Ausstellung:Picknick im Taunus

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Die Gemäldegalerie Dachau widmet ihre aktuelle Ausstellung "Natur und Idyll" der Künstlerkolonie Kronberg. Sie überrascht mit ihrer Vielfalt an Stilen, von der Romantik bis zum Impressionismus.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Im Jahr 1852 verschlug es den in Wien geborenen Maler Norbert Schrödl (1842-1912) zum ersten Mal nach Kronberg. "Wir fuhren alle zusammen im Stellwagen hinaus, denn damals gab es noch keine Bahnverbindung mit Frankfurt", schreibt er in seinen Erinnerung. "Wir machten mit Staffelei, Feldstuhl und Malkasten weite Ausflüge in die schönen Taunuswälder und blieben ganze Tage draußen. Die Mutter sorgte für die nötigen Nahrungsmittel, die im Rucksack mitgenommen wurden, und wie herrlich schmeckte es unter den Hohen Bäumen, mit dem Gesang der Vögel als Tafelmusik!" Danach reiste er nach Dresden, nach Wien, Paris und Berlin, wo er lukrative Porträtaufträge erhielt. 1882 wurde er mit der ehrenvollen Aufgabe beauftragt, ein Bild der Kaiserin Augusta anzufertigen. Erst ein knappes halbes Jahrhundert später, im Jahr 1896, siedelte sich Schrödl endgültig in Kronberg an. Die alte Sehnsucht nach einer unverbildeten, natürlichen Welt hatte schlussendlich die Oberhand gewonnen. "Jeder Misthaufen ist mir jetzt lieber als der eleganteste Salon."

Künstlerkolonie Kronberg

Ein hochdramatisches Genrebild ist Norbert Schrödls Bild "Brand in Kronberg", um 1888. Repros: Gemäldegalerie Dachau

So wie ihm ging es zu dieser Zeit vielen Malern in Europa. Der Lärm, der Schmutz und das Elend der Industrialisierung machte die ländlichen Idyllen abseits der großen Städte zu Sehnsuchtsorten, in die man seine Vorstellung einer heilen Welt projizieren konnte und überdies fand man dort reizvolle Motive zum. So war es in der Künstlerkolonie Dachau, so war es aber auch in Kronberg, der die Gemäldegalerie ihre neue Ausstellung widmet, gewissermaßen als Rückspiel, nachdem 2019 eine Schau über die Künstlerkolonie Dachau in Kronberg zu sehen war.

Künstlerkolonie Kronberg

Noch unverkennbar romantische Züge trägt Anton Burgers Ölgemälde "Galante Gesellschaft beim Picknick in Kronberg", rechts, um 1874. Repros: Gemäldegalerie Dachau

Die Leiterin der Gemäldegalerie, Elisabeth Boser, hat in den vergangenen Jahren schon einen ganzen Strauß europäischer Künstlerkolonien vorgestellt, zuletzt sah man viele Dünen und Meeresszenen, aus Önningeby, Ahrenshoop, Katwijk aan Zee. Jetzt kommt etwas ganz anderes, und das findet die Ausstellungsmacherin auch so spannend und reizvoll an dem Themenkomplex der Künstlerkolonien: "Jede Künstlerkolonie hat ihre Eigenheiten."

Das idyllisch gelegene Städtchen m Taunus nimmt vielleicht sogar eine Sonderstellung innerhalb der deutschen Künstlerkolonien ein. Bereits 1823 zogen einzelne Künstler wie Anton Radl (1774-1852) - übrigens auch ein gebürtiger Wiener - nach Kronberg. Die meisten anderen Künstlerkolonien, Dachau eingeschlossen, etablierten sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts, also rund eine Generation später. Das merkt man vielen Werken dieser Malerkolonie an. Der Geist der Romantik durchweht hier noch die sorgsam komponierten und bis ins letzte Blättchen detailreich ausgearbeiteten Landschaftsgemälde. Genrebilder wie Wilhelm Friedenbergs (1845-1911) "Mutter mit Kind" sind bürgerliche Idyllen im Geiste des Biedermeier. Bei manchen Künstlern war die Romantik mehr als de Nachhall einer früheren Epoche. Der Maler Hans Thoma (1839-1924) schrieb in einem Brief an Gräfin Luisa Erdödy: "Es schwebt mir etwas vor, als könnte die gemalte Landschaft ein Stück Welt sein. In dem man die Unendlichkeit ahnt, so dass sie mehr sein kann, als das was man sieht." Caspar David Friedrich lässt grüßen.

So wie Dachau profitierte Kronberg von seiner dörflichen Idylle und seiner relativen Nähe zur Großstadt. In Frankfurt gab es die großen Galerien und verständiges Publikum mit Geld. Hier in der Mainmetropole studierten außerdem viele der Kronberg-Künstler bei Jakob Becker am Städelschen Kunstinstitut. Er hatte dort von 1842 bis 1872 den Lehrstuhl für Genre- und Landschaftsmalerei inne. Becker zeigte das Leben auf dem Lande - allerdings romantisch idealisiert - ohne den Schweiß und den Schmutz.

Künstlerkolonie Kronberg

Zum Anbeißen: das undatierte "Stilleben mit Birnen" der Malerin Mathilde Knoop-Spielhagen. Repros: Gemäldegalerie Dachau

Zentrale Figur und Mittelpunkt der Künstlerkolonie Kronberg war Beckers Schüler Anton Burger (1824-1905). Im Gegensatz zu seinem Lehrer bevorzugte er eine realistische Malweise. Von ihm zeigt die Gemäldegalerie Genrebilder aus dem Leben der einfachen Leute (Bauersleute und ein jüdischer Metzger in der Schirn) aber auch höfisch anmutende Szenerien wie die "Galante Gesellschaft beim Picknick in Kronberg" oder das "Mädchen in Maien" (beide von 1874), das bereits impressionistische Züge trägt. Am bräunlichen Kolorit erkennt man, wie die traditionelle niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts auf seine Arbeit abgefärbt hat.

Tatsächlich sorgte der Reiseverkehr der Maler für einen regen künstlerischen Austausch in Europa. 1858 beehrte sogar der große Gustave Courbet aus Paris die kleine Kolonie im Taunus mit seinem Besuch. Der französische Meister der realistischen Malerei urteilte über die deutschen Kollegen allerdings kritisch, sie malten "zu viel mit dem Kopf".

Ausstellung: Eine undatierte Tierstudie von Emil Rumpf (1860-1948) einer Kuh in Rückenansicht. Repros: Gemäldegalerie Dachau / Toni Heigl

Eine undatierte Tierstudie von Emil Rumpf (1860-1948) einer Kuh in Rückenansicht. Repros: Gemäldegalerie Dachau / Toni Heigl

Mit der ländlichen Abgeschiedenheit Kronbergs war es spätestens 1874 vorbei, als die Eisenbahnverbindung nach Frankfurt fertiggestellt wurde. Wohlhabende Bürger zogen in die Stadt und bauten sich repräsentative Villen, Kaiserin Victoria von Preußen Kornberg erkor Kronberg zu ihrem Witwensitz und baute sich ein protziges Anwesen in einer Mixtur aus englischem Tudor-Stil und deutscher Renaissance. Zu Ehre ihres verstorbenen Gatten Friedrich III. ließ sie sich "Kaiserin Friedrich" nennen und nahm Malunterricht beim eingangs bereits erwähnten Norbert Schrödl. "Wenn ich von Beruf nicht Kronprinzessin sein müsste, so wäre ich Malerin", wird ein Zitat von ihr kolportiert.

Frauen an der Staffelei gab es auch in Kronberg. Im öffentlichen Bewusstsein kommen sie heute leider kaum vor, weil man so gut wie nichts über sie weiß. "Bekannt ist lediglich, dass eine Vielzahl von Malerinnen in den 70er- und 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts das florierende Atelier Burgers besuchten", heißt es dazu im Katalog der Ausstellung. Eine der wenigen darin vertretenen Künstlerinnen ist Mathilde Knoop-Spielhagen (1863-1904). Ihr "Stillleben mit Birnen" ist so knackig gemalt, dass einem schon beim Betrachten das Wasser im Munde zusammenläuft.

Die große Herausforderung dieser Schau besteht in der überbordenden Vielfalt der Stile und Motive. Die insgesamt 62 ausgestellten Bilder stammen von 31 verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern. Hier einen roten Faden reinzubringen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. So wechseln sich die Ordnungsprinzipien ab, mal nach Chronologie, nach Thema oder Farbigkeit. Diese Diversität war vielleicht auch ein Grund für das harmonische Miteinander der Kronberger Künstler, die im örtlichen Gasthof "Zum Adler" oft rauschende Feste feierten. "Schön war in Kronberg war das Verhältnis der Künstler zueinander, soweit ich es beurteilen konnte", berichtet Philipp Franck in seinen Memoiren. "Jeder hatte seine künstlerische Domäne, die von den anderen respektiert wurde."

Mit dem Aufstieg des Impressionismus, zu deren herausragenden Vertretern in Deutschland Philipp Frank selbst avancierte, begann auch der Niedergang der Malerkolonie Kronberg. Insgesamt besuchten mehr als 100 Künstler das Städtchen im Taunus, darunter namhafte Maler wie Wilhelm Trübner, Hans Thoma und Carl Morgenstern. Fritz Wucherer und Emil Rumpf waren die letzten offiziellen Vertreter der Künstlerkolonie. Sie starben beide 1948.

Natur und Idylle. Die Künstlerkolonie Kronberg. Ausstellung in der Gemäldegalerie. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertag 13 bis 17 Uhr. Zu sehen bis 13. März 2022. Für alle Besucher gilt die 2G-plus-Regel und Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske.

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