Süddeutsche Zeitung

Buchkritik:Mit Schiller im Gras

Krimiautor Michael Böhm setzt 25 Persönlichkeiten literarisch in Szene

Die meisten kennen den Dachauer Schriftsteller Michael Böhm als Krimiautor. Von ihm stammt die Figur des Herrn Petermann, eines liebenswürdig schrulligen Senioren, der allerdings zu drastischen Maßnahmen greift, wenn ihm einer auf die Nerven geht. Dann nämlich bringt er ihn um; seine Ruhe geht Herrn Petermann über alles. In Michael Böhms neuestem Werk geht es weniger blutig zu, selbst der Leichnam des bei einem Autounfall tödlich verunglückten Literaten Albert Camus taucht hier "scheinbar schlafend, mit entspanntem Gesicht, mit nur wenig Blut im Genick" auf. Das merkwürdige Ende Camus' passt zu seinem Leben, es passt zu seiner existenzialistischen Philosophie und seiner Theorie des Absurden.

Man ahnt schon: Mit einem Krimi hat Böhms neues Buch nichts zu tun, auch wenn man es auch hier mit vielen interessanten Persönlichkeiten zu tun bekommt. Manche sind weltberühmt - Giuseppe Verdi, Johannes Gutenberg, Thomas Mann - manche waren einmal sehr bekannt und sind in Vergessenheit geraten wie Schillers Studienfreund Wilhelm von Wolzogen - es gibt sogar Figuren, über die man mehr aus Geschichten weiß als aus der Historiografie, etwa König Saul oder den Heiligen Alto, auf den der Legende nach die Gründung des Klosters Altomünster zurückgeht.

Jede der 25 Figuren erweckt Böhm in einem eigenen Kapitel zum Leben. Schiller erleben wir in Zwiesprache mit einem Schmetterling, wie er eine Ode auf die Freundschaft zu dem im Grase schlummernden Andreas Streicher anstimmt; da ist der junge, von neuen politischen Ideen beflügelte Dichter gerade mal 22 Jahre alt und auf der Flucht vor seinen Häschern. Einen Großteil des Buchs, insgesamt 37 Seiten, nimmt Heinrich der Seefahrer ein, der, in Böhms Geschichte bereits im Sterben liegt und auf sein wechselhaftes Leben zurückblickt. Hier liegt der Kern des Buches - ein bereits 40 Jahre alter Kern: Michael Böhm war von der Geschichte dieses visionären Mannes gefesselt, der trotz seines Beinamens wohl selbst nie zur See gefahren ist, er besuchte die Schauplätze in Portugal. In der privaten Bibliothek des Autors findet sich heute ein gutes Dutzend Bücher über Heinrich den Seefahrer.

"Man muss seine Figuren kennen, um über sie zu schreiben", sagt Michael Böhm. Das gilt für die fiktiven Charaktere seiner Krimis ebenso wie für die "echten" in seinem neuen Buch. "Ich kenne ihr ganzes Leben, auch wenn ich dann nur eine Szene daraus schreibe." Es sind in der Tat nur literarische Miniaturen, die sich mit wenigen biografischen Angaben begnügen. So lernt man diese Persönlichkeiten, die Böhm - jeden für sich - bewundert, nicht umfassend kennen, es ist eine knappe literarische Annäherung, die Böhm aber mit großem erzählerischen Geschick meistert. Dazu adaptiert er die Sprache der Zeit und der Figuren: Bei Thomas Mann und Hesse ist es der bildungsbürgerliche Plauderton des 20. Jahrhunderts. Beim Heiligen Alto eine einfache, urwüchsige Ausdrucksweise, die sich weitgehend auf kurze Hauptsätze beschränkt. Bei König Saul ist es ein biblischer Ton, in dem "der HERR" spricht und die Mädchen am Brunnen so schön sind, dass sie "ein Geschenk für die Augen sind".

Diese "kleine Galerie unsterblicher Namen" - so lautet der Untertitel des Buches - ist eine Mixtur aus Sachbuch und Belletristik, das man Connaisseuren wärmstens empfehlen kann, die mit den versammelten Größen bereits bekannt sind. Wer nicht viel mehr als die Namen kennt, wird vor manchen Szenen möglicherweise etwas ratlos stehen und auch viele Anspielungen und Feinheiten in Böhms Erzählkunst kaum recht zu würdigen wissen. Ein Schmöker für die breite Masse ist das Werk gewiss nicht. Das weiß auch Böhm. "Dass ist kein Buch, von dem wir uns großartige Verkaufszahlen versprechen." Sein Verleger wollte es trotzdem herausbringen. Einfach, weil er es schön fand.

Nun könnte man kritisieren, dass unter den 25 Persönlichkeiten 25 Männer sind (darunter auch ein Phantom, der angebliche zeitgenössische Philosoph Roderich Axtner), aber keine einzige Frau. Aber gemach: Die Frauen sollen in einem Nachfolgeband zu ihrem Recht kommen, erklärt Böhm, und dann haben sie die Bühne ganz für sich allein. Freuen darf man sich dann auf Begegnungen mit Hildegard von Bingen, Daphne du Maurier und Luise Rinser. Deren Geschichte hat Böhm bereits aufgeschrieben. An anderen sitzt er noch. "Jede Geschichte wird wie ein Ei ausgebrütet."

Als nächstes kommt aber erst einmal wieder ein Krimi von dem Dachauer Autor. Im Januar erscheint sein neues Buch "Die zornigen Augen der Wahrheit". Und da könnte es dann doch wieder etwas blutiger zugehen.

Michael Böhm: "Träume am Ende des Weges. Kleine Galerie unsterblicher Namen". Bookspot Verlag, 192 Seiten, 9,99 Euro, auf Kindle 6,99 Euro.

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SZ vom 20.12.2019
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