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Brennpunkt Radwege:"Der Radfahrer gehört auf die Straße"

Ist das Fahrrad das Richtige für den innerstädtischen Verkehr? Ja, findet Peter Wolter. Der ADFC-Chef aus Münster über Schwierigkeiten und welche Ratschläge er für Dachaus Stadträte hat.

Die Stadt Münster gilt als die Fahrradstadt in Deutschland. Bis zu 40 Prozent der innerstädtischen Fahrten werden mit dem Rad zurückgelegt - das ist der höchste Anteil in der Bundesrepublik. Zum Vergleich: Nach neuesten Zahlen beträgt der Anteil der Radfahrer in Dachau laut der Mobilitätsstudie aus 2009 nur 29 Prozent. Kein Wunder, dass sich Dachaus Stadträte im Oktober auf ihrer Informationsfahrt in Münster über das dortige Fahrradnetz informieren wollen. Die SZ sprach mit Peter Wolter, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Münster, was eine fahrradfreundliche Stadt ausmacht. SZ: Was gab es zuerst in Münster: viele Radfahrer oder eine gute Infrastruktur? Peter Wolter: Das ist eine Frage, die sich gar nicht so leicht beantworten lässt. In den 1950er und 1960er Jahren wurden auch in Münster Bürgersteigradwege gebaut, um auf der Straße Platz für die Autos zu schaffen. Doch die Menschen hier haben sich irgendwie den Spaß am Radfahren dadurch nicht verderben lassen. In den 1970er und 1980er Jahren hat man schon gemerkt, dass es immer mehr Radfahrer wurden. In der Haushaltsbefragung 2007 kam heraus, dass die Radfahrer einen Anteil von 37,6 Prozent am Verkehr haben, die Autofahrer nur 36,3 Prozent. Damit ist Münster die einzige Stadt in Deutschland, in der die Radfahrer die Autos in den Schatten stellen. Diese Tatsache haben Politik und Stadtverwaltung eingesehen. Die Infrastruktur wurde ausgebaut, auch wenn sie noch nicht optimal ist. SZ: Was fehlt noch in Münster? Wolter: Wir sind gerade in Verhandlungen mit der Stadtverwaltung und dem Land Nordrhein-Westfalen. Wir wollen, dass in Münster Radschnellwege installiert werden. Münster ist die Stadt in NRW mit den höchsten Unfallzahlen. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die Radfahrer, obwohl sie zahlenmäßig die am stärksten vertretene Gruppe sind, nur an zehn Prozent der Unfälle beteiligt sind. Wenn aber Auto und Rad zusammenstoßen, sind die Folgen für den Radler oft gravierend. Deshalb wäre es besser, wenn die Radfahrer auf der Fahrbahn fahren könnten. SZ: Warum? Wolter: Fahrradstreifen oder Angebotsstreifen mit unterbrochener Linie, die von Autos überfahren werden darf, haben sich hervorragend bewährt - trotz aller Unkenrufe von Skeptikern. Die Autofahrer wissen einfach, dass sie mit Radfahrern rechnen müssen und verhalten sich dementsprechend. Das bietet einen gewissen Schutz. Auch an Kreuzungen, die immer neuralgische Unfallschwerpunkte sind, werden Radfahrer, die auf Fahrradstreifen fahren, besser und mehr wahrgenommen. Dann passieren weniger schwere Unfälle. Für mich gehört der selbstbewusste Alltagsradfahrer auf die Straße. Bordsteinradwege sollten fakultativ für diejenigen sein, die nicht so sicher fahren. Alte Menschen zum Beispiel oder Kinder. SZ: Und was vermiest eher den Spaß am Radeln? Wolter: Bettelampeln sind schrecklich kontraproduktiv. Ich finde, dass man den Verkehr nicht überregeln sollte. Kreisverkehre sind oft die bessere Alternative zu Ampeln. Von Kreisverkehren würden alle Verkehrsteilnehmer profitieren: Es gäbe kein Stop-and-Go, alle würden angepasst fahren. Ich glaube mit Kreisverkehren könnte man viele Ampeln abschaffen, und sie sehen zudem städtebaulich hässlich aus. Und wenn es schon Ampeln gibt, sollten die wenigstens eine Induktionsschleife haben, durch die der Radfahrer automatisch erfasst wird. SZ: Ist das Fahrrad das richtige Fahrzeug für den innerstädtischen Verkehr? Wolter: Ja. Wir haben einmal eine Wettfahrt gemacht, der Vorsitzende des ADAC Münster und ich. Die Strecke war drei Kilometer lang und ich war