Wie lange Azis K. tot in seinem Zimmer lag, wird man nicht mehr rekonstruieren können. „Mindestens mehrere Tage“, sagt die Polizei. Sicher ist nur, dass der 36-jährige Afghane eines natürlichen Todes gestorben ist. Azis K. ist nicht sein richtiger Name (die Redaktion hat ihn geändert, um seine Persönlichkeitsrechte zu wahren). „Die Obduktion ergab keine Hinweise auf Gewalteinflüsse oder Suizid“, sagt Andreas Aichele, Sprecher der Polizei Oberbayern Nord, am Telefon. Eine eindeutige Todesursache habe man aber nicht gefunden, wegen der „Fäulnis-Veränderungen“.
Der Öffentlichkeit wäre der einsame Tod von Azis K. wohl verborgen geblieben, es liegt kein Kapitalverbrechen vor, keine allgemeine Gefährdungslage. Doch eine SZ-Mitarbeiterin hat Kontakte zu Geflüchteten aus Afghanistan im Landkreis Dachau: Dort und in der Helferszene war das Entsetzen groß.

Wie kann es sein, dass in einem Asylbewerberheim ein Toter tagelang unentdeckt bleibt? In einer staatlichen Unterkunft also, wo viele Menschen leben und sogar ein Sicherheitsdienst aufpasst? Die Fragen stellen sich umso mehr, als der 36-Jährige krank war und sogar einen Schwerbehindertenausweis hatte.
Nachfragen beim Landratsamt Dachau, dessen Ausländerbehörde für Asylbewerber zuständig ist, bleiben unbeantwortet – aus Gründen des Datenschutzes. Die Pressestelle erläutert nur die Zuständigkeiten: Danach weise das Landratsamt Asylsuchenden zwar eine Unterkunft zu, die Menschen wohnten dort aber „eigenständig und eigenverantwortlich“. Es gibt auch keine generelle soziale Betreuung. Die freiwillige Aufgabe der Integration leisten Helferkreise und soziale Träger. Dazu bietet die Caritas, gefördert von Freistaat und Landkreis, eine Integrations- und Migrationsberatung an.
Azis K. wurde am 17. Juli tot aufgefunden, die „letzte Lebendsichtung“, so die Polizei, war am 11. Juli. Der 36-Jährige wohnte da nicht mehr in seiner Unterkunft in Karlsfeld, sondern am Himmelreichweg in Dachau. Dorthin war er wohl einige Wochen vor seinem Tod verlegt worden. Seinen Freunden zufolge lebte er ganz allein im ersten Stock. Das Landratsamt gibt zur Verlegung von Azis keine Auskunft. Auch Peter Johannsen-Klug, Sprecher des Arbeitskreises Asyl in Dachau, weiß darüber nichts. Bis 2025 lebte der Afghane sieben Jahre lang in einer Dachauer Unterkunft. Als diese geschlossen wurde, kam er nach Karlsfeld. „Er wurde als unauffällig und zurückhaltend beschrieben“, so Klug.
„Die Security reißt ja nicht jede Tür auf und schaut nach, die darf das auch gar nicht.“
Azis K. ging es aber psychisch nicht gut. Dass der 36-Jährige so spät nach seinem Tod entdeckt wurde, erklärt Klug damit, dass nur noch gut ein Dutzend Menschen in der Anlage am Himmelreichweg wohnen, viele Zimmer stehen leer. „Die Security“, sagt er, „reißt ja nicht jede Tür auf und schaut nach, die darf das auch gar nicht“. Mehr Aufschluss bieten afghanische Quellen: Es habe Streit gegeben zwischen Azis K. und dem Sicherheitsdienst oder dem Objektbetreuer in Karlsfeld, heißt es dort, es soll um einen verlorenen Schlüssel gegangen sein. Azis soll auch ein Messer gehabt haben, weswegen die Polizei kam. Es gab eine Anzeige. Die Staatsanwaltschaft München II bestätigt dies auf Nachfrage.
