Wahlkampf der CSU:Die Christsozialen machen Politik am Menschen vorbei

Lesezeit: 2 min

Die CSU ist auf Abstand zu ihren Wählerinnen und Wähler gegangen. Die Rechnung dafür hat die Partei nun bekommen. (Foto: dpa)

Die Christsozialen haben die Bindung zu ihrer Wählerschaft verloren. Darüber kann auch das Direktmandat, das Katrin Staffler einmal mehr gewonnen hat, nicht hinwegtäuschen

Kommentar von Thomas Radlmaier

Katrin Staffler gewinnt für die CSU zwar wieder haushoch das Direktmandat. Dennoch ist es ein schwarzer Tag für die Christsozialen, in Bayern aber auch im Wahlkreis Dachau-Fürstenfeldbruck. Die Partei, die einst mit dem Slogan "Näher am Menschen" für sich warb, ist heute so weit von den Menschen entfernt wie fast noch nie. Auch im traditionell politisch schwarz geprägten Wahlkreis Dachau-Fürstenfeldbruck verliert die CSU immer mehr Vertrauen - und Stimmen. Der Niedergang begann 2017 mit dem damals zweitschlechtesten Ergebnis im Wahlkreis seit 1949 und setzt sich nun mit einem noch schlechteren Ergebnis fort.

Das Narrativ, das jetzt von CSU-Politikern bemüht werden wird, geht so: Der Bundestrend traf die CSU im Wahlkreis bei der Zweitstimme mit voller Wucht. Und ja, auch einige traditionelle CSU-Wähler dürften bei den Freien Wählern ihr Kreuz gemacht haben. Doch diese Erklärung für das schlechte Abschneiden stimmt nur teilweise. Und die CSU sollte sich diese Mär um ihrer selbst willen nicht zu lange erzählen. Denn die Erzählung verdeckt die eigentliche Frage: Wieso hatten die CSU und ihre Direktkandidatin Katrin Staffler in einem Wahlkreis, wo die CSU von 1957 bis 2009 bei der Zweitstimme nur zweimal nicht die absolute Mehrheit erreichte, dem Trend nicht mehr entgegenzusetzen?

Bundestagswahl im Landkreis Dachau
:Der Niedergang der CSU geht weiter

Katrin Staffler kann ihr Direktmandat klar verteidigen, doch der Rückhalt zur Union bröckelt auch im Landkreis. Für die SPD geht es nur leicht bergauf, die Grüne Beate Walter-Rosenheimer könnte ihr Mandat verlieren.

Von Joshua Beer und Thomas Radlmaier

Die Antwort: Der Wahlkampf der CSU war zu wenig kreativ und die Wahlkämpfer, allen voran Katrin Staffler, zu wenig präsent. Zwar mag es im ersten Bundestagswahlkampf unter Pandemiebedingungen schwieriger gewesen sein, sich direkt mit den Wählern auszutauschen und bei großen Veranstaltungen für die eigene Politik zu werben. Doch damit mussten alle Parteien zurechtkommen. Und in den Köpfen potenzieller CSU-Wähler blieben eher fragwürdige Online-Formate hängen: Einmal kochten Staffler und ihre Dachauer Parteifreundin Julia Grote Kürbis-Gnocchi und streamten das live ins Internet. Und bei einem anderen Online-Auftritt sprachen Staffler und ein anderer CSU-Direktkandidat 45 Minuten lang mit Markus Söder über zwei Themen: Markus Söder und wie Markus Söder zu Markus Söder wurde.

Solche Formate mögen vielleicht dazu führen, dass Katrin Staffler als Kandidatin punktet, weil ihre Sympathiewerte nach oben gehen. Doch ein derart einfallsloser Wahlkampf bedingt ein solches Zweitstimmenergebnis, weil er völlig an den Problemen und der Lebenswelt von Menschen in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck vorbeigeht, wo sich viele schwer tun, angesichts horrender Mieten über die Runden zu kommen. Und er führt auch dazu, dass dieses Mal viele CSU-Stammwähler ihre Stimmen ein anderen Partei gaben. Die CSU sah und sieht sich vielleicht noch immer als einen lebendigen Baum, dessen Wurzeln und feine Verästelungen tief drin in der Gesellschaft stecken. Doch hat die CSU die Bindung zu vielen ihrer Wähler verloren.

© SZ vom 27.09.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Bundestagswahl in Dachau
:Die CSU in Schockstarre

33 Prozent für die CSU - diese Zahl markiert ein niederschmetterndes Ergebnis für die einst so erfolgsverwöhnten Christsozialen im Wahlkreis. Auch die Grünen hadern mit ihrem schwachen Abschneiden. Dafür ist die Stimmung bei SPD-Kandidat Michael Schrodi umso besser - auch wenn er sein ehrgeizigstes Ziel verfehlt hat.

Von Joshua Beer und Helmut Zeller

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: