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Corona in Dachau:"Wir sind kurz vor der Krise"

Wintertag

Wer mit dem Hund eine Runde an der Amper dreht wie hier die Spaziergänger bei Mitterndorf, tut sich etwas Gutes und gefährdet niemand. Wenn sich aber Menschenmassen an Rodelhängen ballen, riskieren sie eine Infektion und Weiterverbreitung von Corona-Viren.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Alle Intensivbetten des Helios Amper-Klinikums sind belegt, aber etliche Dachauer missachten noch immer die Corona-Regeln und trinken am Monte Kienader Glühwein. Landrat Stefan Löwl (CSU) ist empört und besorgt

Von Christiane Bracht, Dachau

Zwar sinkt die Zahl der Coronainfizierten laut Statistik, doch die Lage im Landkreis Dachau ist nach wie vor sehr ernst. Vor allem die Situation im Helios Amper-Klinikum bereitet Landrat Stefan Löwl (CSU) große Sorgen. Die Intensivbetten seien alle belegt, sagt er. Noch könne man aufstocken, doch "die medizinischen Kapazitäten sind an der Obergrenze". Zehn Coronapatienten müssen derzeit beatmet und intensiv betreut werden, 30 weitere liegen auf der Normalstation. "Wir schaffen es gerade noch, sind aber kurz vor der Krise", warnt Löwl.

Von einer Entspannung der Situation aufgrund sinkender Sieben-Tage-Inzidenz ist man weit entfernt. Die Patienten, die jetzt in der Dachauer Klinik aufgenommen werden, wurden bereits vor oder um Weihnachten herum positiv getestet, erklärt der Leitende Oberarzt der Nothilfe Alexander von Freyburg. Der Klinikalltag für Ärzte und Pfleger ist hart. "Die zur Verfügung stehenden Ressourcen sind aktuell sehr stark in Anspruch genommen", sagt der Oberarzt. Wegen guter interner und standortübergreifender Zusammenarbeit und dem besonderen Engagement der Mitarbeiter könne man Belastungsspitzen noch abfedern. Eine Triage habe man in Dachau bisher zum Glück nicht treffen müssen. Aber eins sei auch klar: "Wir sehen schwere Verläufe in allen Altersgruppen", sagt von Freyburg. Nicht nur Hochbetagte kämpfen auf der Intensivstation um ihr Leben, dort lag auch schon eine 31-Jährige, die mehr als vier Wochen beatmet werden musste, berichtet der Oberarzt. Er rechnet nicht damit, dass die Zahl der Neuaufnahmen in nächster Zeit deutlich zurückgehen wird, die Statistik habe zu viele Unschärfen. Die, die sich an den Feiertagen infiziert haben, seien noch nicht erfasst, fürchtet er.

Die Situation in der Reha-Klinik in Markt Indersdorf hat sich ebenfalls verschärft: Seit dem Corona-Ausbruch auf der Station für geriatrische Rehabilitation herrscht noch immer Aufnahmestopp. 13 Patienten sowie elf Mitarbeiter haben sich inzwischen mit Covid-19 infiziert. Die Patienten sind zum großen Teil nach Dachau verlegt worden, einige auch nach Fürstenfeldbruck und Herrsching. Laut Chefarzt Björn Johnson ist jedoch keiner schwer erkrankt. Seither wird täglich getestet, um das Virus wieder aus der Klinik zu bekommen. Nächste Woche hofft Johnson die geriatrische Reha wieder öffnen zu können.

Angesichts dieser Situation reagiert Landrat Löwl empfindlich auf die ersten Schneefreuden im Landkreis: Hochbetrieb herrschte am Monte Kienader sowie an den Schlittenbergen am Karlsfelder See oder der Schinderkreppe in Dachau. Während die Kinder sich beim Rodeln austobten, standen einige Erwachsene in kleinen Grüppchen zusammen. Manch einer hatte sogar eine Thermoskanne Glühwein dabei. "Überall bekommen wir die riesigen Auswirkungen der Pandemie zu spüren: in der Wirtschaft, dem sozialen Umfeld und gesellschaftlich, weil wir eine Ausbreitung von Corona verhindern wollen, und dort stehen die Leute zusammen und trinken", echauffiert sich Löwl.

"Wir müssen unbedingt verhindern, dass am Monte Kienader Zustände herrschen wie in den Alpen", stellt Löwl am Donnerstag in der Koordinierungsgruppe Pandemie klar. Man wolle den beliebten Rodelberg nicht sperren, "aber das geht nur, wenn die Leute vernünftig sind". Hinausgehen und Schlittenfahren sowie Einzelsport soll weiterhin erlaubt bleiben, aber möglichst nur dort, wo die Leute zu Fuß hingehen können. "Es soll kein gesellschaftliches Event werden", so Löwl. Man einigte sich, von Freitag bis Sonntag auf der Kreisstraße DAH 5 zwischen Günding und Bergkirchen im Bereich des Monte Kienader ein absolutes Parkverbot auszusprechen, das die Polizei kontrollieren soll.

Um die Glühweinrunden zu sprengen, schickte das Gesundheitsamt am Mittwochnachmittag Polizei, THW und Feuerwehr los. Mit Durchsagen, die die Menschen ans Abstandhalten erinnern sollten und auch an das Alkoholverbot, kreisten die Einsatzwagen. Zwar erwischte die Polizei niemanden, obwohl Regelverstöße laut Polizeisprecher an der Tagesordnung sind. Doch "es kann, dass die Thermoskannen schnell weggepackt wurden, als die Kollegen in Uniform auftauchten."

Eine Einschränkung des Bewegungsradius auf 15 Kilometer vom Wohnort, wie sie in Hotspot-Gebieten gelten soll, müssen die Dachauer in der kommenden Woche aber nicht befürchten. Das Robert-Koch-Institut meldet derzeit eine Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner von 73. Nur bei der Hälfte der aktuell Infizierten könne der Übertragungsweg sicher ermittelt werden, so das Gesundheitsamt. Das macht eine Unterbrechung der Kette schwierig.

Unterdessen ist der Andrang auf die Impfzentren groß. Am Donnerstagmorgen konnten sich die ersten Über-80-Jährigen einen Termin unter der Nummer 116 117 holen. Beim BRK in Dachau waren alle 350 Impftermine für die nächste Woche innerhalb von 22 Minuten vergeben, so der Sprecher des Landratsamts, Wolfgang Reichelt. Die Johanniter in Karlsfeld hatten um 11 Uhr noch einige wenige Lücken in ihrem Impfplan. "Sehr viele sind bei der Hotline überhaupt nicht durchgekommen", sagt Reichelt. "Wir vergeben nur so viele Termine wie wir Impfdosen haben." Am Freitag erwartet das Gesundheitsamt die Lieferung für die kommende Woche. Start in den Zentren ist dann der 11. Januar.

Insgesamt 12 000 Landkreisbürger haben höchste Priorität beim Impfen, 1400 haben bereits eine Spritze erhalten. In der nächsten Woche sollen weitere 1100 die erste Dosis verabreicht bekommen. "Dann haben wir bis Ende nächster Woche 2500 Personen geimpft. Das sind 20 Prozent der Bevölkerung", rechnet Löwl vor. Da könne man nicht meckern, denn das sei "fast so viel wie das ganze Bundesland Thüringen bisher an seine Bürger verabreicht hat".

© SZ vom 08.01.2021
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