bedeckt München

Dachau bereitet sich auf mehr Corona-Fälle vor:Krankenhaus im Krisenmodus

An den Helios Amper-Kliniken laufen die Vorbereitungen auf den zu erwartenden Anstieg von Covid-19-Erkrankten auf Hochtouren. Die Einrichtung in Dachau verfügt jetzt über zwei komplette Isolationsstationen mit 94 Betten für Infizierte und Verdachtsfälle

Von Benjamin Emonts, Dachau

Die Situation im Dachauer Helios Amper-Klinikum spitzt sich wegen des grassierenden Coronavirus allmählich zu. Seit Freitagnachmiitag hat sich die Zahl der zu versorgenden Infizierten nach Angaben der Klinik mehr als verdreifacht. Am Dienstagvormittag wurden demnach bereits 26 Menschen mit einer nachgewiesenen Covid-19-Erkrankung in Dachau behandelt. Neun von ihnen mussten auf der Intensivstation beatmet werden. Eine Person ist dort bislang an den Folgen der Viruserkrankung gestorben.

Helios Amper-Klinikum

Das Team der neuen Isolationsstation C1-00.

(Foto: Helios)

Die viel zitierte "Ruhe vor dem Sturm", wie Klinik-Geschäftsführer Gerd Koslowski die Situation noch am Freitag beschrieb, neigt sich damit dem Ende zu. Die Vorbereitungen auf den erwarteten Anstieg an Patientenzahlen laufen auf Hochtouren. "Wir besprechen in unserem Krisenstab täglich die aktuelle Situation und entwickeln strategische Maßnahmen, um die Aufnahmekapazitäten sukzessive zu erweitern", sagte am Montag der Ärztliche Direktor der Amper-Kliniken, Hjalmar Hagedorn. Und der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) versicherte am Telefon: "Das Krankenhaus ist gut aufgestellt."

Helios Amper-klinikum

Krankenhaus-Apotheker Christoph Sturm (links) mit Geschäftsführer Gerd Koslowski.

(Foto: Helios)

Das dürfte allerdings auch dringend notwendig sein: Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen im Landkreis steigt weiter kontinuierlich an. Allein zwischen Freitagabend und Montagnachmittag, Stand 17 Uhr, hat sie sich von 250 auf 294 erhöht, zwei 90-jährige Männer sind an der Krankheit gestorben. Das Durchschnittsalter der Patienten mit schwerem Verlauf im Dachauer Klinikum liegt laut Hagedorn bei etwa 75 Jahren. Fast alle Patienten haben Vorerkrankungen, überwiegend Herzschwäche und chronische Lungenerkrankungen. Betroffen sind aber vereinzelt auch Menschen im Alter von 45 bis 65 Jahren ohne nennenswerte Vorerkrankungen. Auch sie landeten teilweise auf der Intensivstation.

Markt Indersdorf wird zum "Not-Lazarett"

Immer mehr Infizierte bedeuten für die Kliniken mehr Arbeit und einen wachsenden Platz- sowie Personalbedarf. Seit Wochen bereiten sie sich deshalb auf einen möglichen Ansturm vor. Um die Kräfte bestmöglich zu bündeln, wurden alle planbaren Operationen und Behandlungen nach einer entsprechenden Ansage des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege vorerst zurückgestellt. Das Klinikum in Dachau hat mittlerweile nach der Station C1-01 eine zweite Station komplett zu einer Isolationsstation umgerüstet. Auf beiden Stationen werden die Patienten schutzisoliert. Insgesamt stehen damit 94 Betten für Covid-19-Patienten und Verdachtsfälle zur Verfügung.

Ärztlicher Direktor Hjalmar Hagedorn.

