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Corona-Krise:Die Buden bleiben zu

Detlef Sennefelder

Detlef Sennefelder mit seinem Sohn vor einer seiner geschlossenen Kirmesbuden. Das Lächeln hat er nur für das Foto aufgesetzt.

(Foto: Ilona Hahnel-Stienen)

Detlef Sennefelder verkauft seit 28 Jahren auf Volksfesten rund um Dachau und auf der Wiesn Süßwaren und andere Speisen. Nun raubt ihm das Coronavirus die Geschäftsgrundlage - und bald auch seine Zuversicht

Von Jacqueline Lang, Röhrmoos

Detlef Sennefelder ist niemand, der so schnell das Jammern anfängt. Aber wenn der 59-jährige Schausteller einen Blick in seinen Terminkalender für dieses Jahr wirft, dann fällt es ihm schwer, die Fassung zu bewahren. Das Markt Indersdorfer Volksfest: abgesagt. Das Dachauer Volksfest: abgesagt. Das Münchner Oktoberfest: abgesagt. Alle Märkte bis mindestens bis 31. August: auch abgesagt. Ob der Christkindlmarkt in Dachau stattfinden wird? Diese Frage - wie so viele andere - kann und will Sennefelder, der auch stellvertretender Sprecher und erster Kassier der Arbeitsgemeinschaft der Schausteller auf dem Dachauer Volksfest ist, derzeit noch nicht beantworten. Über eine Branche, die wegen der Corona-Pandemie vor dem Aus steht.

Schon seit 1992 verkauft der Röhrmooser gebrannte Mandeln, Lebkuchenherzen, aber auch Schaschlik und Currywürste auf nahezu allen Festen im Dachauer Landkreis. In Olching, Lohhof und auf der Wiesn gibt es "Sennefelder's süße Spezialitäten" zu kaufen. Für gewöhnlich geht die Saison für Schausteller wie ihn im März los, doch in diesem Jahr hagelt es seit ein paar Wochen eine Absage nach der anderen. "Uns ist die Geschäftsgrundlage entzogen worden", bringt es Sennefelder auf den Punkt. Und die Kosten, zum Beispiel für die Lagerung seiner mobilen Geschäfte, aber auch die jährlich anfallenden Reparaturen? Die laufen selbstverständlich weiter oder wurden bereits Anfang des Jahres, also noch vor der Krise, getätigt.

Natürlich gebe es in seiner Branche auch mal schlechte Jahre, räumt Sennefelder ein. Schließlich ist man als Schausteller stark vom Wetter abhängig. Aber ein Jahr Totalausfall? "Das hat es noch nie gegeben", sagt Sennefelder. Und damit noch nicht genug: Manche würden sogar behaupten, dass Großveranstaltungen erst dann wieder möglich sind, wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden worden ist. Wann das soweit sein wird, weiß niemand so genau. Es gibt Schätzungen, die rechnen Mitte des kommenden Jahres mit einem Impfstoff. Pessimistischere Überlegungen gehen erst von einem Durchbruch Ende 2021 aus. Im schlimmsten Fall würde das für Sennefelder also bedeuten, dass ihm nicht nur ein Jahr mit null Euro Umsatz bevorsteht, sondern sogar zwei. Für einen Mann, dessen Existenz an solchen Entscheidungen hängt, ist diese Unsicherheit nur schwer auszuhalten.

Besonders ärgert Sennefelder deshalb auch, dass die Verantwortlichen heute das eine und morgen das andere sagen. Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, etwa habe noch vor wenigen Wochen gesagt, dass die sogenannten Alltagsmasken nichts bringen. Seit ein paar Tagen ist er nun offenbar anderer Meinung. "Man weiß nicht mehr, was man noch glauben soll", sagt Sennefelder. Natürlich gehe die Gesundheit vor wirtschaftlichen Interessen, aber wenn ein Gesundheitsminister wie Jens Spahn signalisiere, dass die Schaustellerbranche unnütz sei wie ein Kropf, dann empfindet das Sennefelder doch wie einen "Schlag unter die Gürtellinie". Er würde sich von der Politik stattdessen Perspektiven wünschen, denn im Moment kann er "am Ende des Tunnels noch nicht einmal den Hauch von einer Lampe" sehen.

