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Blockade:Einig im Frust

In Karlsfeld-West wollen zwei verschiedene Anwohner-Gruppen den jahrelangen Stillstand auf der Brache beenden. Doch darüber, wie das funktionieren soll, gehen die Meinungen auseinander. Auch die Gemeinde und der Investor beharren auf ihren Positionen

Der Unmut in Karlsfeld-West wird größer, der Ton rauer - zumindest im Facebook-Chat, dem sich inzwischen 160 Leute angeschlossen haben. Immer mehr melden sich zu Wort. Die Pläne von Erlbau & Streicher, 180 weitere Wohnungen, Pflegeheim und ein Parkhaus auf dem Gelände des Prinzenparks zu errichten, werden teils kontrovers diskutiert. Gemeinsam ist allen der Frust über die riesige Brache am Bahnhof, die fehlende Nahversorgung und die jahrelange Untätigkeit. Doch darüber, wer Schuld an dem Debakel ist und wie man es lösen kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Es sieht so aus, als ob sich die Anwohner in zwei Gruppen gespalten hätten. "Schade", sagt Till Schadde, der Begründer der Facebookgruppe Karlsfeld-West. "Das ist kontraproduktiv." Eigentlich müssten alle an einem Strang ziehen.

Im Betreuten Wohnen werden inzwischen schon Unterschriften gesammelt, in der Hoffnung den seit Jahren versprochenen Supermarkt am liebsten inklusive Café und Bäckerei doch noch zu bekommen. "Das ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität der alten Leute hier", sagt Eckart Moj in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Er hat sich zusammen mit der Vorsitzenden des Verwaltungsbeirats Isa Sendzek, der Schauspielerin Monika Baumgartner, deren Mutter im Betreuten Wohnen lebt, und ihrem Lebensgefährten Rechtsanwalt Johann Böhmer zum Sprecher der etwa 320 Senioren aufgeschwungen. "Wir wollen die Blockade lösen", erklärt Böhmer. Er habe bereits zahlreiche Gespräche mit dem Investor einerseits und Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) andererseits geführt, doch beide verharrten seit Jahren auf ihren Positionen, berichtet der Rechtsanwalt. Es sei Zeit, an den Verhandlungstisch zu kommen. Als Erlbau Ende Januar sein neues Konzept im Gemeinderat vorgestellt habe, sei man erleichtert gewesen. Doch die "feindselige Stimmung" bei den Kommunalpolitikern, so Moj, sei deutlich zu spüren gewesen. "Es hat mich geschockt, dass niemand versucht, eine Lösung zu finden", sagt Monika Baumgartner.

Dem Stillstand soll ein Ende gesetzt werden. Zwei Anwohner-Gruppen machen sich Gedanken über die Zukunft in Karlsfeld-West.

(Foto: Toni Heigl)

Der von Bürgermeister Kolbe mehrfach in Gesprächen und Gemeinderatssitzungen geäußerte Standpunkt, Erlbau & Streicher hätten gewusst, was sie kaufen,erzürnt die vier am allermeisten. "Das ist ein Totschlagargument", klagt die Schauspielerin. "Die Kommune beruft sich auf einen 20 Jahre alten Bebauungsplan", sagt Moj. Doch als Erlbau & Streicher das Areal 2014 erwarb, war der Bebauungsplan erst ein Jahr zuvor geändert worden, darauf verweist Bauamtsleiter Günther Endres. Karlsfeld stellt sich Gastronomie, ein Hotel, Einzelhandel und emissionsarmes Gewerbe vor.

Erlbau habe sich offen präsentiert, berichtet Baumgartner. "Die Firma hatte die Hoffnung, dass MAN in das Projekt einsteigt. Sie wollten mehr als 20 000 Quadratmeter Bürofläche mieten, doch dann sei eine Mitteilung aus Wolfsburg gekommen und die Firma abgesprungen." Dies sei schon beim Vorbesitzer im Gespräch gewesen, sagt Endres der SZ. "Wir können unsere Planungsziele nicht an der Unpässlichkeit von Investoren ausrichten", erklärt Kolbe. Die Gemeinde vertrage nicht mehr Wohnungen, das habe man immer wieder betont.

Vier gegen den Stillstand (von links): Johann Böhmer, Monika Baumgartner, Isa Sendzek und Eckart Moj sammeln unter den Bewohnern des Betreuten Wohnens Unterschriften. Sie wollen ein anderes Umfeld, vor allem aber einen Supermarkt.

(Foto: Toni Heigl)

Dass es jetzt immer noch keinen Supermarkt im Prinzenpark gibt, obwohl die Investoren dies allen Käufern und Mietern versprochen hatten, schreibt Rechtsanwalt Böhmer vor allem einem Fehler der Gemeinde zu. Sie habe es versäumt einen städtebaulichen Vertrag zu schließen, indem festgehalten sei, wann der Investor den Nahversorger spätestens gebaut haben müsse. "Das ist ein riesen Manko", kreidet er den Kommunalpolitikern an. "Die Rahmenbedingungen damals waren anders. Mein Vorgänger hat den Erschließungsvertrag mit EON gemacht. Dass sich alles anders entwickeln wird, war nicht abzusehen. Erlbau & Streicher ist dann in alle Verträge eingestiegen", erklärt der Bürgermeister. Die Firma habe aber das Baurecht für Einzelhandel und könne sofort anfangen, einen Supermarkt zu bauen. Der Druck müsse gegen den Investor aufgebaut werden, nicht gegenüber der Gemeinde, beklagte Kolbe.

Mit den Unterschriften wollen die vier Seniorenvertreter erreichen, dass die Diskussion um den Karlsfelder Westen nicht aufhört, falls das neue Konzept von Erl am 11. April vom Gemeinderat abgelehnt werde. Sie fordern weitere Gespräche zwischen Investor und Kommune mit dem Willen den Stillstand zu beenden. Eventuell auch einen Workshop mit den Bürgern westlich der Bahn. "Wir werden das Thema nicht aus den Augen verlieren", verspricht Kolbe. Die Gemeinde sei an einer "adäquaten Lösung" interessiert. Selbst könne sie aber nicht bauen, "sonst macht Erlbau dort gar nichts mehr".

Im Facebook-Chat sieht man eher den Investor als Buhmann. Till Schadde bestärkt in einem Appell die Gemeinderäte darin, "standhaft zu bleiben".

Erlbau verfolgt die Entwicklung in Karlsfeld aus der Ferne, wollte am Dienstag aber keine Stellung beziehen.