zwei bis drei Minuten schneller mit dem Rad als er mit dem Auto. Bis er überhaupt sein Auto aus der Tiefgarage geholt hatte, hatte ich schon einen Kilometer zurückgelegt. Was viele nicht wissen: Münster ist nicht nur die Fahrradstadt in Deutschland, sie hat auch die höchste Autodichte in Nordrhein-Westfalen. Wir haben hier 170 000 Autos und rund 500 000 Fahrräder. Aber viele lassen ihr Auto einfach stehen, weil sie wissen, dass es gerade in der Innenstadt einfach schneller mit dem Rad geht. Bei allen Fahrten, die unter fünf Kilometer sind, ist man mit dem Rad in der Regel schneller. Und dennoch werden mehr als 30 Prozent dieser Fahrten in Münster mit dem Auto zurückgelegt. Hier gibt es viel Potential, die Menschen für das Rad zu begeistern. Außerdem ist Radfahren viel kommunikativer. Da bekommt man was von seiner Umwelt mit und ist nicht so abgeschirmt wie im Auto. SZ: Was macht für Sie eine Fahrradstadt aus? Wolter: Eine Fahrradstadt macht für mich aus, dass man sich dort als Fahrradfahrer im öffentlichen Raum wahrgenommen fühlt. Da gehören Fahrradstreifen dazu, aber auch eine eigene Signalisierung für die Radwege. Auch werden qualitativ gute Abstellanlagen und Radstationen an den Bahnhöfen benötigt. Erst wenn das Angebot gut ausgebaut ist, wird es in der Regel auch gut angenommen. Wichtig ist auch eine enge Verknüpfung von Radverkehr und dem öffentlichen Personennahverkehr, also Bus-and-Bike- oder Bahn-and-Bike-Plätze. Gut ist auch, wenn hochrangige Vertreter in Stadtverwaltung und Politik selbst gerne mit dem Rad fahren. SZ: Vorbilder sind wichtig? Wolter: Auf jeden Fall. Unser Oberbürgermeister fährt beispielsweise täglich neun Kilometer von daheim zum Büro, auch im Winter. Da gibt es eine lustige Anekdote. Im vergangenen Winter fuhr er mit seinem Rad auf einem Radweg hinter einem Schneeräumfahrzeug hinterher. Ein Bürger beobachtete das und meldete es der örtlichen Zeitung. Im Bericht stand dann, dass der Oberbürgermeister doch lieber den städtischen Fahrdienst nehmen und nicht ein eigenes Räumfahrzeug vor sich herfahren lassen sollte. Das stimmte natürlich nicht. Es war Zufall. SZ: Fahren junge Menschen denn gerne Fahrrad? Wolter: Natürlich ist es für viele 17- und 18-Jährige erst einmal spannend, wenn sie den Führerschein gemacht haben und endlich Autofahren dürfen. Mit ihnen muss man einfach sprechen und ihnen erklären, dass sie nicht für eine 500-Meter-Strecke das Auto nehmen sollen. Ich verteufle das Auto ja nicht, man sollte es nur sinnvoll nutzen. Und auch Fahrradfahren will gelernt sein. SZ: Wie meinen Sie das? Wolter: Wir haben in Münster viele Alleinunfälle mit Radfahrern. Einige fahren nur selten und wenn, dann an Abenden, an denen sie Alkohol trinken wollen und ihr Auto deshalb daheim lassen. Wer aber mehr als ein Promille hat, tut sich auch beim Radfahren schwer. Das wird oft unterschätzt. Die Leute stürzen schwer, wir hatten auch schon tödliche Unfälle. Wir bieten jetzt auch in Zusammenarbeit mit der Universität in Münster Fahrradkurse für Studenten an. Gerade Austauschstudenten aus Südamerika oder Afrika können meist nicht richtig Radfahren, Asiaten hingegen schon. SZ: Haben Sie eine Empfehlung für die Dachauer Stadträte, die im Oktober nach Münster kommen? Wolter: Wir haben in Münster seit 1765 die große Promenade. Seit es das Fahrrad gibt, haben die Radler die Promenade annektiert. Von dort aus kann man jeden Punkt in der Altstadt erreichen. Ich würde mir wünschen, dass die Dachauer auch so eine Promenade bekommen, oder zumindest eine durchgehende Fahrradverbindung um die Innenstadt und in die Stadtteile mit Fahrradstraßen oder ruhigen 30 km/h-Straßen, auf denen sie sicher und zügig radeln können.

In Münster fahren die Menschen lieber mit dem Rad als in Dachau, weil die Infrastruktur besser ausgebaut ist.

(Foto: Niels P. Joergensen)
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