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Buchrezension "Ludwigsfeld":Die gespenstische Alltäglichkeit der Betonplatte

Sinnbild mit Patina: Die "Rollschuhplatte" ist ein unscheinbarer Ort, ein kleiner Fleck Beton auf dem Rasen zwischen den Wohnhäusern der Siedlung. Und doch kann sie als Chiffre für das kollektive Gedächtnis gesehen werden.

(Foto: Claudia Dörner/oh)

Früher das Fundament einer KZ-Baracke, heute Raum zum Rollschuhfahren: In der Siedlung Ludwigsfeld vollzogen sich geschichtliche Brüche auf engstem Raum. Eine feinfühlige ethnografische Studie porträtiert die Geschichte des Viertels - und die Suche der Bewohner nach Identität

In Ludwigsfeld nennt man sie einfach "die Rollschuhplatte". Es ist ein kleiner Fleck Beton auf dem Rasen zwischen den Wohnhäusern der Siedlung. Für Libuše Hannah Vepřek ist diese kleine, unbeachtete Betonplatte eine Chiffre für die Psyche des Stadtviertels und des kollektiven Gedächtnisses seiner Bewohner. In ihrer ethnografischen Studie "Ludwigsfeld" nimmt die junge Kulturwissenschaftlerin den Leser mit auf eine Reise ins Münchner Grenzland, in dem sich die jüngere deutsche Geschichte verdichtet: Wo Erinnern, Vergessen und Verdrängen eine räumliche Einheit bilden, wo frühere Zwangsarbeiter und Ex-Nazis, Ostvertriebene und Gestrandete jahrzehntelang Tür an Tür gelebt haben.

Vepřeks Streifzüge durch das Viertel sind an den Ideen des Philosophen Ernst Bloch geschult, dessen Diktum von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" an der Rollschuhplatte in der kleinen Münchner Stadtrandsiedlung lebendig wird. Dort kommt Vepřek während ihrer sechs Monate andauernden Feldforschung häufig vorbei. Sie streunt durch die Straßen, sitzt auf Parkbänken, unterhält sich und beo bachtet. Ursprünglich als Abschlussarbeit für die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) konzipiert, ist die Studie der gebürtigen Münchnerin als Buch beim Utzverlag erschienen. Herausgekommen ist ein feinfühliges Porträt Ludwigfelds, der Bewohner und ihrer Geschichte. Es entstand 2018 - und damit bevor die Pläne der Eigentümer und der Stadt bekannt geworden sind, die Siedlung um viele neue Wohnungen zu erweitern. Nun wird heftig darüber diskutiert. Doch obwohl - oder gerade weil - das Buch der damals 26-Jährigen noch vor diesem neuen Konflikt entstanden ist, lässt es sich auch als Kommentar auf diesen lesen. Denn es zeichnet eine Gemeinschaft nach, die durch viele Verletzungen und Kämpfe um lang verwehrte Anerkennung ihr Selbstbewusstsein errungen hat.

Die Rollschuhplatte ist das Sinnbild für die mentale Archäologie, mit der Vepřek die einzelnen Schichten von Bedeutung und Historie birgt: Einmal im Jahr findet dort das Siedlungsfest statt. "An diesem Tag dient die Betonplatte als Basis für das Festzelt, in dem zu der Musik der Ludwigsfelder Band Hound Dogs getanzt, getrunken und gelacht wird, um das Bestehen der Gemeinschaft Ludwigsfeld zu feiern. Die ursprüngliche Bedeutung der Fläche erschließt sich jedoch nur jenen, die sich mit dem geschichtlichen Hintergrund des Geländes befasst haben oder Teil dieser Geschichte sein mussten", schreibt die Autorin. Die Betonplatte war früher das Fundament einer Baracke des KZ-Außenlagerkomplexes Dachau-Allach.

Eine Herkunft, die vergessen worden war in der bleiernen Zeit der Nachkriegsjahre. Jahrzehnte später sucht der Sohn eines früheren Zwangsarbeiters nach dieser Erinnerung. Er kommt in die Siedlung, weil er den Leidensweg seines Vaters rekonstruieren will. Ein Ludwigsfelder hilft bei der Spurensuche und findet heraus, dass der Vater in Block 5 interniert gewesen sein musste, der sich auf der heutigen Rollschuhplatte befunden hatte.