(Foto: Toni Heigl)

Auf der Intensivstation, wo es um Leben und Tod gehen kann, wurde die Zahl der Beatmungsplätze aktuell von zwölf auf 16 aufgestockt. Von diesen Plätzen sind, Stand Dienstagvormittag, neun mit Covid-19-Patienten und vier mit anderen Kranken belegt. Die Intensivkapazitäten sollen, so Hagedorn, für die kommenden Wochen verdoppelt werden, wie es die Bundesregierung für ganz Deutschland verlangt hat. Einige geriatrische Patienten aus dem Klinikum Dachau wurden dafür bereits in die Helios-Klinik in Markt Indersdorf verlegt. Sie soll, so Landrat Stefan Löwl (CSU), als "Not-Lazarett" genutzt werden, falls Dachau dem Ansturm nicht standhält.

Amper Klinik

Das neue Zelt vor der Notaufnahme der Klinik.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In Dachau gibt es Löwl zufolge aktuell 30 Beatmungsgeräte, 20 weitere sollen folgen, damit Patienten an bis zu 50 Betten unter Vollnarkose intubiert werden können. Die Geräte sind so wichtig, weil sie die Lungenfunktion von Schwerkranken zeitweise übernehmen können. Sie sorgen im Idealfall dafür, dass die Lungenbläschen aufhören zu kollabieren. An Notbetten jedoch werden für die Behandlung Sauerstoffflaschen benötigt. Deren Bestand sei aktuell noch zu klein, sagt der Landrat.

Ein Fass mit 1000 Litern Ethanol sichtert die Desinfektion

Problematisch ist wie in fast allen Krankenhäusern Deutschlands auch die Personalsituation. Pflegekräfte aus der Anästhesie, die derzeit nicht voll ausgelastet ist, werden in Dachau jetzt für einen Einsatz in der Notaufnahme oder auf der Intensivstation extra geschult. Die Mitarbeiter in der Operationspflege werden, soweit es der OP-Plan zulässt, auf den Stationen im Bettenhaus eingearbeitet. "Unsere Stationsleitungen stehen im ständigen Austausch und legen fest, welche Expertise von welchem Kollegen im Notfall auf welcher Station am besten eingesetzt wird", sagt Pflegedirektorin Gesa Breckweg. Die Solidarität unter den Mitarbeitern sei groß. "Einige sind bereits von ihrem geplanten Urlaub zurückgetreten, andere bieten ihren flexiblen Einsatz je nach Bedarf an." Außerdem, so Breckweg, meldeten sich Mitarbeiter mit medizinischer oder pflegerischer Ausbildung aus patientenfernen Bereichen, um das Stationspersonal zu unterstützen.

Desinfektionsmittel immerhin gibt es erst mal genug. Bereits am vergangenen Freitag empfing die Klinik ein Fass mit 1000 Litern Ethanol, aus dem sich die Desinfektionsmittel relativ schnell und einfach herstellen lassen. "Aufgrund der geplanten Eigenherstellung sind wir in der Lage, einem Mangel frühzeitig entgegenzuwirken", sagt Christoph Sturm, der Leiter der Apotheke im Klinikum. Auch Schutzmasken seien derzeit noch genug vorhanden, sagt Pressesprecherin Pia Ott, allerdings sei die Versorgungslage generell kritisch. "Wir arbeiten derzeit ressourcenschonend und tun alles, um die Bereitstellung von Mund-Nasen-Schutz und den entsprechenden Masken zu gewährleisten."

Dass es eine außergewöhnliche Situation in der medizinischen Versorgung ist, wird schon daran ersichtlich, dass seit Montag vor beiden Landkreiskliniken Sanitätszelte stehen. Künftig ankommende Patienten sollen dort im Bereich vor der Notaufnahme auf Covid-19-typische Symptome überprüft und auf ihre Temperatur, Sauerstoffsättigung, Blutdruck und Atmung untersucht werden. Je nach Dringlichkeit des Verdachtsfalls oder anhand deutlicher Symptome wird dann von einem Arzt des Klinikums entschieden, welcher Patient eine weitere Versorgung im Krankenhaus benötigt. Abstriche für eine Sars-CoV-2-Probe werden in den Zelten nicht genommen. Spaziergänger, darum bittet Landrat Stefan Löwl, sollen die Krankenhäuser weiträumig umgehen. "Unser Fokus liegt auf dem Schutz dieser wichtigen Einrichtungen."

© SZ vom 31.03.2020/gsl
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema