BestattungswesenEine junge Frau zwischen Trauer und Trost

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Bei einem Berufspraktikum in der zehnten Klasse ist Katharina Neusiedler zum ersten Mal mit dem Bestatterhandwerk in Kontakt gekommen. Schon da wusste sie: „Das ist es.“
Bei einem Berufspraktikum in der zehnten Klasse ist Katharina Neusiedler zum ersten Mal mit dem Bestatterhandwerk in Kontakt gekommen. Schon da wusste sie: „Das ist es.“ Niels P. Jørgensen

Ein Glas Wasser, ein ruhiges Gespräch, respektvolle Fürsorge: Katharina Neusiedler begleitet Menschen beim Abschied von Verstorbenen. Mit 22 Jahren ist sie bereits Bayerns beste Nachwuchs-Bestatterin.

Alexandra Vettori, Dachau

Ein Tag schriftlich, zwei Tage Praxis, so sieht die Abschlussprüfung im Bestatterhandwerk aus. Ein Praxistest heuer war etwa: In 60 Minuten einen Sarg komplett ausstatten, Griffe und Füße montieren, Stoffbespannung, Kopfkissen, Decke und Blumenschmuck, insgesamt über 30 Einzelschritte. Auch das für die Prüfung simulierte Beratungsgespräch war eine schwierige Aufgabe: Eine Frau ist bei einem Autounfall tödlich verunglückt, Hinterbliebene sind Mann und Kind. Die Prüfung besteht aus einem Rollenspiel. Drei Prüfer schauen zu, der vierte spielt den Ehemann der Verstorbenen.

Katharina Neusiedler hat alles mit Bravour bestanden. Die 22-Jährige aus Freising hat bei der Deutschen Meisterschaft im Bestatterhandwerk 2025, ausgerichtet vom Bundesverband Deutscher Bestatter, den zweiten Platz belegt. Bayernweit steht sie mit ihrem Prüfungsergebnis auf Platz eins.

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Das Gespräch mit der 22-Jährigen findet im Konferenzraum des Dachauer Bestattungsunternehmens Hanrieder statt. In der zehnten Klasse Gymnasium hatte Katharina Neusiedler bereits ein Berufspraktikum bei dem alteingesessenen Dachauer Familienbetrieb absolviert, da war sie 18. „Ich wusste sofort, das ist es“, erzählt sie. Die Vielfalt der Aufgaben und Menschen und diese besondere Empathie, die gefragt sei, all das habe sie gefesselt. Sie hat das Abitur trotzdem noch gemacht, danach aber sofort die Lehre zur Bestattungsfachkraft begonnen.

Menschen in Trauer sind Menschen in Ausnahmesituationen. Schock, Weinen, sehr hohe Sensibilität, bisweilen auch Aggressivität können Symptome sein. Um ihnen zu helfen, die Fassung zurückzugewinnen, könne man ein Glas Wasser anbieten, fragen, ob eine Gesprächspause gewünscht sei, zählt Neusiedler auf.

Psychologie ist Teil der theoretischen Ausbildung, trotzdem habe sie erst lernen müssen, Aggressionen nicht persönlich zu nehmen. „Wichtig ist, den Trauernden Zeit und Raum zu geben. Aber unter Umständen ist es besser, ein Gespräch abzubrechen.“ Was Hinterbliebenen helfe, sei der Respekt den Toten gegenüber: „Deshalb sagen wir auch nie Tote oder Leichen, sondern sprechen immer von Verstorbenen“, erklärt Neusiedler.

Ralf Hanrieder legt größten Wert auf die Ausbildung seiner Lehrlinge. Wohl auch deshalb ist Katharina Neusiedler in diesem Jahr Bayerns beste Auszubildende im Bestatterhandwerk.
Ralf Hanrieder legt größten Wert auf die Ausbildung seiner Lehrlinge. Wohl auch deshalb ist Katharina Neusiedler in diesem Jahr Bayerns beste Auszubildende im Bestatterhandwerk. Niels P. Jørgensen

Wie kommt ein junger Mensch mit so viel Trauer und Tod zurecht? „Wir stellen grundsätzlich erst ab 18 Jahren ein“, sagt Ralf Hanrieder, Katharina Neusiedlers Chef. Die jungen Leute werden lange nicht allein gelassen, sondern hospitieren bei erfahrenen Kollegen. Dennoch schränkt Hanrieder ein: „Es ist mir wichtig, dass auch ein junger Mensch den Anblick des Todes sieht und spürt. Denn das wird ein großer Teil seines Berufes sein.“ Wie er oder sie damit umgehe, hänge von der Reife ab. Schon im Schulpraktikum habe Katharina Neusiedler da überzeugt.