Vepřek erfährt vieles über die gespenstische Alltäglichkeit dieser Betonplatte. Sie spricht mit Kindern, die dort spielen, Nachbarn, die täglich aus dem Fenster auf eine einzige, nicht abgerissene KZ-Baracke am Siedlungsrand blicken. Auf ihre eigene Historie sind die Ludwigsfelder erst in den Achtzigerjahren gestoßen. Sie haben sie ausgegraben und schließlich zum festen Bestandteil ihres Selbstbildes gemacht.

Vepřeks Buch verflüssigt die Erinnerung. Es zeigt, wie kollektives Gedächtnis und lokale Identität etwas sind, das atmet und sich verändert. Es zeigt, wie sich die Bindungen und Selbstbilder in ständigen Konflikten herausbilden. Die ursprünglichen Bewohnern kamen aus mehr als 20 Nationen. Sie waren als "Displaced Persons" und "heimatlose Ausländer" nach der Zwangsarbeit im Land ihrer Versklavung gestrandet. Für diese Verstoßenen wurde die Siedlung in den Fünfzigerjahren am Stadtrand auf dem früheren KZ-Gelände errichtet. Sie wurde von den Nachbarn bald abschätzig als Leute aus der "Mau-Mau-Siedlung" verschrien.

Viele Kinder und Enkel dieser Bewohner sind geblieben. Sie sind als Gemeinschaft zusammengewachsen und haben ihre Geschichte wiederentdeckt. Ab den Neunzigerjahren kamen Neue in die Siedlung, die es anfangs nicht einfach hatten. Das Buch geht auch auf den vereinten Kampf der Bewohner ein, die 2007 vergebens verhindern wollten, dass der Bund die Siedlung an ein privates Immobilienunternehmen verkauft.

Mehr als ein Dutzend Interviews führte Autorin Vepřek mit lokalen Experten: Sie befragte Stadtviertelhistoriker, Lokalpolitiker und Sozialarbeiter, arbeitete sich durch Zeitungsarchive und Fachpublikationen, besuchte Feste, sprach mit Menschen auf der Straße und in ihren Wohnungen. Stets bleiben die Bewohner der Siedlung und ihre Selbstdeutungen im Blick, sodass der Text zwei Erzählebenen verbindet: eine chronologische, welche die Geschichte entfaltet, und eine rückwärtig suchende, die Erinnerungen freilegt - und damit dem Prinzip der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" folgt. Exkurse zu philosophischen, soziologischen und kulturwissenschaftlichen Theorien schärfen den Blick auf die Phänomene, auch wenn dabei gelegentlich die Langatmigkeit durchschlägt, die den akademischen Ursprung des Buches verrät. Doch diese Stellen werden schnell durchbrochen von Interviewpassagen, Szenen aus den Leben der Bewohner sowie persönlichen Erlebnissen der Autorin, die angenehm präsent bleibt. Der Text ist ebenso polyphon, wie die Bedeutungsebenen von Geschichte, die er freilegt.

Es ist ein großes Glück, dass Vepřek 2015 rein zufällig auf einen Zeitungsartikel über Ludwigsfeld gestoßen ist und ihrer Neugierde freien Lauf ließ. So haben all jene, die über die Zukunft der Siedlung diskutieren und entscheiden, eine Arbeit zur Hand, welche die fragilen Bindungen von Menschen beschreibt. Von Menschen, die sich eine Heimat erschaffen haben, auf einer tiefen Narbe in der deutschen Geschichte. Es ist ein Buch von großem Nutzen für alle Münchner, die einen faszinierenden Stadtteil entdecken wollen, in dem jenseits der ritualisierten Muster der Erinnerungskultur eine Historie für das Leben entstanden ist. Und schließlich ist es ein Buch für all die künftigen Bewohner, die noch ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Siedlung suchen werden - und es dadurch abermals verändern.

Libuše Hannah Vepřek: Ludwigsfeld: (Un-)gleichzeitigkeiten eines Münchner Viertels. Vom Kampf um Anerkennung und Deutungshoheit über einen städtischen Raum. Utzverlag, 174 Seiten, 29 Euro.

© SZ vom 08.04.2020
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