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Dachau:"Nicht an Widerlichkeit zu überbieten": Empörung über Corona-Leugner

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hatte auf den geschmacklosen Beitrag aufmerksam gemacht und geschrieben, dass auf der Fotomontage das Eingangstor des KZ Dachau (im Bild) zu sehen sei. Nach Ansicht von Experten dürfte es sich aber um das Lagertor des KZ Sachsenhausen handeln.

(Foto: Toni Heigl)

Der AfD-Kreisverband Salzgitter verbreitet auf Telegram eine Bildmontage mit einem KZ-Tor, um gegen einen vermeintlichen "Impfzwang" zu protestieren. In Dachau ist man fassungslos.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Der AfD-Kreisverband Salzgitter in Niedersachsen hat mit einem geschichtsrevisionistischen Beitrag auf seinem Telegram-Kanal für Fassungslosigkeit in Dachau gesorgt. Der Verband der in Teilen rechtsextremen Partei verbreitete dort eine Fotomontage, auf der das Eingangstor zu einem Konzentrationslager zu sehen ist. Statt dem zynischen Spruch "Arbeit macht frei" stand auf dem Bild: "Impfung macht frei". Die AfD wollte damit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gegen einen vermeintlichen "Impfzwang" protestieren. Tatsächlich ist es eine Relativierung von NS-Verbrechen und eine Verhöhnung von Millionen von Opfern, welche in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Allein im KZ Dachau starben mehr als 41 500 Menschen.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, kurz Rias, hatte auf Twitter auf den geschmacklosen Beitrag aufmerksam gemacht und geschrieben, dass auf der Fotomontage das Eingangstor des KZ Dachau zu sehen sei. Nach Ansicht von Experten dürfte es sich aber um das Lagertor des KZ Sachsenhausen handeln. Die Nazis versahen die Haupttore vieler Konzentrationslager mit Sinnsprüchen, welche die Häftlinge auf zynische Art und Weise verhöhnten. "Arbeit macht frei" - das stand laut Rias am Tor von Dachau, Auschwitz, Sachsenhausen und Theresienstadt.

Das Foto geht viral in mehreren Telegram-Gruppen

Nach Angaben von Report Mainz wurde die Fotomontage des AfD-Kreisverbandes Salzgitter in mehreren Telegram-Kanälen von Corona-Leugnern geteilt. Der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, sagte dem Polit-Magazin: "Wer immer noch bestreitet, dass unter den sogenannten Querdenkern Antisemitismus grassiert, will die Gefahren des Verschwörungsglaubens nicht wahrhaben." Auch in Dachau gab es wütenden Reaktionen auf den AfD-Beitrag aus Niedersachsen. "Es ist, angesichts des Leids der Menschen die dieses Lager überlebt haben, nicht an Widerlichkeit zu überbieten", twitterte der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau.

Das Foto des AfD-Kreisverbandes Salzgitter ist nur einer von vielen Fällen, bei denen im Zusammenhang mit Maßnahmen zur Einschränkung der Corona-Pandemie der Holocaust oder andere NS-Verbrechen verharmlost werden. Im Zeitraum von 17. März bis 17. Juni 2020 wurden dem Bundesverband Rias 123 Kundgebungen und Demonstrationen mit Bezug zur Covid-19-Pandemie bekannt, bei denen es zu antisemitischen Äußerungen kam. In 91 Fällen wurden laut Rias hierbei Stereotype des "Post-Schoa-Antisemitismus" verwendet. Das sind antisemitische Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus und die Schoa. Immer wieder tragen Menschen, welche gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren, Kleidung mit einem "Judenstern" und der Inschrift "ungeimpft". Mit der Selbstinszenierung als Opfer würden die Schoa und der Nationalsozialismus verharmlost, heißt es in einem Bericht von Rias.

© SZ vom 16.11.2020
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