Bezahlbare Mieten:Seniorenvilla setzt sich neue Ziele

Der Karlsfelder Verein hat erfolgreich den sozialen Wohnungsbau für Ältere forciert. Jetzt möchte sich ein neuer Vorstand um bezahlbare Mieten für die jüngere Generation kümmern. Auch die einheimischen Kinder könnten sich Wohnraum kaum mehr leisten

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Der Karlsfelder Verein Seniorenvilla will sich öffnen. Hohe Mieten, das ist inzwischen nicht mehr nur ein Problem der älteren Generation, die ihr ganzes Leben hier gelebt und gearbeitet hat, und sich nun die Wohnung kaum mehr leisten kann. "Die Kinder können auch nicht mehr hier bleiben. Das kann man nicht als gegeben hinnehmen", sagte Gerd Grote auf der Jahresversammlung am Montag. Und so will sich der Verein nun für bezahlbare Mietpreise einsetzen - nicht nur für Senioren, sondern auch für Familien, junge Leute und alle Karlsfelder, die nicht so viel Geld zur Verfügung haben.

Dazu muss der Verein allerdings "umgebaut" werden. Ein schwieriges Vorhaben: Die Satzung muss angepasst, der Name geändert, die Mitglieder müssen befragt werden. "Und wenn nur einer nicht zustimmt oder nicht antwortet, geht es nicht", wusste Ursula Eder. Doch zuvor gab es noch eine andere Hürde: Fünf Engagierte zu finden, die den Verein in die Zukunft führen, war nicht leicht. Die Satzung schreibt diese Zahl vor. Vier erklärten sich schnell bereit, doch der fünfte fehlte. Frank Lobert rettete das Vorhaben schließlich: Eigentlich wollte er zusammen mit den anderen bisherigen Vorständen zurücktreten, doch dann ließ er sich breitschlagen, das neue Team als stellvertretender Vorsitzender zu unterstützen. Es war die Rettung des Vereins, der kurz vor der Auflösung stand.

Bezahlbare Mieten: Günstige Wohnungen für Ältere werden bereits gebaut, nun sollen auch Junge vom Verein profitieren.

Günstige Wohnungen für Ältere werden bereits gebaut, nun sollen auch Junge vom Verein profitieren.

(Foto: Toni Heigl)

Die bisherige Vorsitzende Karin Boger hatte bereits zu Beginn der Versammlung verkündet, dass der Vorstand zurücktreten werde. "Wir haben genug getan", sagte sie. "Die sogenannte Seniorenvilla wird es zwar nicht geben, aber ich denke, wir können recht zufrieden sein, mit dem, was jetzt gebaut wird." Zwischen Heizkraftwerk und Lidl-Markt entstehen derzeit 79 geförderte Sozialwohnungen, davon sollen 16 für Senioren sein. Außerdem werden an der Ecke Bayernwerk-/Ackerstraße 19 Genossenschaftswohnungen errichtet, für die zwar ein finanzieller Anschub nötig ist, die aber dann Sozialmieten haben werden, gestaffelt nach Einkommen. 15 Jahre lang hatte der Verein für günstige Seniorenwohnungen gekämpft, eigentlich im Sinne einer betreuten Wohngemeinschaft, bei der man sich gegenseitig hilft, so Boger. Doch am Montag erklärte der inzwischen betagte Vorstand den Zweck des Vereins mehr oder weniger als erfüllt und stellte die Auflösung zur Disposition.

63 Mitglieder hat die Seniorenvilla derzeit. "Es waren mal 85", sagte Boger. Einige seien gestorben, andere im Pflegeheim und wieder andere weggezogen, deshalb habe sich die Zahl reduziert. Das Vermögen beläuft sich auf knapp 4000 Euro. Sollte der Umbau nicht glücken, kommt das Geld der Bürgerstiftung zugute. Doch Grote, der jetzt neuer Vorsitzender ist, warb unermüdlich fürs Weitermachen: "Wenn es den Verein nicht schon gäbe, müsste er sofort gegründet werden", sagte er. "Es hat eine Strukturveränderung eingesetzt, die die Einheimischen verdrängt." Dagegen wolle er kämpfen, schon weil er nicht wolle, dass sich die Nachbarschaft total verändert. Der SPD-Gemeinderat Franz Trinkl pflichtete ihm bei: "Ich möchte, dass die Karlsfelder in Karlsfeld wohnen können." Trinkl kümmert sich nun um die Finanzen des Vereins. Hilfe bekommen sie von Ursula Eder: "Ich wäre nicht die Tochter meiner Mutter (Karin Boger), wenn ich nicht auch rumgschafteln würde", sagte sie mit einem Augenzwinkern. "Ich habe Lust, mehr in Karlsfeld zu sein und das Herzblut, das Lebenswerk von der Mama weiterzuführen." Sie trat zusammen mit ihrem Sohn Tim erst am Montag dem Verein bei. Jetzt ist sie stellvertretende Vorsitzende zusammen mit Lobert; ihr 18-jähriger Sohn Tim ist Schriftführer. Eders Motivation, den Förderverein voranzubringen, ist aber auch noch ein anderer: Sie will, dass ihre drei Kinder "unter ihren Fittichen bleiben und nicht eines Tages weit weggehen".

Bezahlbare Mieten: Generationenwechsel: Tim und Ursula Eder, Gerd Grote, Franz Trinkl und Frank Lobert (v. li.) übernehmen die Seniorenvilla.

Generationenwechsel: Tim und Ursula Eder, Gerd Grote, Franz Trinkl und Frank Lobert (v. li.) übernehmen die Seniorenvilla.

(Foto: Toni Heigl)

Nicht alle zeigten Verständnis für die Ambitionen von Grote, Trinkl und Eder, den Verein umzuwandeln und weiterzuführen. Anita Neuhaus, die frühere Sozialreferentin, zeigte sich von dem Vorhaben nicht überzeugt: "Ihr seid doch im Gemeinderat. Was soll dann der Verein noch?", fragte sie.

Grote erklärte fest entschlossen: "Wir wollen in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein schaffen, Forderungen und Ideen einbringen und so Einfluss nehmen, so wie ihr das damals gemacht habt." Eder formulierte gleich das erste Ziel: "Wir müssen mehr Mitglieder werden, sonst fühlen sich die Verantwortlichen nicht gedrängelt. Und wir müssen die Verantwortlichen piesacken und immer wieder nachhaken." Boger nickte: "Ja, man muss sich unbeliebt machen."

Der neue Vorstand will sich nun vornehmlich erst einmal um die Satzungsänderung kümmern. Dabei hofft er auf das Know-how der "Alten". Außerdem soll der Verein einen anderen Namen bekommen. Grote schlug vor: Förderverein Lebenswert miteinander Wohnen in Karlsfeld.

© SZ vom 24.01.2018
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