Dachauer Bahnhof:Ringen um Verkehrsflächen

Dachauer Bahnhof: Auch der Bahnhofsvorplatz soll ganz neu gestaltet werden.

Auch der Bahnhofsvorplatz soll ganz neu gestaltet werden.

(Foto: Toni Heigl)

Die Stadträte einigen sich auf eine neue Planungsvariante für den Omnibusbahnhof am Dachauer Bahnhof. Kontroverse Diskussionen löst die Idee eines verkehrsberuhigten Geschäftsbereichs aus. Das bürgerlich-konservative Lager fürchtet Nachteile für benachbarte Läden

Von Julia Putzger, Dachau

Es hätte eine wegweisende Stunde für Dachaus öffentlichen Nahverkehr werden sollen. Stattdessen diskutierten die Stadträte über lange Strecken in der gemeinsamen Sitzung von Bau- und Planungsausschuss und Umwelt- und Verkehrsausschuss über Pkw-Parkplätze - nur um letztlich doch zu dem Schluss zu kommen, dass es dafür noch viel zu früh sei. Eine wegweisende Entscheidung konnte aber doch getroffen werden: Ohne Gegenstimmen einigten sich die Stadträte auf eine der drei neuen Planungsvarianten für den Zentralen Omnibusbahnhof im Norden des Bahnhofsareals.

Als vor einigen Monaten die Ergebnisse des Ideenwettbewerbs zur Neugestaltung des Dachauer Bahnhofs präsentiert wurden, konnten sich die Stadträte vor allem auf eines einigen: Skepsis. Der Siegerentwurf des Kölner Planungsbüros ASTOC überzeugte zwar in vielen Belangen, doch insbesondere im Bereich des Busbahnhofs favorisierten viele Stadträte die Lösung des zweiten Siegers. Schließlich wurde eine Liste mit 14 Punkten zur Einarbeitung für die Planer erstellt. Zwischenzeitlich meldete sich auch noch das Architekturforum Dachau mit Kritik am ASTOC-Entwurf zu Wort, samt sechs alternativen Gestaltungsvorschlägen. Am Dienstag versuchte nun ASTOC-Projektleiter Lukas Hegele alle Zweifel an den Planungen auszuräumen. In ihrem Wettbewerbsbeitrag hatten Hegele und seine Kollegen mehrere schmale Gebäude entlang der Frühlingsstraße vorgesehen, welche die Bushaltestellen räumlich von der Straße getrennt hätten. Jury und Stadträte plädierten jedoch für mehr Offenheit, weshalb Hegele nun gleich drei neue Möglichkeiten vorstellte, wobei sich die Kommunalpolitiker im Ausschuss schnell auf Variante zwei einigten. Bei dieser befinden sich die Gebäude alle entlang der Bahngleise. Durch den schmalen Gebäudesockel ist eine Nutzung im Erdgeschoss zwar nur eingeschränkt möglich, in den oberen Geschossen verbreitern sich die Gebäude jedoch oder ragen sogar über die Bussteige hinweg. Außerdem soll der Bereich zwischen den Bussteigen und den bestehenden Gebäuden auf der Westseite der Frühlingsstraße zu einem sogenannten verkehrsberuhigten Geschäftsbereich werden. In solch einer Zone teilen sich alle Verkehrsteilnehmer die Fahrbahn - es gibt also zum Beispiel keinen Radschutzstreifen - und es gilt ein Tempolimit von 20 Kilometern pro Stunde. Aufgrund von Vorgaben zur Fahrbahnbreite gäbe es oberirdisch keine Pkw-Parkplätze mehr sondern nur noch in der Tiefgarage.

Obwohl man in Ulm, Duisburg oder Biel schon sehr positive Erfahrungen mit dieser Art von Straßengestaltung gemacht habe, wie Hegele versicherte, regten sich unter den Stadträten Zweifel. So klagte Markus Erhorn (Freie Wähler Dachau) über "Bauchschmerzen", sollte man sämtlich bisher bestehenden Parkplätze zu beiden Seiten der Frühlingsstraße "einfach beerdigen". Dem schloss sich neben Horst Ullmann (BfD) vor allem die CSU-Fraktion an: "Der Ausbau des ZOB darf nicht zulasten der bestehenden Geschäfte gehen. Wir sehen hier eine Verschlechterung", stellte unter anderem Gertrud Schmidt-Podolsky (CSU) klar. Bauamtsleiter Moritz Reinhold versuchte zu beschwichtigen: Man könne beispielsweise den aktuell sehr breit vorgesehenen Bereich für Fußgänger und Bepflanzung verschmälern, indem man die Bäume weglasse - für das Bauamt käme das aber auf keinen Fall in Frage. Dazu meldeten sich auch Richard Seidl (Grüne) und Kai Kühnel (Bündnis) zu Wort, die sich generell mehr Grün wünschten.

Schließlich konnte man sich auf eine Prüfantrag einigen: Die Stadtverwaltung wird untersuchen, ob nicht zumindest ein Teil der Parkplätze vor den Geschäften bestehen bleiben kann. Außerdem versuchten Michael Eisenmann (Bündnis) und Volker C. Koch (SPD) ihre um die Geschäfte besorgten Kollegen zu beruhigen: Eine verkehrsberuhigte Zone steigere nämlich die gesamte Attraktivität des Areals, weshalb man künftig trotz fehlender Parkplätze direkt vor dem Laden mit mehr Kunden rechnen könne.

Ein weiterer Punkt bereitete allen Beteiligten Kopfzerbrechen: die Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes, die zuletzt vor allem das Architekturforum stark kritisiert hatte. Der Platz brauche mehr Freiraum, außerdem kritisierten die Forumsmitglieder Größe und Platzierung des massiven freistehenden Baukörpers. Dazu fand auch Schmidt-Podolsky in der Sitzung klare Worte: "Dieser Solitär ist ein Unding, viel zu klotzig und macht eigentlich alles kaputt." Planer Hegele erklärte, dass es schwierig werde, den Baukörper wesentlich zu verändern, gab aber grünes Licht für den Vorschlag des Architekturforums, das L-förmige Gebäude neben dem historischen Bahnhof höher zu gestalten und so möglicherweise an anderer Stelle weniger massiv zu bauen. Auf Wunsch der CSU-Fraktion soll zudem erneut überprüft werden, ob die Taxistellplätze, die sich nach aktueller Planung vor dem Solitär an der Frühlingsstraße befinden würden, näher ans Bahnhofsgebäude rücken können. An deren Stelle wünscht sich die CSU stattdessen drei Busausstiegsstellen.

© SZ vom 15.07.2021
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