Kein Wunder, dass das Azolla-Ereignis eine junge Seele beeindruckt. In diesen unsicheren Zeiten mit Herausforderungen wie der rasanten Klimaerwärmung. Auch wenn es dabei um einen Algenfarn geht, und das Ereignis 49 Millionen Jahre zurückliegt.
Benjamin Sedlmair, heute 18 und Abiturient am Ignaz-Taschner-Gymnasium in Dachau, war vor gut drei Jahren jedenfalls schwer beeindruckt, als er in Physik ein Referat über die Geschichte des Klimawandels gehalten hat. Bei den Recherchen war er auf das Azolla-Ereignis gestoßen, und der gleichnamige Schwimmfarn hat eine wahre Passion in ihm geweckt.

Während des Unteren Eozäns hat sich im Arktischen Ozean der Algenfarn Azolla massiv vermehrt, mehrere hunderttausend Jahre lang. Wissenschaftler leiten das heute aus einer mindestens acht Meter dicken Schicht am Grund des Arktischen Beckens ab. Darin enthalten sind kieselhaltige Sedimente aus Algen und solche aus abgestorbenen Azolla-Farnen. Man vermutet, Azolla hat der Atmosphäre so viel Kohlenstoffdioxid (CO₂) entzogen, dass die Art wesentlich dazu beitrug, das damalige Warmklima auf der Erde abzukühlen.
Der 15-jährige Benjamin Sedlmair war fasziniert: Könnte das heute wieder funktionieren?
Ein Teich im Garten
Nicht nur, dass der Algenfarn besonders viel CO₂ aus der Atmosphäre aufnimmt. Sedlmair verweist auf Studien, wonach Azolla wegen seines rasanten Wachstums 40 bis 50 Tonnen Kohlendioxid pro Hektar und Jahr aufnehmen kann. Der bayerische Staatswald kommt nur auf knapp elf Tonnen pro Hektar und Jahr.
Der nächste Schritt nach den Eimerversuchen war ein Teich im elterlichen Garten in Petershausen. Den hat der 15-Jährige damals selbst ausgehoben und mit Plastikfolie ausgelegt. Die Tests verliefen ermutigend, binnen kurzem schwamm ein dicker Algenfarnteppich im Wasser. Das jedoch nur in Frühling und Sommer, Azolla kommt in natürlicher Form in Südamerika vor, den mitteleuropäischen Winter überlebt die Art nicht. Hierzulande ist die Art als dekorative Aquariumspflanze bekannt.


Beim Gespräch im Schullabor sprudelt es nur so aus dem 18-Jährigen heraus, seine braunen Augen blitzen, die Begeisterung steckt an. Man schaut gebannt ins Reagenzglas, auch wenn sich all die vielen Fachtermini nicht so ganz erschließen. An der trüben Flüssigkeit hat Sedlmair monatelang getüftelt, sie ist Azolla sozusagen auf den Leib geschneidert, für maximales Wachstum. Im Frühsommer habe er „innerhalb von 28 Tagen eine Ver-42-fachung der Masse“ geschafft, sagt er stolz.
Kommt das Gespräch auf Unwissenschaftliches, etwa die Frage nach seiner Motivation, in so jungen Jahren der Hobby-Wissenschaft zu frönen, statt am Handy zu hängen, kommt kein Weltretter-Pathos: „Am Anfang war das reines Interesse, und dann kam eine Frage nach der anderen dazu“, sagt er nur.
In den vergangenen drei Jahren hat sich das Ambiente seiner Forschung verändert, vom Matschteich ins Labor. In Tobias Spiech fand er einen Biologielehrer, der das Engagement seines Schülers zu schätzen wusste und entsprechend förderte. Inzwischen hat Sedlmair ein Projekt mit Studenten der Freisinger Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ausgeführt und ein Praktikum an der TU München absolviert.
Für seine Seminararbeit durfte er dort sogar die Labore von Professor Thomas Brück vom Werner-Siemens-Lehrstuhl für synthetische Biotechnologie nutzen. Vor allem die extrem feinen Waagen haben ihm beim Kreieren seiner Azolla-Nährmedien geholfen: „Bis zu 0,25 Milligramm abwiegen, das konnte ich an der Schule einfach nicht.“ Mittlerweile ist die Arbeit fertig, Sedlmair hat darin zwei Nährmedien im Hinblick auf Kosten und Produktion von Azolla-Masse verglichen. Die Note wird in das Abitur einfließen, dessen Prüfungen im April beginnen. Darauf immerhin reagiert der 18-Jährige so wie jeder Abiturient: Er verzieht qualvoll das Gesicht.

Die Vorstellung, die er mit 15 Jahren hegte, dass sich Firmen Wasserbehälter mit Azolla-Farn aufstellen und so ihre CO₂-Bilanz verbessern, sie hat sich ebenfalls weiterentwickelt. Die Pflanze hat ja noch so viel mehr gute Eigenschaften. Sie ist eiweißreich und eignet sich daher als Tierfutter und sie kann teuren und klimaschädlichen Stickstoffdünger ersetzen. Als Nächstes möchte er untersuchen, wie man mittels Pyrolyse gewonnene Farn-Kohle nutzen kann.
Die Frage, ob er schon früher am liebsten mit Experimentierkästen gespielt hat, verneint Sedlmair: „Ich bin ein Kind vom Land. Ich hab mal was mit dem Papa repariert, aber das war’s auch.“ Für Tiere und Natur hat er sich dagegen schon immer interessiert, eine Zeitlang hielt er auch mal Hühner.
Obwohl ihn Azolla noch immer fasziniert, „als Hobby auf jeden Fall“ – zum Beruf wird er den Algenfarn wohl nicht machen. Ohne Doktortitel seien die Job-Aussichten in Biologie nicht so gut, antwortet er. Ein Doktor hieße aber, erst spät zu arbeiten anzufangen, das sei nicht in seinem Sinne. Deshalb überlegt er, „ob Maschinenbau nicht passend wäre“.
Ob ihn Zukunftsängste plagen, wie viele seiner Generation? Die Frage hat Benjamin Sedlmair auch schnell beantwortet: „Ich bin eher optimistisch. Aber manchmal muss man halt ein bisschen was dafür machen.“ Zwei Wege gebe es, den Klimawandel zu verlangsamen: CO₂ aus der Atmosphäre holen und den Ausstoß zu verringern. „Azolla“, sagt er und lächelt, „kann beides“.

