Bis 10. März Was im Verborgenen blüht

Die Künstlerinnen Iris Ermlich, Claudia Hippe-Krafczyk, Iris Schabert und Ingrid Thorwart widmen dem Thema Hüllen und Gehäuse eine Ausstellung in der KVD-Galerie Dachau. Lebensnah, poetisch aber auch teils unheimlich und verstörend

Von Gregor Schiegl, Dachau

Im blauen Mauerwerk ist ein Sprossenfenster eingelassen. Es gehört zu einem denkmalgeschützten Gebäude, das als Ausstellungsraum genutzt wird. Was sich hinter den Scheiben befindet, sieht man nicht. Zu stark spiegelt das Glas.

Das Bild dieses Fensters hängt an der Wand der KVD-Galerie, gemalt in Öl, und so schlicht das Motiv erscheint, so raffiniert ist die Perspektive, in die Claudia Hippe-Krafczyk den Betrachter bugsiert: Man steht im Inneren eines Ausstellungsraums, schaut auf ein Bild, dass das Äußere eines Ausstellungsraums zeigt, in dessen Innerem sich Kunst befindet, die man aber nicht sehen kann - dabei hat man die Kunst doch direkt vor der Nase. Oder andersherum: Die Außenfassade eines Gebäudes, das Kunst umhüllt und vor Regen, Sturm und sengender Sonne schützen soll, ist selbst Sujet des Bildes, das man im Inneren der gut beheizten KVD-Galerie betrachtet. Innen und Außen spiegeln einander. Verwischen. Verschmelzen.

Individualität besiegt Anonymität: Gemälde von Claudia Hippe-Krafczyk.

(Foto: Toni Heigl)

"Hide and See" heißt die gemeinsame Ausstellung der vier Künstlerinnen Iris Ermlich, Claudia Hippe-Krafczyk, Iris Schabert und Ingrid Thorwart. Im Mittelpunkt steht die künstlerische Auseinandersetzung mit Haus, Gehäuse und Hülle, dem Drinnen und Draußen, dem Zeigen und Verbergen, dem Heimeligen und dem Unheimlichen.

Die vier Künstlerinnen kennen sich schon lange. Drei von ihnen haben zusammen in Augsburg ihre Kunstausbildung absolviert, dennoch hat es Jahre gedauert, bis sie ihre erste gemeinsame Ausstellung gemacht haben; zu unterschiedlich erschienen ihnen ihre Ansätze, die Techniken, die Materialien, auch die Formen - hier das streng Geometrische, dort das Organische. Doch in ihrer Diversität ergänzen die vier sich so gut, dass nun eine Ausstellung herausgekommen ist, die bei allem Reichtum der Formen und Ideen im Gesamteindruck ungewöhnlich rund ist.

Billig und schnell produziert: ein Gebäude aus Leim und Supermarkt-Werbung.

(Foto: Toni Heigl)

Formschön, aber bisweilen auch verstörend sind die Porzellanobjekte von Iris Schabert. Sie greift Strukturen aus der Natur auf: Rispen, Boviste wie bauchige Vulkankrater, die Fänge der fleischfressenden Venusfliegenfalle. Es gibt höhlenartige Vertiefungen, in denen man winzige Einblicke erhaschen kann auf die bizarre Vielfalt der Schimmelpilze. Es gibt Objekte, die einem Hohlorgan ähneln, die aufgeschnitten sind oder aufgerissen, aus dem Inneren ragen spitze Stacheln wie bei einem auf links gedrehten Igel. Dem verletzlichen Äußeren steht ein gefährliches, ja, geradezu bedrohliches Inneres gegenüber. Man erlebt manche Überraschung, wenn man unter die Oberfläche dringt.

Mit organischen Formen spielt Porzellankünstlerin Iris Schabert.Neben vertrauten Formen sind auch einige eher unheimliche Objekte zu sehen.

(Foto: Toni Heigl)

Organisch, aber filigran und luftig baut Ingrid Thorwart ihre kleinen Behausungen aus Draht und Zeitungspapier. "Little Shelters" nennt sie die mit Textfragmenten kaschierten Objekte. Die Anordnung im Stil zwischen archaischer Architektur und Wespennest hat etwas Poetisches, führt aber schnurstracks zu essenziellen Fragen: Wie viel Schutz braucht ein Lebewesen, um zu überleben? Und wie viel Raum braucht das einzelne Individuum?

Aus der Monotonie der genormten Balkone wuchert auf Claudia Hippes Gemälden unbändiger Individualismus: Die einen stellen Gerümpel und Haushaltsleitern raus, die anderen hegen farblich aufeinander abgestimmte Balkonblumen unterm himmelblauen Sonnenschirm, der dritte hat sich verbarrikadiert, will nur seine Ruhe. Eine Wohnung soll ein Schutzraum sein, andererseits bedarf der schützende Raum selbst des Schutzes - vor Hochwasser, Wirbelstürmen, Bränden.

Iris Ermlichs sogenannte "Växen Heislein", Wachshäuschen, die sich wie in einer bunten Reihensiedlung aus einem Guss aneinanderreihen, greifen diese Ambivalenz spielerisch auf: Wachs schmilzt schnell, ist hitzeempfindlich und brennt lichterloh, aber Wachs ist auch das, woraus Votivtafeln gefertigt wurden. Mit ihnen versuchte man sich in früheren Zeiten Schutz zu sichern, auch für Haus und Hof. In den "Växen Heislein", wird Form und Funktion verschmolzen. Gleichzeitig verweist der Guss der Häuser auf die industrielle Massenfertigung, das schlüsselfertige Häuschen, seriell gefertigt.

Eine originelle Ausstellung, inspirierend, schön und ungewöhnlich lebensnah. Reingehen!

"Hide and See - Gehäuse": Ausstellung in der KVD-Galerie. Geöffnet Donnerstag bis Samstag, 16 bis 19 Uhr, Sonntag 14 bis 18 Uhr. Bis 10. März.