Mitten in Dachau:Wo ein Schlupfloch, da ein Auto

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Mitten in Dachau: Nur noch Anlieger dürfen die Färbergasse in der Dachauer Altstadt befahren.

Nur noch Anlieger dürfen die Färbergasse in der Dachauer Altstadt befahren.

(Foto: Toni Heigl)

Dass Autofahrer es gerne bequem haben, kann man derzeit in der Dachauer Altstadt wieder beobachten. Aber man kann diese Bequemlichkeit auch zum Guten nutzen.

Glosse von Thomas Radlmaier

Was haben die Corona-Regeln mit Regeln im Straßenverkehr gemein? Der Grenzbereich des Erlaubten wird ausgereizt. Beispiel: 50 000 Menschen verfolgten am Wochenende das rheinische Derby zwischen Köln und Gladbach im Fußballstadion. Das zuständige Gesundheitsamt sah kein Problem, waren ja alle Fans geimpft oder genesen. Was falsch ist, ist eben nicht immer verboten. Ähnlich im Straßenverkehr: Da brettert der Führerscheinbesitzer mit seiner Karre durch die 30er-Zone, während die Tachonadel bei 35 Stundenkilometer steht. Falls die Polizei doch blitzt, greift ja der sogenannte Toleranzabzug, die Erlösung aller Verkehrssünder.

Die Welt ist zum Autofahren da, und es gilt das Gesetz des stärkeren Motors. Regeln sind höchstens Empfehlungen. Zumindest sehen das einige Verkehrsteilnehmer so. Seit 1. Oktober dürfen Autos den Dachauer Altstadtring nur in eine Richtung befahren, von der Konrad-Adenauer-Straße zur Augsburger Straße. Die Altstadt soll so lebenswerter und sicherer werden. Doch wo ein Schlupfloch, da ein Auto. Viele Fahrer kürzten ab über die Burgfriedenstraße, Färbergasse und Wieningerstraße, um so ihre Karossen in die Altstadt zu kutschieren, ohne den für sie offenbar unzumutbaren Umweg über die Konrad-Adenauer-Straße fahren zu müssen. Für die Anlieger insbesondere der Färbergasse war das weder schön noch ungefährlich. Deshalb sperrte die Stadt kurzerhand die schmale Straße für den normalen Verkehr, nur noch Anlieger dürfen die Färbergasse befahren. Man wartet gespannt, wo sich das nächste Schleichweg-Schlupfloch auftut.

Doch was ist, wenn all diese Regeln von einem Denkfehler ausgehen? Statt den Autofahrer in seiner Brillanz durch Verordnungen zu beschränken, sollte man ihn vielleicht durch noch mehr Auto-Infrastruktur ermutigen. Verkehrsexperten und Politiker denken derzeit über eine Seilbahn von Dachau über Karlsfeld nach München nach. Doch könnten die Gondeln nicht statt Menschen auch Autos transportieren? Dann wäre unten am Boden mehr Platz, es gäbe weniger Verkehrstote sowie Gestank und Lärm. Und als Autofahrer würde man sich Geld für Sprit sparen, in der Gondel kann man den Motor schließlich ausmachen.

Das Umdenken hat längst begonnen. In Bratislava gibt es bereits eine Autoseilbahn. Sie steht auf dem Gelände eines Automobilherstellers. Und in Karlsfeld können sich Impfwillige ab nächster Woche mit ihrem Auto an einer Drive-Through-Station ihre Spritze abholen. Man kann sogar sitzen bleiben und leistet so seinen Beitrag, um die Seuche zu bekämpfen. Autofahren und Gutes tun. Nichts ist unmöglich.

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