auf einem Blog mit 870 Abonnenten

Von Eva Waltl, Dachau

"Pseudophilosophische Binsenweisheiten, die sich unter dem Deckmantel von freien literarischen Essays verstecken." So lautet einer der ersten Sätze des Blogs freudentraeger.com, den die 27-jährige Tabatha Portejoie aus Dachau betreibt. Sie hangelt sich darin in kurzen oder weniger kurzen Textbeiträgen an philosophischen Fragestellungen entlang, veröffentlicht Gedichte und ergänzt diese mit Zitaten von Goethe und Konsorten. Jeder Text ist mühevoll aufbereitet, jedes Wort ist akribisch ausgewählt. In etwa 50 Beiträgen stellt die Dachauerin ein umfangreiches Potpourri ihrer philosophischen Denkweisen zusammen und ließ sich von Rückschlägen dabei nicht unterkriegen. Vielmehr schöpft sie daraus neue Kraft und bestreitet ihren eigenen Weg.

Portejoie studiert derzeit Philosophie an der Münchner Ludwig Maximilian Universität. Die Liebe zur Weisheit hat sie dazu gebracht, das allgemeine Fachabitur in Karlsfeld abzulegen. Das Studium war ihr Herzenswunsch.

"Ich habe mich schon vor dem Studium ausgiebig damit beschäftigt, viel gelesen und mir viel Wissen angeeignet", so Portejoie. Während des Studiums erkannte sie dann aber recht schnell, dass sie nicht im selben Grade frei im Umgang mit philosophischen Fragen sein konnte, wie sie es zuvor war. "Ich suchte also nach einer Ausdrucksmöglichkeit, einem Kanal, um meine philosophischen Gedanken ohne strenge Vorgaben teilen zu können." Weg von einengendem Universitätscurriculum äußert sie in ihrem Blog ihre Überlegungen zu Vergänglichkeit, Zufall und nebenbei singt sie ein Loblied auf das Rauchen. "Der Blog war ein leichter Weg, um einfach mit dem Schreiben zu beginnen", erzählt sie. Er diene ihr auch als Motivation, dies regelmäßig zu tun. In ihren essayistischen Texten kann die Dachauerin ihren eigenen Zugang zur Philosophie darlegen und ihre Betrachtungen uneingeschränkt und frei weiterspinnen. Ihre Fähigkeit, komplexe Fragestellungen unterhaltsam auf alltägliche Situationen herunterzubrechen, macht sie sich dabei zunutze und dies macht auch den Charme vieler Beiträge aus. "Es fällt vielen Laien schwer, philosophische Texte zu lesen und zu verstehen. Meine Texte sollen für alle Leser zugänglich sein", erklärt sie ihr Grundkonzept.

Diese uneingeschränkten Möglichkeiten vermisst sie auch an der Bilder-App Instagram, bei der Fotos zwar gut, Texte aber weniger gut funktionieren würden, so Portejoie. Ihr Account zählt etwa 870 Abonnenten. Sie merkt dabei selbst, dass sie beim Nutzen der App ihre Inhalte den Kommentaren und Likes entsprechend anpasst. "Man bedient bei Instagram eine Blase, der man sich automatisch ein bisschen unterwirft", sagt die 27-Jährige. An der App bemängelt sie weiter, dass sie ihre Nutzer in Kategorien steckt: "Ich bin aber eben nicht nur jemand, der Bücher liest, und ich möchte die Freiheit haben, alles zu kommunizieren, was mich interessiert."

Instagram sei ein Sprungbrett gewesen, Aufmerksamkeit zu erlangen, sagt Portejoie. In ihrem Blog kann die 27-Jährige ihren Texten aber den Raum geben, den sie ihnen geben möchte. Daneben stellt sie auf der Homepage auch einige ihrer Bilder dar. "Ich habe schon immer gemalt und konnte gut zeichnen." Es mache ihr Spaß, die Bilder anzufertigen, erzählt sie. Dennoch sei sie in dem Medium Bild weniger frei als sie es ist, wenn sie Texte kreiert. In den Jahren 2017 bis 2019 sammelte sie eine große Menge an Essays, die sie in Form eines Buchs bündeln wollte. Nachdem ihre Verlagssuche aber von wenig Erfolg gekrönt war, ging sie den ungewöhnlichen Weg und veröffentlichte ihr Buch selbst. "Ich habe auf mein Manuskript von den Verlagen nur automatisierte Absagen erhalten", beklagt sie. Sie ließ sich davon aber keineswegs abhalten, sondern fand eine Alternative. Seit vergangenem Sommer ist ihr Buch "Frau zeigt ihr Inneres zum ersten Mal" auf Amazon erhältlich und hat bereits mehr als 30 Leser gefunden. "Ich hatte quasi keine andere Wahl, als das Buch über Amazon zu veröffentlichen." Sowohl ihr Instagramaccount als auch ihr Blog dienten ihr dabei, ihr Buch anzukündigen und zu bewerben. "Viel funktioniert aber auch über Mundpropaganda und Empfehlungen", ergänzt sie.

Unter der Corona-Pandemie wurde auch die Schreibfähigkeit der 27-Jährigen in Mitleidenschaft gezogen. Anfänglich verfasste sie im Zweiwochenrhythmus Beiträge für ihren Blog. "Mittlerweile poste ich weniger regelmäßig", sagt sie. Dies liege auch an den aktuell geltenden Beschränkungen: "Der Einfluss von außen, der mich inspiriert, fehlt", beklagt Portejoie und bleibt dennoch zuversichtlich, dass die Zukunft wieder viel Inspirierendes für sie bereit halten würde. Denn genau so will sie weitermachen: Ihr Studium beenden und "immer genug Zeit und Energie haben, an Schreibprojekten zu arbeiten. Ich brauche den Blog für meine geistige Gesundheit." Sie schmunzelt, wenn sie das erzählt und jagt schon ihrem nächsten Gedanken nach.

© SZ vom 13.04.2021
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