Beschwerden über Baumfällungen in Dachau:Wunder der Rasur

Gehölz

Mitarbeiter des Staatlichen Bauamtes Freising fällen einen Baum, indem sie ihn Stück für Stück abschneiden.

(Foto: Staatliches Bauamt Freising)

Wenn Behörden Bäume fällen oder Hecken roden, füllen sich die Postfächer von Kommunen und Verbänden oft mit Beschwerden. Zu Recht? Gehölzpflege und Naturschutz müssen keine Gegensätze sein.

Von Julia Putzger, Dachau

Späne fliegen, der Motor heult, die Sägekette kreischt: Wenn ein Baum fällt, sorgt das nicht nur akustisch für Aufregung. Besonders, wenn der Baum nach außen hin noch gut aussieht, kommt die Frage auf: Muss das sein? Nicht nur die Postfächer von Naturschutzverbänden, sondern auch die von Behörden füllen sich mit Beschwerden. Was sie vom Kahlschlag halten, ist mitunter höchst kontrovers.

Es ist ein Spannungsfeld, das die vermeintlich gegensätzlichen Punkte Naturschutz und behördliche Gehölzpflege markieren. Darin bewegen sich acht Akteure: die Naturschutzverbände selbst, wie etwa der Bund Naturschutz oder der Landesbund für Vogelschutz (LBV), die sowohl aktiv Naturschutzprojekte aller Art vorantreiben, aber oftmals auch kritisch beratend bei Vorhaben zur Seite stehen; die Gemeinden, deren Vertreter sich meist mehr oder weniger konkrete Ziele in Sachen Naturschutz gesetzt haben, die dann zum Beispiel über zusätzliche Referenten Naturschutzberater - wie etwa in Hebertshausen - in den Vordergrund gerückt werden sollen. Doch auch die kommunalen Bauhöfe spielen eine wichtige Rolle, sind sie es doch, die den Bäumen und Hecken zu Leibe rücken. Dem Staatlichen Bauamt Freising kommt eine ähnliche Aufgabe zu, denn dessen Mitarbeiter sind unter anderem für die Gehölzpflege entlang von Staatsstraßen zuständig. Dann gibt es selbstverständlich noch die Untere Naturschutzbehörde (UNB) im Landratsamt, die die Einhaltung der Naturschutzgesetze und Vorschriften überwacht und Erlaubnisse für Eingriffe erteilt. Ebenfalls nicht zu unterschätzen sind die Landwirte, denen beim Naturschutz oft der Schwarze Peter zugeschoben wird, die sich aber laut eigener Aussage immer mehr dem Naturschutz verschrieben haben. Im Landschaftspflegeverband (LPV) sind politische Gremien, Landwirtschaft und Naturschützer gleichberechtigt vertreten. Und dann ist da noch der besorgte Bürger, der sich über den gefällten Baum oder die gerodete Hecke ärgert.

Allein die Länge dieser Liste zeigt: Einstimmige Entscheidungen ohne nachträgliche Beschwerden bei Naturschutzprojekten müssen als kleines Wunder gelten. Trotzdem betonen die Verbände, Behörden und Bauern: Die Zusammenarbeit im Landkreis läuft gut und vor allem konstruktiv. Von einer "180-Grad-Wende" in den vergangenen Jahren spricht Cyrus Mahmoudi, Vorsitzender des LBV Dachau, und schiebt hinterher: "Trotzdem müssen wir nicht auf Kuschelkurs fahren."

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Mitarbeiter des Staatlichen Bauamtes Freising sind für die Gehölzpflege entlang der Staatsstraßen im Landkreis Dachau zuständig.

(Foto: Staatliches Bauamt Freising)

Was bedeutet das alles anhand eines Beispiels, etwa beim Fällen eines Baums oder beim sogenannten auf Stock setzen einer Hecke, also dem abschnittsweisen totalen Rückschnitt? "Es hängt vielfach von der Perspektive und Leidenschaft ab und natürlich von der Zielsetzung", weiß Esther Veges als LPV-Geschäftsführerin nur zu gut. Vor allem externen Beobachtern sei oft nicht bekannt, mit welchem Ziel eine bestimmte Maßnahme durchgeführt wird und welche Vorgaben es dafür gibt: "In Bodenbrütergebieten sollten zum Beispiel keine vertikalen Strukturen, also Bäume, Sträucher, Sonnenblumen, vorhanden sein, da sie für Greifvögel eine Sitzgelegenheit bieten und damit die vom Aussterben bedrohten Bodenbrüter stark gefährden", erläutert Veges. Generell könnten Hecken aber auch "überaltern" und so ihre Lebensraumfunktion verlieren, etwa, wenn sie vor 20 Jahren gepflanzt wurden und seitdem keine Pflegeschnitte vorgenommen wurden. Bei entsprechenden Erneuerungsmaßnahmen wird deshalb im Abstand von zwei Jahren je ein Abschnitt von 20 bis 50 Metern auf Stock gesetzt, sodass die Hecke verjüngt und gestärkt wieder aufwachsen kann und "Stockwerke" in der gesamten Hecke entstehen.

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Wenn das Staatliche Bauamt Freising Bäume oder Sträucher entfernt, tut es das aus einem Grund: Wahrung der Verkehrssicherheit.

