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Architekturforum Dachau:Zwei Häuser, die aus der Reihe tanzen

Der "Toaster" bringt Individualität in die Hermann-Stockmann-Straße. In einem Gebäude in Oberbachern verschmelzen Wohnkultur und Natur.

Gegensätzlicher hätten die beiden Häuser kaum sein können: das eine provokant in Form, Farbe und Material, das andere eher bodenständig, natürlich und nicht minder, aber ganz anders faszinierend. Die Tour des Architekturforums Dachau am Wochenende war so außergewöhnlich und interessant, dass sie ein großes Publikum anlockte und sich sogar trotz drohender Regenschauer Landrat Stefan Löwl (CSU) aufs Radl schwang, um zumindest bei der ersten Besichtigung des derzeit wohl umstrittensten Hauses in Dachau mit dabei zu sein.

"Toaster", "Radio", "Wohnwagen": Für das optisch völlig aus der Reihe tanzende Doppelhaus von Michael Schrodt in der Hermann-Stockmann-Straße gibt es inzwischen viele Namen. Und alle könnten sein Aussehen nicht besser beschreiben. Eingebettet zwischen Walmdachvillen und klassischen Einfamilienhäusern im konventionellen "quadratisch-praktisch-gut"-Stil mit hohem Spitzdach wirkt der abgerundete flache Klotz fast wie ein Außerirdischer, der sich in das letzte freie Eckchen gekuschelt hat. Tatsächlich lässt das Grundstück kaum Freiraum für Grün. Und die einzuhaltenden Abstandsflächen waren letztendlich auch der Grund dafür, weshalb das Haus in dieser Form gebaut werden musste, wie die Architektin Susanne Seemüller erklärt. "Anfangs war es ja klassisch geplant, aber das hätte nicht funktioniert."

Sich an die Walmdach-Uniformität anzugleichen, kam für den Bauherren und Spengler Michael Schrodt außerdem nicht in Betracht. So entstand die Idee mit dem abgerundeten Obergeschoss, wohl wissend, dass ein solches Objekt die Geister der Stadt scheiden wird. Bedenken hatte anfangs auch die Architektin selbst. Deshalb erstellte sie 3-D-CAD-Modelle und wanderte die Straße immer wieder ab. Letztendlich gab ihr der Blick durch die Allee den entscheidenden Impuls: "Wie ein Bilderrahmen legt sie sich um das damals freie Grundstück", erzählt sie und strahlt. "Da musste einfach etwas Besonderes entstehen."

Die rechtliche Baugenehmigung des außergewöhnlichen Hauses stellte jedenfalls kein Problem dar: seine Größe ist gleich denen der Nachbarhäuser, die Abstandsflächen werden exakt eingehalten. Der Plan des Spenglers, das gesamte Haus mit bis zu 80 Prozent recyceltem Aluminium zu verkleiden - die Front aus dunklen wie Lavastein wirkenden Platten, die Seiten mit goldenem Streckmetall, das wie ein Flechtkorb aussieht, - sorgten zwar für ästhetische Diskussionen, machten aber auch neugierig auf Neues. "Mir war wichtig, dass das Haus möglichst wartungsfrei und energetisch bestmöglich gebaut ist", erklärt Michael Schrodt, der etwa 90 Prozent des Baus in Eigenleistung erbrachte. Sein Dach-Entwässerungssystem, das Abdichten seines Kellers und andere wichtige "Kleinigkeiten" versetzten bei der Tour so manchen gestandenen Architekten in Staunen. Wenn auch die beiden Haushälften wohl mehr zwei Wohnungen für Singles sind, die viel Wert auf Exklusivität und wenig Wert auf freie Sicht und Garten legen, so atmete Emil Kath, der Vorsitzende des Architekturforums, regelrecht auf beim Anblick des Gebäudes. "Als Architekt bin ich froh, dass sich endlich einmal mit Häusern auseinandergesetzt wird." Die gängige Praxis des Kopierens und Vervielfältigens lehnt er auch in seiner Funktion als Städteplaner ab. "Das führt zu gesichtslosen Städten", sagt er. "Außerdem hat man mit solchen individuellen Gebäuden auch endlich wieder eine Orientierungsmöglichkeit", sagt's und schmunzelt.

Ganz anders hingegen das Haus von Innenarchitekt Bernhard Rückert in Oberbachern. Beginnend 2013 wurde es in nur fünf Monaten am Rand des Ortes mit freier Sicht zu drei Seiten gebaut. Ein nicht einfaches Unterfangen. Denn das Areal war in früheren Zeiten eine Sumpflandschaft, der Boden ist noch immer weich und vor allem feucht: schon in 1,50 Metern Tiefe blubbert das Grundwasser. Abgesehen von der durch und durch ökologischen Bauweise (Holztafelbau) zollt dieses Wohnhaus der Natur und ihren vier Bewohnern Respekt. "Ich wollte die Natur und die Landschaft in unser Gebäude einbeziehen. Deshalb hat auch jedes Zimmer zwei Fenster in zwei verschiedene Himmelsrichtungen", erklärt der zweifache Familienvater. Der faszinierende Höhepunkt des Hauses ist das "liegende Fenster" im etwas tiefer, weil der Bodenform angepasst, befindlichen Wohnzimmer: Wie ein überdimensionaler Fernseher gibt es den Blick in den hübschen Garten und auf die daran anschließende landwirtschaftliche Fläche ("zum Glück ein Bio-Anbau") frei. Dass bei dieser Aussicht der Flimmerkasten unnötig ist, steht nicht zur Debatte.

Klare Linien und ein durchdachtes Konzept ziehen sich außerdem vom Keller bis zum Obergeschoss hin. "In meiner Eigenschaft als Innenarchitekt habe ich nämlich das Haus von innen nach außen geplant", erklärt Bernhard Rückert. Dazu gehört auch der elf Meter lange Einbauschrank aus Lerchenholz, in dessen Front und seinen Einkerbungen sich die hohen Gräser der Umgebung wiederfinden. Mittelpunkt des Familienlebens ist der riesige Tisch, über dem - exakt hausmittig - der große orangefarbene Lampenschirm schwebt. Das Beleuchtungskonzept, das immer noch nach frischem Holz duftende Haus und seine harmonische Atmosphäre lassen bei vielen Besuchern den Wunsch aufkommen, am liebsten noch zu bleiben. Kein Wunder, dass 2014 der Deutsche Innenarchitekturpreis an Bernhard Rückert ging. Ausgezeichnet wurde das Gebäude in der Vergangenheit aber auch wegen seiner ökologischen Bauweise: 2014 erhielt es den Energieeffizienzpreis und ein Jahr darauf den Umweltpreis des Landkreises Dachau. Und damit beweist dieses Gebäude auch: Umweltbewusstes Wohnen kann kaum schöner sein.

© SZ vom 08.11.2016
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