bedeckt München 31°

Coronavirus:Von Stoßgebeten und Nachtarbeit

In der Corona-Krise wurde das Dachauer Gesundheitsamt zum Knotenpunkt der Pandemie. Wie erlebte die Behörde den Ausnahmezustand?

Von Thomas Balbierer, Dachau

Als sich die Süddeutsche Zeitung Anfang Juni zum ersten Mal beim Dachauer Landratsamt um einen Blick hinter die Kulissen des Gesundheitsamts bemühte, bat eine Sprecherin um Geduld - viele der "coronageplagten" Mitarbeiter befanden sich gerade im Urlaub. Die Frauen und Männer in der Abteilung 7 hatten nach Wochen am Limit endlich die Chance, durchzuatmen und sich von der Extremsituation der Vormonate zu erholen, nachdem sich die Infektionszahlen deutlich entspannt hatten. Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie Ende März und Anfang April wurden der Behörde bis zu 50 neue Fälle am Tag gemeldet. Die Gesundheitsexperten kamen kaum noch zur Ruhe, Arbeitstage dauerten plötzlich von 7 bis 23 Uhr. Sie pendelten vom heimischen Schlafzimmer zurück ins Büro, wo sich in den Faxgeräten morgens schon die nächsten Infektionsmeldungen aus Kliniken und Arztpraxen sammelten. "Das war eine sehr anstrengende Phase", sagt Monika Baumgartner-Schneider. "Wir waren voll im Krisenmodus."

Bei einem Pressegespräch am vergangenen Mittwoch im Landratsamt wirkt die Leiterin der Gesundheitsbehörde ausgeruht - die Strapazen der Corona-Krise sieht man ihr nicht an. Baumgartner-Schneider betont dennoch, dass die Corona-Arbeit längst nicht vorbei sei. Zwar liegen die täglichen Neuinfektionen seit Mai - wenn überhaupt - nur noch im niedrigen einstelligen Bereich, doch auch jetzt muss ihr Team noch jede einzelne Infektionskette nachverfolgen und sicherstellen, dass enge Kontaktpersonen schnell informiert werden und für zwei Wochen in Quarantäne gehen. Laut Landratsamt befinden sich derzeit 53 Personen in Quarantäne, 9 Menschen sind, Stand Sonntag, infiziert. Jeden Tag rufen Mitarbeiter des Gesundheitsamts bei Patienten und Verdachtsfällen an. "Manche warten schon auf unseren Anruf", sagt die oberste Gesundheitsschützerin des Landkreises. Es seien nicht nur trockene Kontrollanrufe, die Mitarbeiter hörten sich auch die Sorgen und Ängste der Gesprächspartner an, so Baumgartner-Schneider. Ohne Empathie gehe es nicht. Zu Ostern brachte ein ehemaliger Corona-Patient zum Dank ein Schokonest in der Behörde vorbei, erzählt sie. Auch sensible Einrichtungen wie Alten- und Pflegeheime oder Kindergärten und Schulen muss ihr Team im Auge behalten. Dazu kommt die unvermeidbare Verwaltungsarbeit, das Ausstellen von Quarantänebescheiden, das Schreiben von Berichten.

Landrat Stefan Löwl und die Leiterin des Gesundheitsamtes Monika Baumgartner-Schneider können eine erste positive Corona-Bilanz ziehen.

(Foto: Toni Heigl)

Über die Ausnahmesituation im Frühjahr spricht Baumgartner-Schneider heute gelassen, manchmal klingt es, als erzähle sie von einem großen Abenteuer, von dem sie gerade zurückgekehrt ist. "Während andere zuhause sitzen mussten, konnten wir aktiv sein und etwas tun", sagt sie. "Diese Zeit hat unser Team ungemein zusammengeschweißt. Es herrschte eine Atmosphäre wie im Ameisenbau." Die Corona-Krise habe bei den Mitarbeitern viel Energie freigesetzt. Anfangs waren nur neun Mitarbeiter für den Infektionsschutz zuständig, dann wurde schnell aufgestockt. Viele Teilzeitkräfte arbeiteten schließlich Vollzeit, um alle Aufgaben zu bewältigen. Insgesamt stellte der Staat dem Landkreis befristet 50 zusätzliche Mitarbeiter zur Verfügung, darunter 22 Beamtenanwärter und sechs Medizinstudenten. "Wir hatten immer das Gefühl, wir schaffen das", sagt Baumgartner-Schneider rückblickend - auch wenn im Landratsamt bald Computer und Arbeitsplätze ausgingen und Behandlungszimmer zu provisorischen Büros ausgebaut werden mussten. Insgesamt fielen zwischen Februar und Mai im Landratsamt nach eigenen Angaben mehr als 6600 Überstunden an.

Die Corona-Krise sei "ein besseres Teambuilding als jeder Klettergarten" gewesen, zitiert Landrat Stefan Löwl (CSU), die Aussage einer Mitarbeiterin im Gesundheitsamt. Doch auch, wenn nach der ersten Infektionswelle nun vielerorts ein Aufatmen zu spüren ist, gab es eine Phase, in der auch Löwl das Schlimmste befürchtete. Ende März warnte der Landrat in einem beunruhigenden Facebook-Post vor einer drohenden Überlastung der Kliniken im Landkreis, teilte eine Dokumentation über ein Schweizer Spital am Rande der Erschöpfung und schickte ein Stoßgebet ins Netz: "Gott stehe uns bei und gib allen Kraft und Zuversicht!!!" Heute sagt Löwl, dass die Gesundheitsversorgung im Landkreis nur drei bis vier Tage vom Kollaps entfernt gewesen sei. Hätten die Ausgangsbeschränkungen die Ansteckungszahlen nicht deutlich gebremst, "hätten wir Zustände wie beispielsweise in Bergamo bekommen und wären gegen die Wand gefahren", so Löwl.

Rückblickend, da sind sich Löwl und seine Amtsleiterin Baumgartner-Schneider einig, sei der Landkreis vom Schlimmsten verschont geblieben. Die Krise sei "medizinisch sehr gut bewältigt" worden, sagt Löwl, aber: "Wir sind nicht über den Berg." Den Klinikbetreiber Helios nimmt der Landrat vor Kritik an Arbeitsbedingungen und mangelnder Ausrüstung in Schutz. "Ich bin heilfroh, dass wir unsere Kliniken haben." Die Schließung des Dachauer Krankenhauses im April sei schnell aufgehoben worden, nachdem sich die Sorge, das Virus könnte sich unkontrolliert verbreitet haben, nicht bestätigte, so Löwl, der im Aufsichtsrat der Amper-Kliniken AG sitzt. Vor lokalen Ausbrüchen, wie sie kürzlich am Extrembeispiel Tönnies deutlich wurden, sei aber auch der Landkreis nicht gefeit. Besonders gefährdet seien Gemeinschaftsunterkünfte. "Es könnte auch im Landratsamt passieren, oder in einer Schule", warnt Löwl. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben.

Wie kam das Coronavirus überhaupt in den Landkreis? Die erste Berührung mit Covid-19 gab es bereits Ende Januar im Zuge des Ausbruchs beim Stockdorfer Autozulieferer Webasto. Eine Person aus dem Landkreis hatte Kontakt zu einem Infizierten gehabt, sich selbst jedoch nicht angesteckt. Die Kontaktperson sei mehrmals am Tag angerufen und umsorgt worden, erinnert sich Monika Baumgartner-Schneider. Man habe ja nicht viel über den Verlauf der Krankheit gewusst und nichts riskieren wollen. Die Infektionsketten aus dem "Cluster Webasto", wie die Ärztin es nennt, seien in Bayern jedoch schnell unter Kontrolle gebracht worden. Auch im Landkreis Dachau gab es dann lange keine bekannten Ansteckungen. Das Landratsamt berief in der Zeit einen Corona-Stab mit Vertretern aus dem Katastrophenschutz, Ärzten, Einsatzkräften und Apothekern ein, der sich wöchentlich traf. "Das war die beste strategische Entscheidung, hier versammelte sich das geballte Wissen des Landkreises", so Landrat Löwl. Der Mediziner Christian Günzel wurde zum Versorgungsarzt ernannt. "Wir waren in Alarmbereitschaft, denn wir wussten ja nicht, was passieren würde", so Baumgartner-Schneider. Am 5. März gab es dann die ersten beiden offiziellen Infektionsfälle, zwei Schüler der FOS in Karlsfeld waren positiv auf das Virus getestet worden, woraufhin die Schule vorübergehend geschlossen und schulübergreifende Tests gemacht wurden. Das Virus breitete sich erst langsam, dann rasant im Dachauer Land aus. Gab es bis 13. März nur 12 bekannte Fälle, lag die Zahl zehn Tage später bei 106. Zwischenzeitlich war der Landkreis unter den zehn am stärksten betroffenen Kreisen Bayerns. Laut Baumgartner-Schneider haben wohl viele Reiserückkehrer aus Skigebieten in Österreich und dem besonders betroffenen Italien das Virus mitgebracht, bei Veranstaltungen habe es sich dann unter Nicht-Urlaubern verbreitet. 29 Corona-Tote gibt es bislang im Landkreis, laut Landratsamtssprecher Wolfgang Reichelt handelt es sich um Menschen im Alter von 64 bis 99 Jahren - alle mit Vorerkrankungen.

In der Krise errichtete der Landkreis die Corona-Teststrecke in Markt Indersdorf, half die Beatmungsplätze in der Intensivstation auf fast 50 zu erhöhen und finanzierte die Einrichtung einer Notklinik in Dachau. Die in einem Hotel untergebrachte Klinik wurde nicht gebraucht und inzwischen zurückgebaut, die Ausstattung werde aber weiterhin vorgehalten. Die genauen Kosten will Landrat Löwl nicht nennen, doch er hoffe ohnehin, dass der Freistaat einen "Großteil" der Kosten übernehmen wird. Von den 1,5 Millionen Euro, die Löwl im April per Eilentscheid zur Bekämpfung der Pandemie bereitgestellt hatte, wurden bislang knapp eine Million Euro genutzt, sagt der Landrat.

Finanziell habe der Kreis die Krise also bislang gut überstanden, doch das "dicke Ende" werde wohl noch kommen, warnt er. Der Einbruch der Wirtschaft mache ihm Sorgen - sogar mehr als eine drohende zweite Welle. Dafür sieht Löwl den Landkreis gut gerüstet: Das Gesundheitsamt hat kürzlich 13 neue Kräfte, befristet bis Ende 2021, zugewiesen bekommen. Für die Leiterin und ihr Team eine Entlastung, sollten die Infektionszahlen erneut steigen. Aber auf eine Wiederholung des Abenteuers aus dem Frühjahr könne die Amtsleiterin, wie sie sagt, gerne verzichten.

© SZ vom 13.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite