Er war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der ganz Großen der Dachauer Kulturszene – und ist heute einer der eher Unbekannten: der Komponist und Kirchenmusiker Aloys Fleischmann (1880-1963). Mit seiner Arbeit hat er die damalige Dachauer Künstlerkolonie, aber noch weitaus mehr die musikalische Bildung in seiner Heimatstadt und im irischen Cork entscheidend geprägt. Nach vielen Jahren ist am kommenden Samstag, 20. September, in Mariä Himmelfahrt endlich wieder Fleischmanns Musik zu hören – als Programmpunkt eines Konzerts des renommierten Burghausener Organisten Heinrich Wimmer. Er spielt die 1917 entstandenen „Three Lyrical Tone Sketches“ sowie Werke von Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Fleischmanns einprägsames, kraftvolles und doch schwebendes Orgelstück entstand allerdings nicht in Dachau, sondern in Cork, wohin es den Musiker um der Liebe willen gezogen hatte. Fleischmann war in Dachau, seiner Geburtsstadt, hoch angesehen. Er war Organist und Chorregent an St. Jakob, gründete eine Musikschule und unterhielt beste Beziehungen zur seinerzeit blühenden Künstlerkolonie. Sein Dachauer „Meisterstück“ war das 1905 aufgeführte Singspiel „Die Nacht der Wunder“, bei der die Crème de la Crème der Dachauer Künstlerwelt und zahlreiche Münchner Kunstschaffende mitwirkten. Die Resonanz war überwältigend. Sogar New Yorker Zeitungen berichteten über dieses Großereignis.
Doch Fleischmann sollte den Dachauern nicht lange erhalten bleiben. Er hatte inzwischen die junge Pianistin Tilly Swertz kennengelernt und sie geheiratet. Ihre Eltern waren 1879 von Dachau nach Cork ausgewandert. Ihr Vater war Domkapellmeister in der irischen Stadt. Fleischmann zog mit seiner Frau nach Cork und übernahm von seinem Schwiegervater die Stelle als Organist und Domkapellmeister. Seine hochbegabte Frau machte derweil richtig Karriere, war teilweise bekannter als ihr Mann, wie der Musikologe Andreas Pernpeintner im Gespräch mit der SZ sagte. Pernpeintner ist ein ausgewiesener Fleischmann-Kenner und hat intensiv über dessen Leben und Werk geforscht.
1909 kam in Dachau, wo sich Tilly zum Familienbesuch aufhielt, Sohn Aloys zur Welt. Er sollte in der Nachfolge seines Vaters zum hoch gerühmten Erneuerer irischer Musiktraditionen werden. Fleischmann senior wollte eigentlich nur eine begrenzte Zeit in Cork bleiben. Doch es kam anders. Die Familie schlug in Irland Wurzeln. Fleischmann spielte sein Instrument, dirigierte und komponierte. Er habe in seinen Kompositionen „die Klangmöglichkeiten der Orgel austesten wollen“, sagte Pernpeintner. „Das ist keine liturgische Gebrauchsmusik, sondern Konzertliteratur“.

Auch seine Frau Tilly blieb ihrem Instrument treu. Sie war eine angesehene Musikpädagogin und gab viele Konzerte. Im Ersten Weltkrieg wurde Aloys Fleischmann von 1916 an als ziviler Kriegsgefangener interniert und 1919 nach Deutschland deportiert, von wo er erst im darauffolgenden Jahr nach Irland zurückkehren konnte. So verwundert es nicht wirklich, dass er sich sein Leben lang als Exilant gefühlt hat, als Musiker zwischen zwei Welten, wie Pernpeintner sagte. Fleischmanns Werk umfasst mehr als 600 Kompositionen, darunter zahlreiche Lieder, die auf deutschsprachiger Lyrik basieren. Seine Werke für Männerchöre gehören dem Fleischmann-Experten zufolge „zum Besten, was es in diesem Genre gibt“.
Orgelkonzert, am Samstag, 20. September, 19 Uhr in Mariä Himmelfahrt, Dachau. Der Burghausener Kirchenmusiker Heinrich Wimmer spielt Werke von Gustav Adolf Merkel, Aloys Fleischmann, Friedrich Glier und Ewald Siegert.

