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Coronakrise in Dachau:"Wir warten auf die große Welle"

Direktor Hagedorn gibt sich zuversichtlich, dass die Amper-Klinik gut gerüstet ist für Corona-Patienten

Die traumatischen Bilder aus den Krankenhäusern Spaniens und Italiens stellen existenzielle Fragen: Was, wenn uns die Welle der Epidemie genauso stark trifft wie unsere europäischen Nachbarn? Und was, wenn auch hier Ärzte über Leben oder Tod entscheiden müssen, weil sie nicht genügend Beatmungsgeräte haben? Der Ärztliche Direktor des Helios Amper-Klinikums Dachau, Hjalmar Hagedorn, versucht im Gespräch mit der SZ zu beruhigen.

SZ: Herr Hagedorn, vor einer Woche herrschte im Dachauer Krankenhaus noch die "Ruhe vor dem Sturm". Wie beurteilen Sie die Lage jetzt?

Hjalmar Hagedorn: Wir warten immer noch auf die große Welle, mit der wir bereits am vergangenen Wochenende gerechnet hatten. Aber bislang ist die Zahl der Covid-19-Patienten nicht dramatisch gestiegen.

Was heißt das in Zahlen? Wie stark ist die Intensivstation derzeit ausgelastet?

Wir haben aktuell 13 Patienten auf der Intensivstation, elf davon werden beatmet. Zwölf weitere Behandlungsplätze mit Beatmungsgeräten haben wir zur Verfügung. Dieses Kontingent von 24 können wir noch auf 48 verdoppeln. Die Geräte dafür sind schon im Haus. Wir sind also optimal vorbereitet auf das, was hoffentlich nicht auf uns zukommt.

Wie viele Menschen sind im Klinikum Dachau bisher an Covid-19 gestorben?

Es sind bisher vier, allesamt ältere Bürger des Landkreises, die Vorerkrankungen hatten. Ihr Durchschnittsalter lag bei 85 Jahren.

Die Menschen sind sehr verunsichert, wenn sie abends die dramatischen Bilder aus Spanien oder Italien sehen. Glauben Sie, dass die Klinik in Dachau in eine ähnlich katastrophale Situation geraten könnte?

Ich würde mir aktuell keine Sorgen machen. Wir haben genügend Beatmungsplätze und genug Möglichkeiten, Patienten erfolgreich zu behandeln. Ein italienisches oder spanisches Niveau sehe ich noch ganz weit entfernt. Eine ganz verlässliche Aussage ist aber schwer möglich. Wie gesagt, die große Welle kam bisher nicht. Und falls sich das ändert, haben wir seit Wochen alle Vorbereitungen getroffen, damit sie uns eben nicht hart so trifft wie in Italien oder Spanien. Aber die Situation kann sich natürlich innerhalb von Tagen oder Wochen bereits ändern.

Noch ist Platz in der Amper-Klinik. Es könnten noch zwölf weitere Patienten beatmet werden - eventuell sogar mehr.

(Foto: Toni Heigl)

Was lösen Bilder wie jene aus Italien bei Ihnen persönlich als Arzt aus?

Ich finde sie schrecklich. Ich hoffe, niemals in die Situation zu geraten, einen Patienten abzuweisen, weil die technische Ausrüstung fehlt. Die Kollegen werden das vermutlich ein Leben lang vor Augen behalten, dass sie den Menschen in Not nicht helfen konnten.

Wie hoch ist die Belastung für Ihr Personal?

In den Bereichen, in denen mit infektiösen Patienten gearbeitet wird, ist sie deutlich höher als sonst. Auch als professioneller Mitarbeiter hat man natürlich Angst, sich zu infizieren. Das Einschleusen in die Zimmer und das Anziehen der Schutzkleidung strengt an und kostet natürlich Zeit. Die Situation ist psychisch und vom zeitlichen Arbeitsaufwand betrachtet eine große Belastungsprobe für die Mitarbeiter. Aber im Moment ist sie, so glaube ich, noch erträglich.

Teile der Belegschaft haben Vorwürfe gegen die Klinikleitung erhoben. Sie fürchteten um ihre Gesundheit, weil es zu wenig Schutzmaterial gebe. Was sagen Sie dazu?

Es muss jedem klar sein, dass wir ein weltweites Problem mit Schutzausrüstung und Masken haben - das ist sicherlich kein lokales Dachauer Thema. Auch wir haben nicht die Möglichkeit, jeden FFP2-Mundschutz nur einmal zu verwenden. Wir haben aber den Vorteil, Teil eines großen Konzerns zu sein, der auf der ganzen Welt Schutzausrüstungen ordern kann. Das Material wird innerhalb des gesamten Helios Konzerns gut verteilt. Zusätzlich wurden wir am Wochenende vom Landratsamt mit 1 400 FFP2-Masken und weiterem Schutzmaterial unterstützt. Bis jetzt hatten wir deshalb immer genug Material, um die Patienten mit ausreichend Schutz zu behandeln.

Die Mitarbeiter der Klinik müssen sich nach einer Vorgabe des Landratsamts außerhalb der Arbeit sofort in häusliche Quarantäne begeben. Wie kommen Sie damit klar?

Es ist schwierig. Wir sind auf die Hilfe von Freunden und Bekannten angewiesen, weil wir keine Einkäufe mehr erledigen können. Die Situation ist natürlich eine massive Einschränkung und Erschwernis unseres täglichen Lebens.

Am Freitag musste das Klinikum vorübergehend geschlossen werden, nachdem ein Herzpatient das Virus eingeschleppt und Mitarbeiter damit infiziert hatte. Wäre das nicht vermeidbar gewesen?

Professor Hjalmar Hagedorn ist seit 2018 Ärztlicher Direktor im Helios Amper-Klinikum in Dachau und Markt Indersdorf. Sein Spezialgebiet ist die Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO). Er ist Chefarzt in dieser Abteilung.

(Foto: Toni Heigl)

Nein. Es ist nicht zu vermeiden, dass Patienten, die keine Symptome haben, das Virus einschleppen können. Selbst wenn jeder getestet würde, hätte man das Ergebnis erst in einem Tag. Es gibt also immer ein Restrisiko. Wir können übrigens jetzt schon sagen, dass es kein unkontrollierter Ausbruch war, sondern ein ganz lokales Geschehen. Es gab keine Gefährdung für alle anderen Patienten. Die 19 Mitarbeiter, die positiv getestet wurden, kamen alle aus Risikobereichen wie dem OP, der Intensivstation oder einer der Infektionsstationen. Von etwa 150 Patienten ohne bekannte Covid-19-Erkrankung war nur einer positiv, von dem wir es nicht wussten.

Wie wollen Sie ausschließen, dass das Virus nicht mehr eingeschleppt wird?

Von jetzt an werden alle Patienten, die nicht eindeutig positiv getestet wurden, als Verdachtsfälle gewertet. Sämtliche Patienten im Krankenhaus werden auf ein Einzelzimmer gelegt. Auch das Pflegepersonal trägt auf sämtlichen Stationen FFP-Masken. Alle Bereiche der Klinik wurden sorgfältig voneinander getrennt. In der Notaufnahme gibt es eine noch striktere Trennung zwischen positiv und nicht-positiven Patienten. Und bereits heute wird die gesamte Belegschaft ein zweites Mal getestet.

© SZ vom 09.04.2020
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