Buchrezension:Lebende Ware aus dem Armenviertel

Große Gefühle, Action und viel indischer Flair: Der fünfte Band der Kashmir-Saga hat alles, was die Fans an der Reihe so lieben. Doch diesmal muten die Autorinnen ihrem Publikum mehr zu als sonst. Das liegt auch an dem verstörenden Thema der Geschichte

Von Gregor Schiegl, Dachau

Seit vielen Jahrzehnten wird das Kaschmirtal im Grenzgebiet von Indien und Pakistan von Terror, Militärwillkür und Anschlägen erschüttert. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage keineswegs gebessert, im Gegenteil. Kaschmirs Teilautonomie wurde 2019 von Indien kassiert, die örtliche Regierung entmachtet und ihre Vertreter eingesperrt, es gab Ausgangssperren, für mehrere Monate wurde das Internet in die Region lahmgelegt. Auf diese jüngeren Entwicklungen weist das Autorinnenduo Ingrid Zellner und Simone Dorra explizit im Vorwort zu ihrem fünften Band der "Kashmir-Saga", "Ein Lied in der Nacht", explizit hin.

Eigentlich geht es in der Reihe um die fiktive Geschichte eines Waisenhaus bei Srinagar und zwei Familien aus unterschiedlichen Teilen Indiens. "Aber die politische Realität dort auszublenden, war für uns nie eine Option", sagt Ingrid Zellner. Der fünfte Band spiegelt die Verhältnisse in der Zeit von 2016 und 2017 wider, eine vergleichsweise friedliche Zeit. Wer die auf sieben dicke Bände angelegte Reihe kennt, weiß, dass es darin neben praller Lebensfreude und anrührenden Szenen der Freundschaft auch nicht selten hart zur Sache geht, mit Folter, Mord und vielen Leichen. So ist es auch in diesem Band. Und doch ist einiges ganz anders.

International World Water Day in Kashmir

Wäschewaschen am Fluss nördlich der Stadt Srinagar in der Unruheprovinz Kashmir.

(Foto: Farooq Khan/dpa)

Ex-Agent Vikram Sandeep, der Leiter des Waisenhauses Dar-as-Salam in Kashmir, kommt einem Kinderschänderring auf die Spur, zu dem auch ein hochrangiger Politiker in Kaschmir zählt. Gemeinsam mit Raja Sharma, der 25 Jahre lang unschuldig im Gefängnis saß, beginnt Vikram zu ermitteln; ihre Recherchen führen die beiden Freunde über Kerala nach Delhi, wo sie und Vikrams Frau Sameera in höchste Lebensgefahr geraten. Dieser Plot hat einen sehr traurigen realen Hintergrund. Bis 2012 war der sexuelle Missbrauch von Kindern nicht einmal ein eigener Straftatbestand in Indien. Danach trat die "Protection of Children Against Sexual Offences Bill" in Kraft, was zumindest auf dem Papier ein Fortschritt war. Im indisch besetzten Kaschmir aber gilt das Gesetz explizit nicht. "Wir konnten das selber kaum glauben", sagt Ingrid Zellner.

Die Autorinnen beweisen großes Feingefühl im Umgang mit diesem schwierigen Thema. Die Reaktionen des traumatisierten Waisenjungen Moussa, der seinen Peiniger auf einem Zeitungsfoto wiedererkennt, werfen ein Schlaglicht auf die seelischen Qualen der Opfer, ohne auch nur ein explizites Detail der widerlichen Verbrechen ans Licht zu zerren. Dafür werden mit umso mehr Wucht die gutbürgerlichen Fassaden der Täter niedergewalzt und ihre emotionale Verrohung grell ausgeleuchtet.

Ingrid Zellner

Die Dachauer Autorin Ingrid Zellner ist umgezogen und schreibt ihre Bücher inzwischen in der Schwäbischen Alb. Aus dieser Region kommt auch ihr Autorenkollegin Simone Dorra.

(Foto: Privat)

Bevor es so weit ist, geht es gut 100 Seiten lang erst einmal sehr lange sehr friedlich zu. Man besucht sich, kocht, isst viele Samosas und trinkt Chai, die Kinder tollen herum. Doch wer die beiden Autorinnen kennt weiß, dass diese Idylle ähnlich wie im Horrorfilm vor allem dazu dient, um Fallhöhe zu erzeugen, wenn diese Idylle brutal zerschmettert wird. Was viele Fans der Reihe schockieren wird: Rajas große Liebe Sita stirbt. Wirklich. "Leicht ist uns das nicht gefallen", beteuert Ingrid Zellner. "Aber ich hatte das Gefühl, dass ihre Geschichte auserzählt ist und sie nichts mehr zum Fortgang der Handlung beitragen kann." Ihr Tod gibt der Geschichte noch einmal eine neue Wendung. Ohne Sita gerät das Freundschaftsgefüge zwischen Raja und Vikram zunehmend in Schieflage; dann kommt auch noch ein dunkles Geheimnis aus Vikrams Zeit als Verhörspezialist ans Licht, das diese durch zahlreiche gemeinsame Abenteuer gestählte Freundschaft erstmals in eine Zerreißprobe führt. Für die Fans besonders schwer zu ertragen dürfte sein, dass die Geschichte mit einem Cliffhanger endet, das gab es in der "Kashmir-Saga" noch nie. Wie es weitergeht, erfahren die Leser erst in einem Jahr. Der sechste Band erscheint im Herbst 2021.

Ingrid Zellner und Simone Dorra. Ein Lied in der Nacht. Band 5 der Kashmir-Saga, tredition, 2020, 500 Seiten, Paperback 19,99 Euro, als E-Book 4,99 Euro. Alle Infos zur Reihe unter kashmirsaga.de.

© SZ vom 26.11.2020
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