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Budget für Erinnerungsorte:Kostenexplosion mit Kollateralschaden

Die KZ-Gedenkstätte Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Während man an der KZ-Gedenkstätte Dachau mühsam um finanzielle Mittel kämpft, wird die Erweiterung der Dokumentation Obersalzberg zum Millionengrab.

Nur einen Tag, nachdem der Fotograf Horst Brandner bei Adolf Hitler protestiert und sich geweigert hatte, seinen Grund auf dem Obersalzberg abzutreten, deportierte ihn die Gestapo ins KZ Dachau. Brandner war einer von 56 Menschen, denen die Nazis ihre Häuser und Grundstücke nahmen, um in der Berchtesgadener Bergwelt einen zweiten Regierungssitz zu bauen. Und er war einer von mehr als 200 000 Menschen, die zwischen 1933 und 1945 im Dachauer Konzentrationslager inhaftiert waren.

Mehr als acht Jahrzehnte später können Besucher aus aller Welt sowohl in der KZ-Gedenkstätte Dachau als auch in der Dokumentation Obersalzberg etwas über die Verbrechen des NS-Regimes erfahren. Beide Einrichtungen verstehen sich als Lern- und Erinnerungsort. Doch während man in Dachau mühsam um finanzielle Mittel kämpft, wird die Erweiterung der Dokumentation Obersalzberg für den Freistaat zum Millionengrab. Ende Januar hat das Bauministerium den Haushaltsausschuss des Landtages über eine weitere Kostensteigerung auf 30 Millionen Euro informiert. Ursprünglich sollte das Projekt 14 Millionen Euro kosten. Das Bauministerium macht Planungsfehler eines Beteiligten für die Mehrkosten am Obersalzberg verantwortlich. Mehrere Landtagsabgeordnete stören sich vor diesem Hintergrund auch an einem finanziellen Ungleichgewicht zwischen sogenannten Täter- und Opferorten.

"Ich will wenigstens, dass das Verhältnis stimmt", sagt Stiftungsdirektor Karl Freller

Schon 2017, bei der ersten Kostenerhöhung von 14 auf 21 Millionen, hatte es viel Kritik im Landtag an der Überschreitung des damaligen Kostenrahmens gegeben: Einer der Kritiker ist Landtagsvizepräsident Karl Freller (CSU). Er ist auch Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten. Er meint, dass am Obersalzberg ein zu hoher Aufwand betrieben wird. Zwar betont er, dass die Dokumentation für ihn nicht in Konkurrenz zu den Gedenkstätten stehe. Er wolle aber vermeiden, "dass bei dem einen so viel ausgegeben wird, dass bei dem anderen nichts mehr übrig bleibt". Freller missfällt auch, dass das Vorhaben unter anderem mit einer Zahl an Besuchern gerechtfertigt werde, die von 40 000 auf 170 000 pro Jahr gestiegen sei. In Dachau hätte sich diese Zahl in den vergangenen zehn Jahren von 600 000 auf fast eine Million erhöht. "Ich will wenigstens, dass das Verhältnis stimmt." Freller ist der Ansicht, dass auch Täterorte wie der Obersalzberg erhalten bleiben müssen. Doch die Gedenkstätten hätten für ihn eine besondere Bedeutung. Dort gelte es, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Die Gedenkstätten würden "den Zynismus und die Brutalität" des NS-Regimes dokumentieren.

Laut Freller haben die KZ-Gedenkstätten in Dachau und Flossenbürg in den vergangenen zehn Jahren etwa 50 Millionen Euro vom Staat erhalten. Pro Jahr bezuschusst der Freistaat die Einrichtung in Dachau mit 2,7 Millionen Euro. Hinzukommen 900 000 Euro vom Bund. Diese Mittel werden zur Unterhaltung des Geländes und der Gebäude sowie für den Wachdienst und für administrative, pädagogische und wissenschaftlichen Arbeiten verwendet.

Mehr Geld für Barrierefreiheit und Sicherheit

Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, sieht neue Herausforderungen auf die Einrichtung zukommen, die zusätzlich Geld kosten werden. Die gesamte Gedenkstätte müsse umfassend neukonzeptioniert werden, sagt sie. Unter anderem brauche es ein Seminarzentrum für pädagogische Formate und zusätzliche Ausstellungs- und Gendenkräume. Hinzu kämen Instandhaltungsarbeiten am bestehenden Gelände. Hammermann rechnet damit, dass "über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren ein hoher zweistelliger Millionenbetrag nötig sein wird". Gespräche zur Finanzierung dieser Projekte seien bereits im Gang. Freller fügt hinzu: "Wir brauchen auch mehr Geld für Barrierefreiheit und Sicherheit." Er will das Thema auch in der Sitzung des Stiftungsrates am 18. Februar ansprechen.

Dort wird man wohl genau verfolgen, wie es am Obersalzberg weitergeht. Bisher hat der Landtag nur 21 Millionen Euro für den Umbau genehmigt. Sollten die Abgeordneten ihre Zustimmung verweigern, dürfte nicht weitergebaut werden, sobald die ausgegeben sind.

Die KZ-Gedenkstätten stehen auch vor der Frage, wie sie die Erinnerung lebendig halten, wenn es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. Eine Möglichkeit ist, in Ausstellungen Interviews mit Holocaustüberlebenden zu präsentieren. Auch dafür brauche es aber eine Modernisierung der technischen Ausstattung, so Freller.

Der Fotograf Horst Brandner, der sich weigerte den Nazis seinen Grund am Obersalzberg zu überlassen, war zwei Jahre lang im KZ Dachau eingesperrt. Die Haft überstand er nur knapp. Nach seiner Entlassung schickte ihn die Nazis als Soldat an die Front. Horst Brandner fiel in der Sowjetunion.

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