(Foto: Staatliches Bauamt Freising)

Für Thomas Jakob, Pressesprecher des Staatlichen Bauamts Freising, gibt es hingegen vor allem einen Grund für Eingriffe in die Natur: die Verkehrssicherheit. Die Anforderungen an Bäume in unmittelbarer Nähe zu Straßen seien deshalb nicht vergleichbar mit denen von Bäumen im Wald. Trotzdem: "Die Bäume werden erhalten und gepflegt, so lange es möglich ist. Das Fällen ist dabei immer der letzte Weg. Wir fällen nicht einfach so einen Baum oder schneiden ohne Grund Gehölze zurück", betont Jakob. Um Konflikte künftig zu vermeiden, erstelle man aktuell eine Bilddatenbank, die die schnelle Regenerationsfähigkeit von Gehölzen dokumentiert. "Klar sieht das erst mal alles radikal abgeholzt aus, so als wäre alles tot. Wer im städtischen Raum groß geworden ist, empfindet das als schlimm. Im ländlichen Raum haben wir eher weniger Beschwerden, denn die Landwirte machen das ja auch, da kennt man das", hat der Pressesprecher eine Erklärung für so manche Anfrage parat. Er sieht die Dinge damit ganz ähnlich wie Monika Gasteiger. Die Landwirtin aus Hebertshausen ist seit rund einem Jahr auch Landwirtschaftsbeauftragte der Gemeinde Hebertshausen und damit Vermittlerin zwischen Bürgern und Landwirten. "Wir Landwirte sehen uns als Naturschützer", betont sie und bekräftigt diesen Standpunkt mit einer langen Liste an Naturschutzmaßnahmen, die die Landwirte der Gemeinde in jüngster Zeit umgesetzt haben.

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Ein Mitarbeiter des Staatlichen Bauamtes Freising beim Absägen eines Baumstamms.

(Foto: Staatliches Bauamt Freising)

Geht das konform mit dem bei vielen verhassten Spritzen, mit dem Mulchen von Feldwegsrändern, mit Monokulturen? Ja, findet Gasteiger: Das Spritzen etwa sei keinesfalls etwas, was die Landwirte gerne täten. Aber Alternativen brächten oft ebenfalls Nachteile mit sich: Beispielsweise sei das Striegeln, also der Einsatz von Gerätschaften zur Unkrautbekämpfung in der Bio-Landwirtschaft, "der sichere Tod von Bodenbrütern". Gerne könne man über das Thema diskutieren, aber dann bitte "auf fachlicher Ebene". Gasteigers Kollege Martin Baars, Biologe, FOS-Lehrer und Umweltbeauftragter der Gemeinde Hebertshausen, fasst dazu zusammen: "Immer wenn der Mensch eingreift, hat das Folgen." Je nach dem, welches Ziel man vor Augen hat, werde eine Maßnahme eben unterschiedlich beurteilt.

Roderich Zauscher, Vorsitzender des Bund Naturschutz im Landkreis, beurteilt vor allem das Vorgehen so manchen Bauhofs eher kritisch: "Hier besteht dringend Fortbildungsbedarf, sehr oft wird hier ohne jegliches Gefühl vorgegangen. Da ist vieles im Argen." Trotzdem könne man nicht alle über einen Kamm scheren: Im Landkreis gebe es gleichermaßen absolute Vorzeigebeispiele - an dieser Stelle lobt er ausdrücklich die Stadt Dachau - wie Schlusslichter, die er jedoch nicht namentlich nennen will. Nur so viel: "Jüngere Bürgermeister sind schon etwas näher dran am Naturschutz", so Zauschers These.

Und wie soll der verärgerte Bürger sich nun verhalten? Einerseits bestätigen LBV, Bund Naturschutz, UNB und die Stadt Dachau unisono: Wenn jemand dermaßen verärgert ist, dass er sich die Mühe macht, sich zu beschweren, dann gibt es in der Regel auch einen Grund dafür. "Dass an einer Beschwerde gar nichts dran ist, ist eher der Ausnahmefall", heißt es aus dem Landratsamt. Andererseits bedeuten die Beschwerden auch einen enormen Arbeitsaufwand: "Wir sind voll ausgelastet", sagt Mahmoudi vom LBV. Grund dafür sei eine "Riesenflut" an Bauanträgen, die oft zur Beurteilung aus Naturschutz-Sicht auch an den LBV weitergeleitet werden. "Da haben wir leider keine Kapazität für jeden einzelnen Baum." Auch bei der UNB, die Verstöße letztlich abmahnen muss, werde man nur in extremen Fällen vorstellig, "weil die Behörden ohnehin überlastet sind", erklärt Mahmoudi. "Sonst würde uns da keiner mehr ernst nehmen." Die UNB betont hingegen, dass ihre Mitarbeiter sehr gern zur Beratung zur Verfügung stehen und es vor allem bei größeren Eingriffen, welche "im Nachhinein nicht mehr repariert werden können", wünschenswert wäre, wenn dieses Angebot auch angenommen würde. Eine genaue Statistik führt man im Landratsamt zwar nicht, schätzt 100 Beschwerden pro Jahr aber als "durchaus realistisch" ein.

Wesentlich mehr sind es in der Stadt mit 20 pro Woche. Die Hälfte davon geht über das Online-Portal des Mängelmelders ein, Spitzenreiter ist das Thema Müll, gefolgt vom Rückschnitt von Bäumen. Moritz Reinhold, Leiter des Bauamts, appelliert angesichts der vielen Anfragen an die Bürger: "Wir würden uns mehr Vertrauen und Geduld, mehr Gelassenheit und einen höflichen Umgangston wünschen."

© SZ vom 10.04.2021
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