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Kultur in Dachau:Rückbesinnung auf das Wesentliche

Erstmals findet das Barockpicknick im Dachauer Hofgarten coronabedingt an drei aufeinander-folgenden Tagen statt - ganz ohne Gerangel um die besten Plätze.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Ein Mann lehnt sich entspannt zurück, greift nach einem Glas Wein, das gut erreichbar neben ihm auf dem Rasen steht, und genießt die Jazzklänge von Paolo Reccia und seiner Band. "Das ist der pure Luxus hier", sagt er. Es ist Freitagabend und der Mann ist einer der vielen Besucher des diesjährigen Barockpicknicks im Hofgarten. In der nicht wirklich warmen Sommerluft kämpfen um in herum unzählige Sommerblumen in Beeten und Rabatten mit der ganzen Kraft ihrer Farben tapfer gegen graue Wolkengebilde an.

Alles wie immer bei Dachaus größter Freiluftveranstaltung? Natürlich nicht. Schließlich leben auch die Dachauer seit Monaten in und mit der vielstrapazierten, coronabedingten "neuen Normalität". Da hängen die Bedrohungen der Pandemie wie ein Damoklesschwert über allem und lassen das Barockpicknick deshalb umso mehr wie eine kleine Flucht erscheinen - auch wenn sich viele Gespräche auch an diesem Abend um dieses vermaledeite Virus drehen. Gleich dreimal war das heuer für jeweils rund 200 Menschen möglich: am Freitag mit dem Paolo Reccia Quartet, Samstag mit dem Claudia Koreck Duo und Sonntag mit Mathias Kellner - übrigens ganz ohne barocke Töne.

Am Eingang: Strenge, kontaktlose Kontrolle und Securitymänner

Karten gab es nur im Vorverkauf und nur online. Am Eingang: Strenge, kontaktlose Kontrolle und Securitymänner, die jeden zu seinem Platz geleiten. Kulturamtsmitarbeiterin Tanja Jørgensen-Leuthner geht am Freitag von Besucher zu Besucher und füllt die obligatorischen Namenslisten aus. Klingt alles etwas bürokratisch, ist es aber ganz und gar nicht. Schließlich ist das Kulturamt an die gerade geltenden Vorschriften gebunden. Doch wie allerorten kommt es auf die Umsetzung an.

In Sachen Barockpicknick am Freitag hätten die Herren vom Securityservice locker den Empfangschefs luxuriöser Hotels Konkurrenz machen können. Sie fragen höflichst jeden, der Einlasskontrolle und Desinfektionsstation passiert hat, nach seinen Platzwünschen. Sie bauen je Bedarf und Möglichkeit auch schon mal die mit rot-weißen Absperrbändern markierten Claims auf dem sorgsam gepflegten Rasen um, wenn einzelne Grüppchen näher zusammenrücken wollen - und achten dabei penibel auf den gebotenen Abstand.

Ein sehr angenehmer Auftakt

Ein sehr angenehmer Auftakt, der einen mit leichtem Grausen an das sonst übliche Gedränge und Gerangel um den persönlichen Wunschplatz zurückdenken lässt. Die Rückschau auf die teils wortgewaltigen Verteidigungen des eigenen Terrains und den Aufmarsch ganzer Bollerwagenladungen mit gerade angesagten Picknick-Must-haves wirkt wie eine wenig ansprechende Reminiszenz an vergangene Zeiten. Denn heuer herrscht Abendfrieden unter den schwer an ihren Früchten tragenden Apfelbäumen, dominieren leises Geplauder und Musik zum Wegbeamen das Barockpicknick. Was fehlt? Dachaus Politprominenz (jedenfalls am Freitag), prunkende oder stilvolle Kandelaber, sich unter der Last von Speisen und Getränken biegende Tische, der mehr oder weniger stille Wettkampf um das aufwendigste Lampion-Arrangement. Stattdessen scheint eine Art neue Bescheidenheit eingekehrt zu sein. Picknickdecken und Campingstühle sind das Outdoor-Mobiliar des Abends, die unabdingbar notwendigen Häppchen - vielfach anheimelnde Hausmannskost statt des sonst gern gewählten deko-überladenen Fingerfoods - und die entsprechenden Getränke passen locker in einen Rucksack. Kleine Windlichter oder Laternen und tatsächlich ein paar Lampions in den Bäumen reichen für das Spiel mit Licht und Schatten völlig aus. Doch was ist das? Plötzlich erstrahlt ein Teil der Schlossfassade in flammendem Rot und gibt dem ehrwürdigen Gebäude die Anmutung eines Edelpuffs.

Fast alle Besucher halten sich übrigens an die Maskenpflicht, setzen die Mund-Nasen-Bedeckung brav für einen kleinen Spaziergang in den hinteren, menschenleeren und total romantischen Teil des Hofgartens auf - oder für den Gang zur eher profanen Toilette. Selbstredend fehlt der ein oder andere selbst ernannten Maskenwächter nicht, der sich lautstark empört, wenn ausnahmsweise mal jemand "ohne" vorbeiflaniert. Doch das tut der lockeren Stimmung keinen Abbruch. Paolo Reccia und seine Band umschmeicheln die Barockpicknicker - unter ihnen sind heuer auffallend viele junge Leute - mit ihrer Musik, die womöglich in einem heutzutage nicht mehr verrauchten Kellerlokal noch viel eindringlicher klingen könnte.

Zufriedener Kulturamtsleiter

Reccia ist in der Großen Kreisstadt kein Unbekannter. Er stammt aus Fondi, Dachaus italienischer Partnerstadt, und war bereits mehrmals Gast beim Dachauer Musiksommer. Das webt so etwas wie ein unsichtbares Band zwischen den Jazzern und ihrem Publikum. Die Gespräche werden leiser, die Musik spielt die Hauptrolle - auch das ein Barockpicknick-Novum, das gerne zur Tradition werden könnte, wie etliche Zuhörer sagen.

Kulturamtsleiter Tobias Schneider wirkt an diesem Abend durchaus zufrieden, denn schon am Freitag zeichnet sich ab, dass sein Experiment "Dreifach-Picknick" glückt. Er zeigt sich ziemlich beeindruckt vom reibungslosen Ablauf, von der friedlichen Atmosphäre und denkt laut darüber nach, welche Lehren für die Zukunft sich daraus ziehen lassen könnten. Doch noch "und mindestens bis ins nächste Jahr rein" seien konkrete Planungen ein Ding der Unmöglichkeit, sagt er. "Wir müssen immer wieder improvisieren". Wenn das so gut gelingt wie beim Barockpicknick 2020 mit seinem Luxus der ganz anderen Art muss einem um die Dachauer Kultur nicht bange sein.

© SZ vom 27.07.2020

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