Im sonnigen Alten Metzgerhof an der Burgfriedenstraße in Dachau liegt an diesem Montagabend der Geruch von frisch gekochtem Risotto in der Luft. Drinnen wird noch vorbereitet. Auf einem Tisch stehen bunte Schüsseln und Teller bereit, dazu zwei Schalen: eine mit geriebenem Parmesan, eine mit geschnittenen Frühlingszwiebeln. Gegen 18 Uhr kommen die ersten hungrigen Gäste. Als die Köchin den großen Kochtopf auf den Tisch stellt, bildet sich eine kleine Schlange hungriger Besucherinnen und Besucher. Nacheinander schöpfen sie sich das vegane Risotto in die Schüsselchen, setzen sich draußen im Hof an die bunt bemalten Biergarnituren und beginnen zu essen und miteinander zu reden. Schnell wird klar, dass es hier nicht nur um eine warme Mahlzeit geht. Sondern auch um die gemeinsame Zeit an einem Ort, an dem sich alle wohlfühlen. Es wird nicht gedrängelt, niemand muss sich erklären. Wer da ist, ist einfach da.
Jeden Montag findet hier die „Küche für alle“, kurz Küfa, statt. Elke Gramlich bereitet jede Woche ein anderes Gericht zu – stets vegan, damit auch wirklich alle mitessen können. Unterstützung bekommt sie von anderen Organisatoren, etwa beim Einkaufen oder bei der Auswahl der Rezepte.
An diesem Abend sind etwa 20 Menschen gekommen. Viel mehr wären kaum möglich, denn gekocht wird in einer Haushaltsküche. „Bis zu 25 Personen sollten aber machbar sein“, sagt Elke Gramlich. Manche kommen hungrig zum Essen, andere kommen wegen der Gesellschaft. Eine Frau füllt sich nur schnell etwas in eine Brotdose ab und geht wieder, aber die meisten bleiben. Sie sitzen noch lange zusammen, reden und lachen. „Das schmeckt so lecker, Elke kann wirklich gut kochen“, sagt einer der Gäste. Sie kennen sich oft schon seit Wochen oder Monaten, manche seit Jahren.
Beim Essen wird deutlich, wie selbstverständlich das Miteinander hier geworden ist. Die einen holen sich Nachschlag, andere lehnen sich zurück und reden weiter. Auch wer später kommt, findet noch einen Platz. Die Abläufe wirken eingespielt und natürlich, die Atmosphäre des Abends ist familiär: Niemand steht im Mittelpunkt, und jeder wird mit bedacht.

Die Idee für die Küche für alle entstand während der Corona-Pandemie. Als später die Folgen des Ukrainekriegs und steigende Preise viele Menschen belasteten, wurde das gemeinsame Kochen noch wichtiger. Es ging darum, Geld zu sparen, Ressourcen zu teilen und Lebensmittel gemeinschaftlich zu nutzen. So muss Olivenöl zum Beispiel nicht einzeln gekauft werden. Willkommen ist jeder. Wer etwas essen möchte, zahlt so viel, wie gerade möglich ist. Das können ein paar Euro sein oder auch gar nichts.
Gerade das unterscheidet die Küfa von vielen anderen Orten. Niemand soll hier das Gefühl haben, nur geduldet zu werden. Den Organisatoren ist wichtig, dass Menschen nach dem Essen nicht gleich wieder aufstehen und gehen müssen wie in manchen Restaurants. Wer bleiben möchte, bleibt. Wer nichts zahlen kann, darf trotzdem Platz nehmen. Es geht nicht nur um eine Mahlzeit, sondern auch um Gesellschaft. Einen Ort zum Reden.


Alle sollen sich wohlfühlen, mit ihren Sorgen und Problemen zu kommen. Die Stammgäste beraten und helfen einander. „Jeder hier kennt irgendjemanden oder weiß irgendetwas. Einer weiß zum Beispiel alles über Mietrecht“, sagt Jona Ott aus dem Organisationsteam.
Dass das funktioniert, liegt an den Menschen, die sich jede Woche um die Küfa kümmern. Die Organisatoren arbeiten ehrenamtlich, einige von ihnen haben nebenbei einen Vollzeitjob. Trotzdem investieren sie Zeit und Energie in die Küche für alle. „Das wichtigste ist, dass es Leute gibt, die sich engagieren“, sagt Jona Ott. „Wir machen das ehrenamtlich, aber auch wir profitieren davon.“ Auch Köchin Elke Gramlich sieht in dem Projekt mehr als nur eine Essensausgabe. „Ich wünsche mir, dass noch mehr Leute kommen, die es wirklich brauchen“, sagt sie.
Ein gemeinsames Essen ist nichts Spektakuläres. Aber es hat eine große Wirkung. Und genau darin liegt wohl die Stärke der Küche für alle: Es gibt keine große Bühne oder ein kompliziertes Konzept, keine Schwelle, die erst überwunden werden muss. Stattdessen gibt es einen Topf mit Essen, ein paar Tische und Menschen, die sich Zeit füreinander nehmen.

Was es am jeweiligen Montagabend zu essen gibt, wissen die Gäste vorher nicht. Trotzdem kommen viele immer wieder. Für sie ist die Küfa inzwischen ein fester Termin geworden. Es nicht das konkrete Gericht, das die Menschen anzieht, sondern das Gefühl, willkommen zu sein. Die warme Mahlzeit ist der Anlass. Das, was darüber hinaus entsteht, ist der Grund zu bleiben.
Chris kommt erst seit ein paar Wochen zu den Treffen. Für ihn ist der Montagabend im Metzgerhof aber schon jetzt ein besonderer Termin geworden. „Es ist total schön. Ich komme gerne her“, sagt er. „Niemand hat hier irgendwelche Erwartungen an einen.“
Die Teller werden langsam leer, aber viele bleiben noch sitzen. Es wird weitergeredet, weiterhin gelacht. Niemand drängt zum Aufbruch. Der Alte Metzgerhof in Dachau ist an diesem Montagabend ein Ort, an dem Menschen willkommen sind. Unabhängig davon, was sie geben können. Deshalb bleiben viele lange sitzen – und kommen gerne wieder.

