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Bühne:Hahaha!

Die "Comedy Lounge" von Florian Simbeck bildet in der Dachauer Kulturschranne die ganze Bandbreite des Genres ab. Über einen Abend mit Kacke-Witzen, zynischem Randgruppen-Bashing und sensibler Sozialsatire

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Wer heutzutage "voll krass, ey" sagt, gehört womöglich zu den Menschen, deren Schulhof-Sprache vom Komikerduo Erkan und Stefan geprägt wurde. Bis weit in die 2000er Jahre hinein füllten Erkan alias John Friedmann und Stefan alias Florian Simbeck riesige Hallen und Kinosäle mit ihrer bayerischen Version deutsch-türkischer Jugendlicher. Heute ist Simbeck mit Soloprogrammen, als Autor und Schauspieler sowie als Veranstalter der "Comedy Lounge" unterwegs. Am Mittwoch trat er mit vier Teilzeit-Comedians, dem künftigen Mediziner Juri von Stavenhagen, dem Erzieher Jan Preuß, dem Theologiestudenten Toby Käp sowie dem Sozialarbeiter Falk Schug in der Kulturschranne Dachau und einen Tag später auch in Aichach auf.

Simbeck gleicht äußerlich mittlerweile eher einem smarten Manager als einem prolligen Jugendlichen. Er stimmt mit seinem ersten und im Wortsinn nicht gerade stubenreinen Auftritt auf die Themen- und Humorstandards des Abends ein. Ob es allerdings wirklich witzig ist, ausgiebig über die Sinnhaftigkeit des Verpackungsmaterials Hundekotbeutel für Pausenbrote zu parlieren, sei dahingestellt. Doch Simbeck kann glücklicherweise auch anders: Amüsant überzogen und zugleich treffsicher gibt er seine leidvollen Erfahrungen mit dem computerspielsüchtigen Nachwuchs zum Besten. Es ist schon eine lustige Idee, Kids auf Youtube zuschauen zu lassen, wie ihre Altersgenossen das gerade angesagte Computerspiel spielen. Das ist zwar um die Ecke gedacht, aber nicht allzu realitätsfern in Zeiten der sogenannten digitalen Revolution.

Die als "coole Underground-Comedians" angekündigten Mitstreiter Simbecks zeigen - ob gewollt oder ungewollt - die ganze Bandbreite dieses Genres. Der Kölner Juri von Stavenhagen bedient ungeniert sämtliche Vorurteile gegenüber sogenannten Randgruppen. Schade, denn sein "Talent, Menschen auf die Palme zu bringen", wie der NDR kürzlich über ihn schrieb, weiß er auch klüger einzusetzen. Beispielsweise, wenn er nervige Öko-Ladies und deren Kommentare in sozialen Netzwerken oder Übermuttis karikiert. Da kommt Freude auf, weil er gesellschaftliche Phänomene intelligent und bissig beschreibt.

Von Stavenhagens Auftritt könnte man als exemplarisch für das Dilemma der Stand-up-Comedians bezeichnen. Einerseits sehen sie sich als legitime Nachfolger der fast ausgestorbenen Spezies der Alleinunterhalter. Sie wollen auf der Höhe der Zeit sein, ihre Anliegen überspitzt und ausschließlich mit Worten an die Frau respektive den Mann bringen. Sie wollen ihr komisches Talent ausleben, ein möglichst breites Publikum erreichen. Das wollten auch die Urväter dieses Genres, beispielsweise der legendäre Karl Valentin. Doch der musste zu seiner Zeit noch nicht gegen die allgegenwärtige Fernseh- und Internetkonkurrenz kämpfen. Valentin wäre gewissermaßen sowohl Arte- als auch RTL-kompatibel gewesen. Seine heutigen Kollegen dagegen müssen "massentauglich" sein, wenn sie Erfolg haben wollen.

Wie das auf hohem Niveau gehen kann, zeigt in der Comedy Lounge der Heidelberger Falk Schug. Der Sozialarbeiter kann sich sozusagen aus dem eigenen Erfahrungsschatz bedienen. Seine Charakterisierung einer Familie in prekären Verhältnissen gerät zu einem fast liebevollen Porträt der von allerlei Nöten geplagten und mit einer gehörigen Portion Frechheit ausgestatten Menschen. Zum absurden Theater steigert sich sein Auftritt, wenn er spitzzüngig die grassierende politische Überkorrektheit in der Fachsprache seines Berufs aufs Korn nimmt. Wer will in der Realität schon gerne als "verhaltenskreativ" oder "semiintelligent" bezeichnet werden?

Auch Jan Preuß, der Dritte im Bunde der Comedians auf dem steinigen Weg zum Erfolg, kann mit seinem gelungenen Griff in die Kiste bizarrer Alltäglichkeiten überzeugen. Verpackt in eine komische Story von der Suche nach der richtigen Frau, zitiert er beispielsweise Tipps der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wie Mann das passende Kondom findet. Das ist besser als jede Doku-Soap und von umwerfender Komik.

Ein Ziel der Comedy Lounge ist, Newcomern einen Auftritt zu ermöglichen. Der Heidelberger Student der Theologie und Geschichtswissenschaft Toby Käp nutzt diese Chance - und zwar gleich mehrfach. Freimütig, aber ohne den sonst oft zu beobachtenden Zynismus berichtet er über die Crux mit seiner Hörschädigung. Er sei "zu behindert, um normal zu sein und zu normal, um behindert zu sein", sagt er. Keine Win-Win- sondern eine "Loose-Loose-Situation" meint er. Die kompensiert er offensichtlich erfolgreich durch seinen (Noch-)Nebenjob als Comedian - und bringt so eine besondere Fröhlichkeit in die Veranstaltung.

Mag sein, dass die spezielle Mischung aus Witzereißen und mehr oder weniger subtiler Komik ein Erfolgsfaktor der Comedy Lounge ist. Es gibt diese Veranstaltungsreihe immerhin in mittlerweile 15 Städten deutschlandweit. Bei einigen ist bereits die zwölfte Auflage in Planung, bei anderen wie in Dachau und Aichach, war gerade Premiere. Man darf gespannt sein, ob und wie Veranstalter Simbeck künftig das kreative Potenzial der Szene nutzt.

© SZ vom 09.09.2017
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