Café Queer "Das hier ist ein Ort, an den man von niemandem verurteilt wird"

Treffpunkt zum Austausch: (von links) Maximilian Huber, Niclas, Daniel Imam-Halil, Stefanie Steinbauer, Martin Wagner und Swenja Welsch sprechen über ihre Erfahrungen.

(Foto: Toni Heigl)

Das Café Queer in Dachau-Süd bietet Jugendlichen die Möglichkeit, sich frei über ihre Sexualität, Liebeskummer, aber auch Diskriminierung auszutauschen.

Von Anna-Elisa Jakob, Dachau

Vier Jugendliche, auf durchgesessenen Couchen des Jugendzentrums Dachau Süd. Sie unterhalten sich über den vergangenen Samstag. Wie lange gefeiert und mit wem die Handynummer ausgetauscht wurde - über die Musik und die Atmosphäre. Diese Szene ist einerseits wenig außergewöhnlich. Andererseits doch.

Zuletzt waren die vier gemeinsam auf dem Christopher-Street-Day in Augsburg, feierten und demonstrierten für die Rechte von Schwulen und Lesben, Bisexuellen und Transgendern. Jetzt sitzen sie im Café Queer. Dieser Treffpunkt in Dachau Süd bietet Jugendlichen seit rund einem Jahr die Möglichkeit, sich frei über ihren Alltag, ihre Sexualität, über Diskriminierung und Liebeskummer auszutauschen - weil genau das immer noch nicht selbstverständlich ist.

"Ich hatte immer das Gefühl, es verstecken zu müssen"

"Ich hatte immer das Gefühl, es verstecken zu müssen", erzählt Swenja Welsch. Die 20-Jährige ist bisexuell, hat erst nach dem Abitur begonnen, offen darüber zu sprechen. Heute versteckt sie sich nicht mehr, trägt an diesem Tag ein T-Shirt mit einem Spruch, der in lila Schrift klarstellt, dass sie sowohl auf Männer als auch auf Frauen steht - "auf dich aber trotzdem nicht", heißt es darunter provokant auf Englisch. Rückblickend hätte sie sich gewünscht, dass es einen Ort wie das Café Queer bereits früher in Dachau gegeben hätte, als sie selbst noch mitten in der Pubertät steckte. "Das hier ist ein Ort, an den man hingehen kann und von niemandem verurteilt wird", sagt sie. Den Austausch mit anderen bisexuellen Jugendlichen hatte sie selbst damals stattdessen im Netz gesucht, in Foren und auf Social Media. "Eigentlich traurig", findet sie heute.

In München sind ähnliche Gruppenangebote bereits etabliert - laut den Dachauer Organisatoren steckt in der Nähe zur Großstadt auch einer der Gründe, warum mit dem Café Queer erst vor einem Jahr das erste Angebot dieser Art im Landkreis eingerichtet wurde. "Die Zahlen der Beratungsstellen haben einfach gezeigt, dass hier im Landkreis ein deutlicher Bedarf besteht", sagt Maximilian Huber, einer der beiden Organisatoren des Cafés. Seitdem wird das Projekt durch die kommunale Jugendarbeit des Landratsamtes und die Stadt Dachau gefördert, unterstützt durch den Kreisjugendring.

Mit dem Café Queer will der Kreisjugendring niedrigschwelliges Angebot schaffen

Bevor es das Café Queer in Dachau gab, versuchten auch Daniel und Martin, durch ein ähnliches Angebot in München Anschluss und Austausch zu finden. "Ich habe oft gedacht, hier in Dachau und Karlsfeld bin ich damit ja sowieso allein", so der 17-jährige Daniel Imam-Halil. Im Jugendzentrum Süd sei es deutlich einfacher, sich in die Gruppe einzufinden, ergänzt Martin Wagner. Weil das Ambiente besonders familiär sei und die Gruppe so bunt gemischt.

Mit dem Café Queer wolle man ein offenes und niedrigschwelliges Angebot schaffen, über dessen Ausgestaltung die Besucher selbst entscheiden könnten, erklärt Stefanie Steinbauer vom Kreisjugendring Dachau. Die Jugendlichen erzählen von gemeinsamen Film- und Spieleabenden, von Ausflügen auf den Dachauer Christkindlmarkt oder nach München, von einem Argumentationstraining gegen Vorurteile. Eigentlich ist es aber egal, was sie gemeinsam machen, hier sind sich die Anwesenden einig. Es geht darum, sich in einer Gruppe anerkannt zu fühlen und so sein zu dürfen, wie man ist. Das gibt Mut und Kraft für andere soziale Situationen, mit denen sie außerhalb der Gruppe konfrontiert werden.

"Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen, wollte aber nie eines sein"

Niclas ist der Jüngste der Runde, ergreift seltener als die anderen das Wort, spricht dann aber ruhig und bestimmt. "Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen, wollte aber nie eines sein", erklärt der 14-Jährige. Schon als Kind hatte er viel darüber nachgedacht, aber nie darüber geredet, jetzt möchte er es seiner gesamten Klasse erzählen. Vor rund einem Jahr hatte er sich an seine Eltern gewandt, sein Vater Mike sitzt ihm heute gegenüber. "Eigentlich war es ab dem siebten Lebensjahr schon vorbei mit Kleidern und Zöpfen", sagt dieser lächelnd. Als Niclas im vergangenen Jahr auf ihn zukam, sorgte er sich vor allem darum, dass sich dieser selbst mit einer Hormonbehandlung befasse und diese ausprobiere. "Er hatte sich selbst schon sehr genau eingelesen, das hat mich überrascht", sagt der Vater. Gemeinsam wollen sie eine mögliche Geschlechtsangleichung nun Schritt für Schritt angehen, sind gerade erst einmal auf der Suche nach einem Therapieplatz.

"Ich finde das wirklich cool, dass du deinen Sohn so unterstützt", sagt der 19-jährige Martin und nickt anerkennend. Wie das Umfeld und insbesondere die Familie reagiere, ist für Jugendliche in dieser Situation entscheidend. "Wir haben auch Fälle, in denen das nicht so gut funktioniert", erzählt Maximilian Huber. Wenn Eltern ihre Kinder vor die Tür setzen, weil diese sich outen. In der Gruppe versuchen sie, durch den Austausch mit Gleichgesinnten das Selbstvertrauen der Jugendlichen wiederaufzubauen.

Starke Kritik üben die Jugendlichen an den Schulen. Ansprechpartner fehlten, im Unterricht wird das Thema laut Erfahrung der Anwesenden kaum angesprochen. Swenja erinnert sich daran, im Unterricht gemeinsam mit anderen Schülern über die Ehe für Alle debattieren zu müssen. "Und dann haben andere Begründungen gefunden wie: Gott erlaubt es nicht", sagt sie. Daniel versuchte an seiner Schule, dem Ignaz-Taschner-Gymnasium, einen Workshop für Betroffene und Interessierte zu veranstalten, die Schulleitung habe das allerdings abgelehnt. Das Café Queer habe den Schulen im Landkreis einen Projektworkshop empfohlen, der sich an queere Jugendliche wendet - vorerst wird "Diversity@School", wie der Workshop heißt, im Landkreis einzig von der Fachoberschule Karlsfeld umgesetzt. Projekte wie diese im Landkreis zu initiieren und zu fördern ist eines der Ziele, die sich die Organisatoren für die Zukunft gesetzt haben. "Wir wollen das Ganze auch nach außen tragen", so Stefanie Steinbauer.

Der Wunsch, mit dem sich die Jugendlichen hier, auf der alten Couch im Jugendzentrum, nach außen wenden, ist genauso banal wie bedeutend. "Egal, wie der Mensch sonst ist, er kann queer sein", sagt Swenja. Dann fällt ihr noch etwas ein: In diesem Text solle unbedingt erwähnt werden, dass nicht nur queere Jugendliche in dem Café willkommen seien, sondern auch heterosexuelle. Das ist wirklich so, sei aber vor allem wichtig, damit Jugendliche dies als schützende Ausrede vor Eltern und Freunden verwenden könnten und hier im Jugendzentrum einen sicheren Ort vorfinden. Es ist ein kurzer Hinweis der 20-Jährigen, der es gleichwohl schafft, die Idee, Bedeutung und Notwendigkeit des gesamten Angebots noch einmal zusammenzufassen.

Interessierte können sich bei der Kreisjugendpflege Dachau oder direkt bei Maximilian Huber unter 08131/741283 melden.