Dachau:Voll gegen die Wand

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Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis liegt so hoch wie noch nie in der Pandemie, die Lage in den Kliniken ist kritisch. Nun ist eingetreten, wovor Wissenschaftler seit Monaten warnen. Die verantwortlichen Politiker geben sich überrascht. Über ein kollektives Versagen auf allen Ebenen

Von Helmut Zeller, Dachau

Dachau: Das Testzentrum in Indersdorf ist überlaufen. Die Zahl der Impfdurchbrüche steigt rapide an.

Das Testzentrum in Indersdorf ist überlaufen. Die Zahl der Impfdurchbrüche steigt rapide an.

(Foto: Toni Heigl)

Und dann waren die Impfzentren zu, Ende September. Die Schließung der beiden Einrichtungen in Karlsfeld und Dachau wird sich bald als folgenschwerer Fehler erweisen. Noch wissen das die meisten nicht. Die Experten schon. Sie dringen darauf, doch abzuwarten, bis man die Lage wirklich einschätzen kann. Aber Landrat Stefan Löwl (CSU) zieht es durch.

Eineinhalb Monate später im Corona-Land: Die Sieben-Tage-Inzidenz, so hoch wie noch nie in der Pandemie, liegt bei 539 pro 100 000 Einwohner (Stand: 19. November). Zunehmend werden auch Impfdurchbrüche registriert. 158 Frauen und Männer sind bisher an oder mit Covid-19 gestorben. Die Krankenhaus-Ampel steht auf Rot, Bayern hat den Katastrophenfall ausgerufen, und in den Kliniken droht die Triage. Ärzte müssten dann entscheiden, wer eine lebensrettende Behandlung bekommt und wer nicht. Das Pflegepersonal in den Kliniken und die Hausärzte, die impfen, arbeiten bis zum Anschlag.

Doch es ist bereits zu spät. "Jede Bremsung, die wir jetzt machen, wird uns vor der Wand nicht stoppen", beschreibt Landrat Stefan Löwl (CSU) die dramatische Lage. "Das war viel zu früh, man hätte den Winter abwarten müssen und setzte das falsche Signal", sagt Kreisrätin Martina Purkhardt, Vorsitzende des Kreisverbandes der Freien Wähler, zur Schließung der Impfzentren. Landrat Stefan Löwl (CSU) erklärt: "Das war eine stringente Vorgabe." Bund und Länder wollten Geld sparen, die Diskussion über das Ende der Impfzentren begann schon im Sommer - bei Inzidenzen von 18,7 wie am 23. Juli im Landkreis. Löwl hat auch gleich das passende Label parat: "Die Impfung muss zu den Menschen kommen." Er meint damit die mobilen Teams von Johannitern und Bayerischem Roten Kreuz. Am 28. September teilt das Landratsamt mit: "Die Auffrischungsimpfungen werden im Landkreis Dachau gut nachgefragt. Neben den Betreuungsärzten der verschiedenen Alten- und Pflegeeinrichtung gab es in den beiden Impfzentren bis gestern bereits über 524 Drittimpfungen. Um den administrativen Aufwand während des Impfens so gering wie möglich zu halten, empfiehlt das Landratsamt, sich vorab für alle Impfungen registrieren zu lassen" - zwei Tage später sind die Impfzentren zu.

Neues Impfzentrum

Landrat Stefan Löwl (CSU) in Karlsfeld.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die FW-Vorsitzende Purkhardt meint, der Landrat sei eben von den Entscheidungsträgern im Freistaat abhängig, aber er hätte schon eigenverantwortlich anders handeln können. Andere Landkreise wie Freising lassen einen Teil der Anlagen wenigsten im Stand-by-Modus laufen. Landrat Löwl sieht keinen Fehler: "Es war die richtige Entscheidung im Sommer." Von August bis Oktober seien 10 000 Impfangebote nicht wahrgenommen worden. Außerdem seien die Impfzentren nicht geschlossen, sondern dezentral aufgestellt worden.

Aber warum hat die Politik "die Wand" nicht gesehen? Die Politik hätte im Sommer genügend Zeit gehabt, um sich auf die gegenwärtige Situation einzustellen - "die Wand" zu sehen, auf die jetzt alle zurasen. Die Erkenntnisse aus Israel wären hilfreich gewesen, nur wurden sie nicht wahrgenommen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) behauptet im ZDF-Interview, dass auch die Wissenschaft mit dieser dramatischen Entwicklung nicht gerechnet habe. Die vierte Welle habe in dieser Wucht niemand, auch die Fachleute nicht gesehen. Söders Gesundheitsminister Klaus Holetschek spricht in der TV-Sendung von Markus Lanz von der "nicht vorhersehbaren Dynamik" des Infektionsgeschehens. Glaubt er das wirklich? Seltsam, wie die Antworten einem Mantra ähneln. Als hätte die Staatskanzlei eine Art Corona-Sprachfibel unter CSU-Politikern verteilt.