Im Juli soll der 36-Jährige auch im Dachauer Krankenhaus gewesen sein. Seinen Freunden teilte man dort mit, er sei am 9. Juli entlassen worden. Weshalb er in der Klinik war, weiß man nicht. Einen Schlaganfall habe er gehabt, sagen die einen; andere sprechen dagegen von Epilepsie oder Depressionen. Fakt ist: Seit 2021 ist es amtlich, dass Azis K. krank war. Das hat Nanette Nadolski recherchiert. Vor einigen Jahren hatte die Flüchtlingshelferin im Landkreis Dachau mit dem jungen Afghanen zu tun, sie erinnert sich an ihn als einen freundlichen Menschen. Am 22. Juni 2021 habe das Verwaltungsgericht München ein Abschiebeverbot aus gesundheitlichen Gründen ausgesprochen, berichtet Nadolski.
Ein ärztliches Attest stellt eine schwere Depression und Veränderungen im Gehirn fest
Ein ärztliches Attest von damals stellt eine schwere Depression und Veränderungen im Gehirn fest, die zu neurologischen Ausfällen oder Krampfanfällen führen könnten und dann fachärztlich zu behandeln seien. Für Nadolski ist klar: „Wenn bekannt war, dass er Epilepsie hatte, war es unverantwortlich, ihn im Himmelreichweg unterzubringen, allein auf einem Stockwerk und offenbar, ohne dass die Security angehalten war, nach ihm zu schauen.“ Und dies müsse bekannt gewesen sein, denn derlei Urteile gingen an die Ausländerbehörde.
Auch dass Azis K. einen vom Amtsgericht bestellten Betreuer hatte, weiß die Helferszene, man kennt den Namen und seine Telefonnummer. Verschiedene Leute haben ihn vergeblich angerufen. Auch die SZ, die ihn letztlich erreicht hat. Der Betreuer sagte jedoch nichts zu dem Fall. Die Anfrage beim Amtsgericht ergibt, dass Auskünfte aus einem Betreuungsverfahren „nicht ohne Einwilligung der Erben erteilt werden“.
Bei der Caritas Dachau, die für die soziale Betreuung und Beratung der Asylsuchenden im Landkreis zuständig ist, verweist Irmgard Wirthmüller auf die Schweigepflicht. Die Fachdienstleiterin Asyl und Migration gibt aber allgemeine Auskunft. „Wenn es einen gerichtlich eingesetzten Betreuer gibt, dann sind wir für den für ihn vorgesehenen Aufgabenbereich nicht mehr zuständig“, betont sie. Generell bedeute die soziale Beratung, dass die Asylsuchenden auch nur bei Bedarf aktiv aufgesucht würden. „Wenn die Menschen Unterstützung brauchen, kommen sie in der Regel zu uns ins Zentrum.“
Eigentlich wäre die Stadt Dachau zu einer Sozialbestattung von Azis K. verpflichtet gewesen. Weil seine Freunde aber befürchteten, es gebe eine im Islam verbotene Verbrennung, und weil die Zeit wegen des Zustands des Leichnams drängte, haben sie die Kostenübernahme unterschrieben. Ein Imam organisierte, was am schnellsten möglich war: ein Begräbnis auf dem Münchner Westfriedhof.
50 Landsleute kamen, und so hatte Azis K. zuletzt ein so würdevolles Begräbnis, wie es wohl nur wenigen Geflüchteten in der Fremde zuteilwird, mit Leichenzug, Totengebeten, Blumen und Süßigkeiten am Grab. Als die Gruppe danach auf einer Grünfläche vor dem Friedhof im Schatten saß, kreisten Geldscheine, rund 4500 Euro brauchen sie. Zwei ältere Ordensschwestern gingen vorbei und warfen scheele Blicke auf die Männer. Wie hätten sie ahnen sollen, dass da gerade für eine Beerdigung gesammelt wird?