Den ersten Verstorbenen hat Katharina Neusiedler schon in dem Praktikum erlebt.  Er sei aus dem Krankenhaus abgeholt worden und sie habe ihm eine Socke anziehen dürfen. Erst habe sie Hemmungen gehabt, „aber dann habe ich mich dem Verstorbenen vorgestellt, und dann ging es“, schildert die junge Frau.

Die hygienische Erstversorgung und dann die kosmetische Versorgung sind zentrale Bestandteile der Arbeit eines Bestatters oder einer Bestatterin. Erstere geschieht mithilfe von Desinfektionsspray und ist auch zum eigenen Schutz. „Wir haben keine Einsicht in Patientenakten und wissen nicht, ob es nicht eine Infektionskrankheit war“, erklärt Hanrieder.

Haare waschen und Föhnen gehören dazu

Die kosmetische Versorgung dagegen gibt den Verstorbenen ihre Würde zurück und erleichtert den Angehörigen den Abschied, vor allem, wenn ein solcher am offenen Sarg geplant ist. Haare waschen und Föhnen sind Standard, auch Puder und Schminke und natürlich die von den Angehörigen bereitgestellten Lieblingskleider.

„Für die Prüfung hatte ich sogar Nagellack dabei“, erzählt Neusiedler lächelnd. Der könne eine große Rolle spielen, ebenso wie ein typisches Parfum. Sie erinnert sich an eine verstorbene alte Dame, die zu Lebzeiten stets Chanel Nummer fünf trug. Anhand eines Fotos habe sie die Dame frisiert, geschminkt, sogar die Zehennägel lackiert und dann einen Hauch Chanel aufgetragen. „Und plötzlich war das die Dame vom Foto.“

Auch eine Kristallbestattung ist heute möglich. Dabei wird die Asche der Verstorbenen zu Kristallen oder Edelsteinen gepresst.
Auch eine Kristallbestattung ist heute möglich. Dabei wird die Asche der Verstorbenen zu Kristallen oder Edelsteinen gepresst. Niels P. Jørgensen

Persönlich gehaltene Beerdigungen habe sie am liebsten, gesteht die junge Bestatterin, und am schönsten seien Motto-Bestattungen. „Ich hatte mal eine Lady in Pink-Bestattung und eine Schmetterlingsbestattung, da waren alle Blumen in Schmetterlingsform gebunden“.

Bestatter und Bestatterin sind meist die ersten Menschen, mit denen Angehörige nach einem Todesfall in Ruhe reden können. Sie erhalten dabei nicht nur aktive Hilfe bei der Trauerbewältigung, sondern auch in dem Dickicht an Pflichten, das sich nach einem Todesfall auftut. Fotos für das Sterbebild, die Musik für die Beerdigung, „da fangen viele an, zu überlegen – und das ist schon Trauerarbeit“. Dazu komme, dass die Hinterbliebenen oft über Wochen begleitet würden, bis die Bestattung dann stattfinde. „Da entsteht eine Bindung, obwohl man am Anfang die Person war, die sie am wenigsten sehen wollten“, sagt Neusiedler.

Sie erinnert sich an ein verstorbenes Kind, das sei ihr damals persönlich sehr nah gegangen. Als die Mutter sie dann bat, eine Rede bei der Beerdigung zu halten, habe sie sich erst beim Chef rückversichert, ob sie so etwas überhaupt dürfe. Er sagte, „wenn du es dir zutraust“. Hinterher habe ihr die Mutter versichert, wie gut ihr die Worte getan hätten. „Das ist das Schönste an diesem Beruf“, sagt Katharina Neusiedler mit einem Lächeln, „zu spüren, dass ich was tun konnte, eine Hilfe war“.

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