Wäre Daniel Düsentrieb Künstler geworden statt Erfinder, seine Werke hätten wohl ganz ähnlich ausgesehen wie die von Oliver Hein: Fein austarierte technische Konstruktionen mit filigranen Hebeln, alles permanent in Bewegung. Kinetische Kunst mit Pfiff. Ein Jahr lang hat Oliver Hein an dieser Ausstellung getüftelt. „Ein Wahnsinnsprojekt“, sagt der Münchner Künstler. Und ein wahrer „Bastelmarathon“. Manchmal habe ihn das Gewirr der Kabel bis in seine Träume verfolgt. Seine Materialien holt Hein nicht aus dem Künstlerbedarf, sondern aus dem Baumarkt: Kabelbinder, Klebeband, Mehrfachsteckdosen.
Von der Decke hängt ein Teleskopstab mit Malerrolle und einem elektrisch betriebenen Mini-Propeller, der das Konstrukt ständig kreisen lässt wie eine Sonne in einem mechanischen Modell. Ein angekabelter Projektor wirft ein Live-Video der Dachauer Altstadt auf den Boden, das ebenfalls im Kreis rotiert. Die „Gleichzeitigkeit der Dinge sichtbar machen“, darum gehe es ihm, sagt Hein. Von der Wirklichkeit sieht man ja immer nur einen winzigen Ausschnitt.
Dass er Maschinen konstruiert hat, die für ihn malen, ist nur konsequent: Vorgänge interessieren ihn mehr als Ergebnisse. Der schnellen Taktung der modernen Konsumwelt verweigert er sich. Der von einer komplizierten Mechanik geführte Pinsel malt mit Wasser graue Striche auf die Leinwand, die sogleich wieder verdampfen. Wer sich auf seine Kunst einlassen will, muss Zeit mitbringen. Manche seiner Arbeiten reagieren auf Besucher, andere zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedene Facetten.



Auf keinen Fall verpassen sollte man die raumhohe Installation aus Rettungsfolien. Im sich zyklisch wandelndem Licht transformiert sie sich vor dem Auge des Betrachters von der soliden Säule zum offenen Raum und wieder zurück. Alles nur Physik und das Resultat besonderer Materialeigenschaften. In dieser stimmungsvollen Inszenierung hat das etwas Unwirkliches, fast Magisches. Auch hier ist alles in Bewegung: Formen, Farben, Linien und Licht entstehen, zerfließen und lösen sich auf. Auch das Verschwinden hat seinen Zauber.
Diese Arbeit „Solstice“ hat der Ausstellung ihren Namen gegeben: Sonnenwende. Kalendarisch liegt die zwar schon fast drei Wochen zurück, aber wen juckt das? Es sind kosmische Zyklen, ein verlässliches Kommen, Gehen und Wiederkehren. Im Chaos der aktuellen Zeitläufte liegt darin ein großer Trost.
„Solstice“, Ausstellung in der KVD-Galerie, Konrad-Adenauer-Straße 20, von Oliver Hein. Vernissage: Donnerstag, 9. Juli, 19.30 Uhr. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag von 16 bis 19 Uhr, Sonntag 14 bis 18 Uhr. Zu sehen bis 2. August.

