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Autokonzert in Dachau:Bua mit derber Bappn

Musiksommer 2020

Trotz aller Vulgarität offenbaren die Texte von Rapper Bbou einen Menschen, der sich viele Gedanken über sich und die Welt macht.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Dialekt-Rapper BBou aus der Oberpfalz rappt obszöne Zoten auf Bairisch, die häufig unter die Gürtellinie gehen. Seine Fans lieben ihn genau dafür

Von Andreas Förster, Dachau

Es war eine "geile" Show. Und dies ist insofern wörtlich zu nehmen, als dass der Künstler BBou seinen Auftritt selbst so empfand und auch nicht müde wurde, es mantraartig zu wiederholen. Geschuldet war die unverhohlene Euphorie vor allem der Tatsache, dass der bayrische Rapper mit dem losen Mundwerk anstelle einer johlenden, feiernden Menschenmenge nur ein Haufen Blech mit blinkenden Scheinwerfern vor sich sah. Kaum ein Laut drang zu ihm hoch, denn selbst das Hupen war den Besuchern erst am Ende des Autokonzerts gestattet. Dass er trotzdem rundum begeistert war, auf der Thoma-Wiese zu Dachau provokativ und bairisch zu rappen, lag freilich an der besondere Corona-Situation, die es Musikern unter besonderen Hygiene- und Abstandsauflagen erlaubt, vor Publikum live aufzutreten. Übertragen wurde der Sound mittels eines eigenen, lokal sehr begrenzten Ukw-Senders auf der Frequenz 95,2 direkt in die Soundsysteme der Autos, deren Fahrer zuvor ein Online-Ticket erworben hatten. Pro Auto waren zwei Personen plus Kinder erlaubt.

Kinder waren aber weit und breit nicht zu sehen. Da die Texte von BBou und seinem Spezi aus Kindheitstagen, Backgroundsänger und Co-Rapper Gwamperte Kiste, überwiegend in der Kategorie "nicht jugendfrei" einzustufen sind, waren, zumindest sichtbar, keine Minderjährigen anwesend. Vielleicht im Fuß- oder Kofferraum der Fahrzeuge versteckt, das wäre den Fans von BBou, diesem verqueren Sprachkünstler mit dem für Oberbayern - geschweige denn Nicht-Bayern - kaum verständlichen oberpfälzischen Dialekt durchaus zuzutrauen.

Auf dem Papier waren somit alle Konzertbesucher erwachsen. Trotzdem entstand der Eindruck, dass sich an diesem Abend mehrheitlich große Kinder, auf der Ludwig-Thoma-Wiese eingetroffen hatten, die einen diebischen Spaß hatten an allem, was sich verbal unterhalb der Gürtellinie bewegte. Dazu gehörte es dann auch, immer wieder Fürze, auf gut Bairisch "Schoaß" genannt, nicht nur zu thematisieren, sondern auch zu imitieren.

Bei ihrem Auftritt bewegten sich BBou (alias Boarischa Bou, bürgerlich Michl Honig), seine beiden Kumpels Kiste und DJ Sticki, der auf einer eigenen Kanzel für die fetten Bässe, Beats und ganz allgemein für die musikalische Untermalung der gerappten oder gesprochenen Texte sorgte. Im Vergleich mit seinen Fähigkeiten als Rapper sind BBous gesangliche Fähigkeiten so reduziert, dass er sie auf synthetisch verzerrte Tonabfolgen zwischen seinen Liedern, quasi als weiteres unterhaltendes Element beschränkt. Sein Repertoire speist sich aus den geistigen Ergüssen, die der 33-Jährige seit seiner Schulzeit in der dörflichen Idylle im Landkreis Amberg-Sulzbach, wo er immer noch lebt, bis vor etwa drei Jahren von der Seele zusammengeschrieben hat. Die Songs sind, obwohl oft ordinär, absolut authentisch und offenbaren bei aller Vulgarität einen Menschen, der sich eine Menge Gedanken macht über sich und die Welt. Er verpackt sie in eingängige Rhythmen, albert auf der Bühne herum, imitiert immer noch, wie einst auf dem Schulhof, eine Beatbox und rappt Freestyle, wirft derbe Sprüche ins Publikum und ist dabei ganz er selbst.

Musiksommer 2020

Christian und Florian vom Burschen- und Madlverein Markt Indersdorf haben sich ein Sofa mitgebracht, um das Konzert entspannt auf der Ladefläche ihres VW-Pritschenwagens genießen zu können.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mit seinem wild wuchernden Vollbart sieht BBou zwar älter aus als 33, aber er wirkt immer noch jung genug, dass man ihm seine wilden Eskapaden "An der Vilz" (dem örtlichen Fluss und Titel eines Songs), die Sexabenteuer mit den von ihm und seinen Kumpels verehrten Oberpfälzer Moidln (Mädchen, auch aus einem Song-Titel), übers Kiffen, über "Oasch und Titt'n" (an diesem Abend häufig gebrauchte Ausdrücke) immer noch abnimmt. Der Song, der seine Einstellung zum Leben am besten auf den Punkt bringt, ist aber wohl "So a Netter", BBous Manifest auf das Nicht-angepasst-Sein, gegen Mobbing und das Lästern über andere. Da heißt es unter anderem "Er war a so a Netter, wenn er ned rasiert war, wenn er ned so tätowiert war, wenn er mera wie wia war...". Soll heißen: Er wäre so ein Netter, wenn er nicht rasiert wäre, nicht tätowiert wäre, mehr wie wir wäre, dann hätte er es leichter.

Seine Fans, viele sind extra aus seiner Heimat, aus Amberg, Schwandorf, Regensburg, Neumarkt und Sulzbach-Rosenberg gekommen, lieben ihn genau für solche Texte. Aber nicht nur sie sind es, die seinen Hits aus dem letzten Album "Idylle", "A Hos, a Katz"und "Aboumoudou" bis zu eine Million Klicks auf Youtube bescheren. BBou ist als Vertreter bayerischen Subkultur in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen, wird sogar als einer der weniger bayerischen Dialektrapper auf Wikipedia genannt. Hinzu kommt: Der Oberpfälzer Dialekt erfreut sich dank Löwen-Erfolgstrainer Michael Köllner auch südlich der Donau steigender Beliebtheit. Bayerns Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger hat ebenfalls dafür gesorgt, dass der ostbayerische Dialekt überall im Freistaat angekommen ist. Und BBou hat einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Bewegung. Zurzeit bereitet er ein neues Album vor.

Und Eines ist sicher: BBou wird sich treu bleiben, das heißt Menschen außerhalb Bayerns werden es kaum verstehen.

© SZ vom 15.06.2020
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