Sennefelder geht es aber nicht nur um sich selbst: Er hat zwei Festangestellte, die er Anfang März in Kurzarbeit schicken musste. Einer davon ist sein Sohn. Der hat drei Kinder, gerade erst ein Haus gebaut, das er noch abbezahlen muss, in ein paar Jahren hätte er den familiären Betrieb dann eigentlich übernehmen sollen. Jetzt hat er sich einen 450-Euro-Job gesucht.

Beantragt habe er das Kurzarbeitergeld schon Anfang März, sagt Sennefelder. Knapp zwei Monate später wartet er immer noch auf das Geld und noch nicht einmal die Bestätigung über die Bewilligung hat er bislang bekommen. Von den Kollegen, mit denen er gesprochen habe, gehe es vielen ähnlich. Für einen Betrieb seiner Größe stehen ihm außerdem 9000 Euro Soforthilfe zu, doch auch auf dieses Geld wartet er noch. Unter Soforthilfe hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Und auch hier sei er leider kein Einzelfall, sagt Sennefelder: Gerade einmal rund ein Prozent seiner Kollegen, mit denen er im Austausch stehe - und das seien nicht wenige - hätten schon Geld vom Staat bekommen. Zwischen dem, was die Politiker sagen würden und dem, was bei ihm ankommt, sieht der 59-Jährige Schausteller aus Röhrmoos "eine riesige Lücke".

Und damit nicht genug: In der Hauptsaison beschäftigt Sennefelder noch rund 20 weitere Arbeitskräfte, darunter viele Mütter, die sich etwas dazuverdienen wollten. Auch die kann er in diesem Jahr nicht einsetzen. Und dann sind da noch die ganzen Zulieferer, die ohne die Aufträge von Sennefelder auskommen müssen: die Metzger, Bäcker aber auch die Stadtwerke. Das Schicksal von Schaustellern wie Sennefelder, man muss es als Teil eines großen Ganzen begreifen: Wenn er nicht arbeiten darf, könnte das in der Folge auch Auswirkungen für viele andere Betriebe bedeuten.

Sennefelder selbst will abwarten, bis klar ist, wann und ob es in absehbarer Zeit für seinen Betrieb weitergehen kann. Er hofft, dass das in drei bis vier Wochen der Fall sein wird. Erst dann will er sich überlegen, ob es für sein Unternehmen überhaupt noch Sinn macht, ein Darlehen bei der Bank aufzunehmen. Denn die Rücklagen, die er hat, sind für einen Selbstständigen wie ihn gleichzeitig die Altersvorsorge. Die werde er, das macht er sehr deutlich, sicherlich nicht investieren, um seinen Betrieb zu sanieren, nur um dann im Alter mit Hartz IV auskommen zu müssen - und das, obwohl er nie über seine Verhältnisse gelebt hat. "Da fragt man sich irgendwann schon: Habe ich irgendwas in meinem Leben falsch gemacht?", sagt Sennefelder. Im Augenblick fühle es sich so an, obwohl er immer gut gewirtschaftet habe. Das könne jeder sehen, der einen Blick in seine Bücher werfen wolle.

Sich einen 450-Euro-Job zu besorgen, wird dennoch wohl auch ihm über kurz oder lang nicht erspart bleiben, denn mit knapp 60 Jahren noch einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden, dafür sieht Sennefelder kaum Chancen - zumal er ja, wie es aussieht, nicht der Einzige sein wird, der sich womöglich in nächster Zeit umorientieren muss. Zumindest solange, bis Feste feiern wieder erlaubt ist.

© SZ vom 25.04.2020

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