Süddeutsche Zeitung

Zusammenhalt in der Corona-Krise:Eine Stadt hält zusammen

In der Corona-Krise beweisen Dachaus Bürger eine beeindruckende Solidarität: Freiwillige liefern Bedürftigen Essen, erledigen Einkäufe für Alte, nähen Schutzmasken, kochen für Kinder oder unterstützen sie beim Lernen

Die Formulierung von der "Welle der Solidarität" hört man oft in diesen Tagen; manchmal wirkt sie fast wie eine abgedroschene Floskel. Die Hilfsbereitschaft der Dachauer in der Corona-Krise verdient diese Beschreibung aber tatsächlich. Es gibt etliche Beispiele, wie sie schnelle, unkomplizierte Hilfe leisten. Man muss nur in die Dachauer Brunngartenstraße schauen: An einem Brückengeländer hängen dort neuerdings zahlreich Beutel mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Hilfsbedürftige können sie jederzeit abholen.

Diese Solidarität zeigt sich im gesamten Landkreis. In den vergangenen Wochen haben sich hunderte Ehrenamtliche zusammengefunden, die spontan ihre Unterstützung anbieten. Sie liefern Essen, erledigen Einkäufe und nähen Schutzmasken. Die Solidarität hat viele Gesichter. Da bietet ein junger Mann seinen VW-Bus an, um Einkäufe für ältere Mitmenschen zu besorgen. Ein Volksfestwirt kocht für die Kindernotversorgung ein warmes Essen. Eine Frau unterrichtet Schüler in den Osterferien kostenlos per Telefon. Ein anderer junger Mann kauft bei einem Dachauer Einkaufszentrum für 500 Euro Gutscheine, die sich Bedürftige dort abholen können.

Viele dieser Aktionen haben ihren Ursprung in der öffentlichen Facebook-Gruppe "Corona Hilfe Dachau". Der Optiker Christian Tannek hat sie am 17. März gegründet. Sie zählt inzwischen knapp 2500 Mitglieder. Allein in der ersten Woche boten 1500 Dachauer spontan ihre Hilfe an. Flugblätter der Aktion landeten aus den Händen Freiwilliger in Briefkästen weit über Dachau hinaus. Fast im Minutentakt posten Hilfsbereite auf der Seite neue Hilfsangebote und Ideen. Gründer Tannek sagt, er spüre so etwas wie ein "Wir-Gefühl" unter den Dachauern. "Sie stehen zu ihrer Stadt. Dachau ist wie ein Dorf. Und in einem Dorf halten alle zusammen."

Auch viele Projekte finden in der Gruppe eine Plattform. Die sonst rivalisierenden Dachauer Sportvereine TSV 1865 und ASV Dachau posten jeden Tag um 17 Uhr abwechselnd selbst gefilmte Fitness-Videos, die Leute zu Hause zum Mitmachen animieren sollen. Bewegung und Unterhaltung sind in diesen Zeiten wichtig. Genauso wie der Schutz vor Ansteckung. Wegen des wachsenden Bedarfs an Schutzmasken haben sich über die Facebook-Gruppe und mithilfe der Genossenschaft Gesundheitsregion Plus etwa 20 Frauen gefunden, die zu Hause Masken basteln und nähen. Der Baumwoll- und Leinenstoff wurde bei Privatpersonen gesammelt. Am Montag übergab die Dachauer Unternehmerin Kirsten Hermes, die sich quasi in Vollzeit in der Corona-Hilfe engagiert, die ersten 70 Masken an einen örtlichen Pflegedienst.

Im Zentrum der Initiative aber steht die Versorgung mit Lebensmitteln. Gerade ältere Menschen, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind, sollen die Möglichkeit bekommen, Einkaufsgeschäfte zu meiden. Die Gruppe bietet dazu einen eigenen Bestell- und Lieferservice an. Eine Liste von Einzelhändlern und deren Produkten findet sich auf der Website "Dahoam in Dachau". Gemeldet haben sich für die Aktion, Stand Dienstag, 113 Helfer. Bestellungen kommen etwa zehn pro Tag.

Der große Erfolg der Initiative zeigt sich besonders am Beispiel der Dachauer Tafel. Die Einrichtung für Bedürftige musste vor zwei Wochen vorübergehend schließen, weil den Supermärkten wegen der Hamsterkäufe zeitweise die Waren ausgegangen waren und die zumeist älteren Tafel-Mitarbeiter vor Ansteckung geschützt werden sollten. Über die Corona-Hilfe Dachau und das Netzwerk "Dahoam in Dachau" spendeten örtliche Erzeuger und Gastronomen genug Lebensmittel, um wieder einen Notbetrieb aufzunehmen. Im Dachauer Amper-Einkaufszentrum (AEZ) startete zudem die Aktion "Kauf ein Teil und spende es der Tafel". Für die Spenden stehen leere Einkaufswagen bereit, die an manchen Tagen bereits am Vormittag voll waren. Junge Helfer von der Corona-Hilfe Dachau halfen am Sonntag, die Waren in Tragetaschen für die Bedürftigen zu packen. Eine ungemein wichtige Unterstützung in Zeiten, in denen deutschlandweit Tafeln den Betrieb einstellen müssen.

Ein anderes, rührendes Beispiel ist die besagte Brücke voller Gaben. Eine Crew aus vier Dachauer Freunden, die sich Chaoscityriders nennen, haben die Idee maßgeblich verwirklicht. Sie hatten schon im vergangenen Jahr auf einer Rallye um die Ostsee mit ihrem VW-Bus Spenden in Höhe von 33 333 Euro für den sozial engagierten Lions-Club Dachau gesammelt. In der Corona-Krise holen sie nun mit ihrem Bus die gespendeten Waren vom AEZ und bringen sie zur Tafel. Den benachbarten "Gabenzaun" auf der Brücke in der Brunngartenstraße, Ecke Karlsberg, haben sie am Freitag mit den ersten Hilfspaketen eigens bestückt. Die Aktion wird, so hört man, sehr positiv angenommen. Bisher war der Gabenzaun stets gut ausgestattet.

Die Solidarität und Hilfsbereitschaft zeigt sich aber auch in den zahlreichen Nachbarschaftshilfen, welche die Stadt und die umliegenden Kommunen koordinieren. Auch dort machen Nachbarn für ältere Menschen unentgeltlich Besorgungen und erkundigen sich nach deren Befinden. Ein kurzes Gespräch über den Gartenzaun kann die bedrückende Situation schon ein wenig lockern. Und wenn das nicht reicht, gibt es auch noch die Menschen an den Bürgertelefonen von Stadt und Landkreis. Auch dort werden Helfer und Hilfsbedürftige einander vermittelt.

Von den politisch Verantwortlichen in und um Dachau werden all die Aktionen gesehen und gewürdigt. "Wir können stolz sein, dass wir ein Landkreis mit so viel Hilfsbereitschaft an allen Ecken und Enden sind. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist hier noch da", sagt etwa Landrat Stefan Löwl (CSU). Oder der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD): "Das ist ein ganz tolles Zeichen, dass die Stadtgesellschaft so zusammenhält. Das macht mich schon stolz." Hartmann hofft, dass dieser Zusammenhalt die Krise auch überdauert. Sollte sie irgendwann überstanden sein, sollen neben den schrecklichen Bildern aus den Intensivstationen schließlich auch die schönen in den Köpfen der Dachauer bleiben: die Bilder ihrer großen Solidarität.

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Quelle:
SZ vom 01.04.2020
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