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Bürgerdialog des Landkreises:Strategien gegen Stau

Experte Klaus Bogenberger skizziert mögliche Zukunftsszenarien.

(Foto: Toni Heigl)

Ein Gutachterbüro prüft 48 Vorschläge aus dem Landkreis, um einen drohenden Verkehrsinfarkt zu verhindern. Bislang fehlt ein Gesamtkonzept. Klar ist nur: Auf den Straßen fahren immer mehr Autos

Die Bevölkerungszahlen im Landkreis Dachau steigen stark an, die Pkw-Zulassungen in der Region allerdings noch mehr: Während die Bevölkerung um rund fünf Prozent wachse, werden rund zehn Prozent mehr Pkw im Landkreis Dachau zugelassen, erklärte Florian Haas vom Dachauer Landratsamt in der Kulturschranne. Hier fand vor kurzem ein Bürgerdialog statt, auf dem die Fortschritte des neuen Gesamtverkehrskonzeptes im Landkreis vorgestellt und diskutiert werden sollten, Schwerpunkt war der motorisierte Individualverkehr. Unter dem Titel "Welche Straßen braucht der Landkreis Dachau?" wurden Konzepte zum Straßenausbau besprochen, vor allem mögliche Umfahrungen standen im Fokus der Diskussion.

Eine Gesamtlösung gibt es bislang nicht, noch stecken sämtliche Projektideen in der Prüfphase. Insgesamt 48 Vorschläge aus dem Landkreis seien im vergangenen Jahr gesammelt, gefiltert und ausgewertet worden, erklärt Ulrich Rückert, Projektleiter des beauftragten Gutachters Intraplan. Im nächsten Schritt sollen die Einzelprojekte zu gemeinsamen Szenarien zusammengefügt und getestet werden, um eine Gesamtstrategie für den Landkreis zu entwickeln. Grundlage für die Planung ist dabei nicht die heutige Verkehrssituation, sondern die Prognose für das Jahr 2030. Miteingeschlossen werden klimaschutzrelevante Aspekte, so zum Beispiel kürzere Strecken, um Emissionen verringern zu können.

Zentral ist die Frage, wohin sich die Verkehrsströme verlagern, sobald eine Umgehung existiert. Das Beispiel der möglichen Umfahrung Hohenkammer in Petershausen zeigt: Die Straßen innerhalb der Stadt könnten so um 75 Prozent entlastet werden. Gleichzeitig ist aber absehbar, dass sich das Verkehrsaufkommen auf den Nordwesten verlagere und die B13 noch stärker befahren werde. Eine Umfahrung von Schwabhausen Nord und Niederroth West entlaste die Orte hingegen - gleichzeitig konnte man hier keine Verlagerungswirkungen auf andere Bereiche im Landkreis feststellen.

Für die Stadt Dachau wurden bislang vier Szenarien für mögliche Umfahrungskombinationen entwickelt, eine Nord-Ost-Umfahrung von Dachau und eine Südumfahrung von Hebertshausen sind enthalten. Eine mögliche Westumfahrung schnitt demnach für Dachau vergleichsweise schlecht ab, diese wirke sich vor allem auf die Gemeinden Sulzemoos und Bergkirchen positiv aus. Dachau selbst könnte nur mit einer geringen Entlastung rechnen. Laut den Berechnungen würde eine östliche Umfahrung von Dachau 14 Prozent Entlastung bieten, für Günding gleichzeitig eine Entlastung von 55 Prozent. Ziel und Herausforderung ist es nun, die Maßnahmen zu kombinieren, um diese gegenseitig verstärken zu können.

Die Berechnungen zeigen allerdings auch: Die Entlastungen durch Umfahrungen sind insbesondere für Dachau und Karlsfeld in keinem Fall besonders hoch. Eine Bürgerin aus Karlsfeld zeigt sich verärgert: "Ich habe das Gefühl, der ganze Landkreis profitiert von Karlsfeld, das als Filter für den gesamten Verkehr benutzt wird." Ob es sich bei den gesamten Berechnungen um den Straßenausbau nicht um ein Nullsummenspiel handle, heißt es an anderer Stelle im Publikum. Wozu vermehrt Straßen ausbauen, wenn die Entlastungen sowieso gering sind? Die Entlastungen durch Umfahrungen würden sich nahezu mit dem Wachstum der Bevölkerung gleichsetzen, ein Rückgang des Verkehrs wäre in Zukunft trotz Straßenausbau voraussichtlich nicht spürbar.

Landrat Stefan Löwl (CSU) sieht genau hier die Notwendigkeit des Ausbaus: Nur so könne man den Ist-Zustand auf den Straßen halten und einer Überlastung entgegensteuern. Er betont, der Straßenausbau sei nur eine Säule des Gesamtverkehrskonzepts, so werde gleichzeitig die Weiterentwicklung des öffentlicher Nahverkehrs und des Radverkehrs gesondert geprüft.

Die Planungen zeigen auch: Ein Umstieg auf alternative Verkehrsmodelle wirkt unausweichlich, um das Aufkommen in Zukunft bewältigen zu können. Klaus Bogenberger, Professor am Institut für Verkehrswesen und Raumplanung der Universität der Bundeswehr in München, gab an diesem Abend in der Kulturschranne ein paar Einblicke in mögliche Zukunftsszenarien: Autonom betriebene Car-Sharing-Angebote, die möglichst viele Passagiere möglichst effizient befördern sollen. Oder den Vorschlag zur urbanen Seilbahn, die für den Frankfurter Ring in München erforscht werden soll und auch als Ableger in Dachau diskutiert wird. Eine Umfrage des Instituts von Bogenberger ergab, dass 90 Prozent der Passagiere die Gondel statt dem Bus wählen würden, wenn sie damit genauso schnell ans Ziel kämen. Dauere es rund fünf Minuten länger, entschieden sich immer noch 50 Prozent für die Gondel. "Vielleicht verbinden viele hiermit ein gewisses Urlaubsgefühl", sagt Bogenberger - und eine Hoffnung, die Verkehrsströme der Zukunft organisieren zu können.

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