Der Dachauer Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath aus Haimhausen erklärt in einer Debatte im Landtag: "Die Staatsregierung hat stets energisch und kraftvoll gehandelt." Genau das aber hat sie nicht. Tatsächlich hat das Robert-Koch-Institut (RKI) schon im Juli ein Modell errechnet, demzufolge die vierte Welle im Herbst und Winter ähnlich heftig wie im Jahr zuvor über das Land hereinbrechen werde: eine Warnung im Juli, in dem Monat, als die Diskussion über die Schließung der Impfzentren begann. Aber im Bundestagswahlkampf sei die Aufmerksamkeit wohl auf anderes gerichtet gewesen, sagt Christina Haubrich, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag. Die Politik fährt eben auf Sicht.

Alle Parteien, nicht nur die CSU, hatten den 26. September, den Tag der Wahl, vor Augen. Negative Schlagzeilen konnte man da nicht brauchen. FDP-Landesverbände forderten einen "Freedom Day" - das Ende aller Coronabeschränkungen. Wer wollte da schon von Lockdown, Pandemie und vierter Welle sprechen und die Bürger mit Appellen zum Impfen bedrängen - das wäre nicht so gut angekommen bei den Wählern, die sich nach Normalität sehnten. Der künftige Bundeskanzler der Ampel-Regierung, Olaf Scholz (SPD), hat das Coronavirus im Wahlkampf als "lästig" bezeichnet. Auch Scholz vertrat die Meinung, so schlimm werde es im Winter schon nicht werden. Vielleicht hören deshalb die Wähler des SPD-Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Dachau und Fürstenfeldbruck, Michael Schrodi, wenig von ihm zur vierten Welle. Er kündigt indessen an, bei der Landtagswahl 2023 die Regierungskoalition aus CSU und Freien Wählern durch eine Ampelkoalition ersetzen zu wollen. Auch die Abgeordneten Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) und Katrin Staffler (CSU) fallen nicht gerade durch Aussagen zur Notlage auf. Die Dachauer hören mit Staunen, dass Grüne, FDP und SPD nun durchgesetzt haben, dass die epidemische Notlage nationaler Tragweite beendet sei. Das sei so falsch wie die Schließung der Impfzentren, meint Martina Purkhardt. Dadurch fühlten sich die Bürger nur ein Stück weit sicher - was in der gegenwärtigen Lage fatal wäre. Nicht wenige haben einfach die Nase voll - von der Politik.

Eine Begegnung auf der Münchner Straße in Dachau - ohne Maske. "Ich kann nichts mehr davon hören", sagt der Mann, "ich mag mir das nicht mehr reinziehen." Was er meint, sind die Nachrichten über die Pandemie oder besser gesagt die Corona-Politik, die ihm chaotisch und voller Widersprüche erscheint. "Ich zerbrech' mir den Kopf, ob ich mit fünf Kollegen ein Meeting veranstalten kann, und in den Fußballstadien sind 70 000 Leute erlaubt." Bald erstrahlt die Einkaufsstraße im Glanz der Weihnachtsbeleuchtung - doch die Freude auf die Feiertage ist jetzt schon vielen verdorben. Das Vertrauen in die Politik schwindet. Es sind keine Querulanten oder gar "Querdenker", die Corona leugnen, sondern Bürger, die Maskenpflicht, Hygieneregeln, Kontaktbeschränkungen beherzigen und sich haben impfen lassen.

Dachau: Wie Hermann-Josef Mehring aus Petershausen versuchen viele Menschen im Landkreis einen Booster-Impftermin zu bekommen. Aber da müssen sie sich auf lange Wartezeiten einstellen.

Wie Hermann-Josef Mehring aus Petershausen versuchen viele Menschen im Landkreis einen Booster-Impftermin zu bekommen. Aber da müssen sie sich auf lange Wartezeiten einstellen.

(Foto: Toni Heigl)

Am 17. November schreibt der Landrat auf Facebook: "Nicht nur 'fordern', sondern einfach Danke sagen. Auch im Namen aller, die seit knapp 2 Jahren unermüdlich gegen den Virus kämpfen und seit 14 Tagen von der Entwicklung 'überrollt' werden." Eine Userin kommentiert: "Dem Dank kann ich mich anschließen! Das 'überrollt werden' kam aber mit Ansage und die, denen wir danken müssen, haben seit Wochen um ein striktes Handeln von politisch Verantwortlichen gefleht. Ein aufrichtiges Eingeständnis von Fehlentscheidungen und entsprechend konsequentes Handeln ab sofort und in Zukunft wären das, was wir an der Front bräuchten." Darauf wird sie vergebens warten.

Die Politik zeigte dieses Reaktionsmuster von Anfang an. Es fehlte nicht an Warnungen aus der Wissenschaft, acht insgesamt, die letzte im Oktober 2019. Experten spielten in einer Simulation der John-Hopkins-Universität eine Pandemie mit einem Coronavirus durch - die Untersuchung mündete in den Appell, dass die Staatengemeinschaft der Welt dagegen Vorkehrungen treffen müsse. Er verhallte weitgehend ungehört. Dass die Regierenden nicht nur in Deutschland Studien und Warnungen ignoriert haben - das ist ein Teil der erschütternden Antwort auf die Frage, warum die verantwortlichen Politiker, die "Wand" auch diesmal nicht gesehen haben.

Und auch dann noch, als die Pandemie nicht mehr zu leugnen ist, spielt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zunächst die Gefahr herunter. Im Januar 2020 verweist er darauf: "An Grippe sterben in Deutschland bis 20 000 Patienten im Jahr. Ich will jetzt nur mal darauf hinweisen, dass auch das eben ein Risiko ist, das wir jeden Tag haben." Der Verlauf des Coronavirus sei "sogar deutlich milder". Schutzmasken, sagt er auch, würden nicht helfen - und setzt dazu sein breites Lächeln auf. Der Hintergrund: Es gab einfach viel zu wenige Schutzmasken auf Vorrat. Später werden sich Abgeordnete der Unionsparteien beim Ankauf der Masken persönlich bereichern. Landrat Löwl ist auf den Minister auch nicht so gut zu sprechen. An dem Tag, sagt Löwl, als die BRK-Mitarbeiter nach Abbau ihrer Überstunden gingen, habe Spahn erklärt, die Impfzentren müssten wieder hochgefahren werden.

Jetzt sollen die Impfzentren wieder geöffnet werden. Ministerpräsident Söder (CSU) sagt es in einem ZDF-Interview und erweckt dabei den Eindruck, als ob er auch nicht wisse, warum die überhaupt geschlossen wurden. Nur so rasch geht das nicht. Ungefähr 15 000 Euro wird allein die Werbung kosten, um überhaupt das Personal zu finden. 80 Mitarbeiter musste allein das Rote Kreuz wegen der Schließung des Impfzentrums in Dachau entlassen. Aber auch Heizung, Strom und Computer müssen in dem Haus am Rotkreuzplatz in Dachau wieder aktiviert werden. Das Rote Kreuz soll ab Januar beginnen. Die erste Impfung wird am 10. Januar möglich sein, schätzt BRK-Geschäftsführer im Landkreis, Paul Polyfka. Er war einer jener Experten, die sich gegen die Schließung der Impfzentren ausgesprochen hatten. Fast zwei Monate also noch, und das Virus grassiert. Am Karlsfelder See eröffnet ein sogenanntes Drive Through; Impfzentrum wird es nicht mehr genannt, wo sich die Bürger im Auto die Spritze - Erst-, Zweit- oder Booster-Impfung - geben lassen können am 7. Dezember.

Dachau: Der Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, Paul Polyfka, im Impfzentrum in Dachau, auch das Impfzentrum in Karlsfeld wurde aus finanziellen Gründen geschlossen. Jetzt werden sie wieder hochgefahren.

Der Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, Paul Polyfka, im Impfzentrum in Dachau, auch das Impfzentrum in Karlsfeld wurde aus finanziellen Gründen geschlossen. Jetzt werden sie wieder hochgefahren.

(Foto: Toni Heigl)

Die jeweils zwei mobilen Teams der Johanniter und des Roten Kreuzes schuften unterdessen bis zum Umfallen, versuchen, die gewohnte Qualität ihrer Arbeit zu halten - und kommen den Staat billiger. Da kann man, für Anfang Dezember ist es geplant, noch jeweils einen Impfbus in Betrieb nehmen. Jetzt werden Termine vergeben, um das Chaos zu bändigen. Die Menschen, aufgeschreckt aus dem Corona-Märchen im Sommer, stehen in der Kälte Schlange, um eine Schutzimpfung zu bekommen. Christina Haubrich beobachtet das auch in anderen Regionen Bayerns. "Das läuft einfach nicht", sagt sie. Man hätte die Booster-Impfungen, die jetzt in großer Zahl nötig werden, vorbereiten müssen. Landrat Löwl sieht das anders: "Das ist komplex", sagt er. Bis vor drei Wochen habe niemand gewusst, dass nun plötzlich auch schon die 18-Jährigen einen Booster bekommen sollen. Außerdem hätten die Ärztevertreter "den Mund zu voll genommen", als sie behaupteten, sie würden mit der Impfung auch ohne Staat klar kommen.

In den beiden Impfzentren in Dachau und Karlsfeld sowie Arztpraxen waren bereits mehr als die Hälfte der Landkreisbevölkerung von 155 000 Menschen zweitgeimpft, hieß es in den Sommermonaten. Inzwischen haben 67 Prozent der Landkreisbevölkerung den doppelten Impfschutz, der jetzt aber nachlässt und aufgefrischt werden muss - zu wenig für die sogenannte Herdenimmunität. Unterdessen legt der geschäftsführende Bundesminister Spahn nach: Er will die Auslieferung von Biontech-Impfstoff an die Arztpraxen zugunsten des Präparats von Moderna stark reduzieren. Einen "massive Behinderung" der Impfkampagne, sagen die Ärzte.

Und noch eine Warnung: Das RKI prophezeit eine fünfte Welle, wenn das mit dem Impfen jetzt nicht klappt. Auch der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens hält eine fünfte Welle im Winter 2022 für möglich. Aber bis dahin verstreicht noch viel Zeit, das ist fast außer Sichtweite - zumindest für die Politik.

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