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Bevölkerungsprognose bis 2040:Dachau wächst rasant

Laut Statistik wird der Landkreis in 20 Jahren zehn Prozent mehr Einwohner haben. Das hat Konsequenzen: OB Hartmann sorgt sich um die fehlende Infrastruktur, der Bund Naturschutz um wertvolle Grünflächen

Von Eva Waltl, Dachau

Die jüngste Prognose für die demografische Entwicklung im Landkreis Dachau ist alarmierend. Die Bevölkerungsvorausberechnung des Bayerischen Landesamts für Statistik sagt für die kommenden 20 Jahre ein Wachstum von 10,8 Prozent im Landkreis vorher. Bis zum Jahr 2039 würde somit die Einwohnerzahl auf über 171 000 ansteigen. Besonders betroffen ist die Stadt Dachau, die schon seit Jahren mit den Folgen stark steigender Einwohnerzahlen zu kämpfen hat. Bis zum Jahr 2030 könnten Berechnungen der Stadt Dachau zufolge mehr als 60 000 Menschen in der Stadt leben. Das Wachstum hat Folgen für Wohnraum, Schulen und Natur.

Der Oberbürgermeister der Stadt Dachau Florian Hartmann (SPD) ist besorgt angesichts dieser Zahlen. "Die zukünftige Bevölkerungszahl für den Landkreis müsste eigentlich noch größer sein", fürchtet er. Denn die Statistik orientiere sich an der Vergangenheit, neu ausgewiesene Bauflächen würden nicht berücksichtigt. Daher berechne die Stadt das Wachstum selbst und prognostiziert, dass Dachau bis 2030 auf mehr als 60 000 Einwohner wachsen könnte. Die benötigte Infrastruktur kann damit nicht mithalten. Allein die Kinderbetreuung, wofür die Stadt bereits jetzt ein zweistelliges Millionendefizit hätte, müsste weiter aufgestockt werden, sagt Hartmann: "Finanziell können wir uns dieses Wachstum nicht mehr leisten." Daher versucht die Stadt mit einer pauschalen Beschränkung des Wachstums auf ein Prozent pro Jahr gegenzusteuern. Erfolglos, wie Hartmann einräumt: "In der Realität funktioniert das nicht." Denn allein das "natürliche jährliche Wachstum belief sich in der Vergangenheit schon auf 0,7 Prozent", erklärt er. Nachverdichtung von Baulücken ist nur ein Grund für ein solches natürliches Wachstum. "Kleine Häuser werden abgerissen und größere werden gebaut. Das geschieht ohne Zutun der Kommune", so Dachaus OB. Die Stadt prüft daher akribisch, welche Baugebiete überhaupt ausgewiesen werden sollen, um das Wachstum gering zu halten.

Diese Problematik beschäftigt auch Landrat Stefan Löwl (CSU). Nachverdichtungen im Ortsinneren seien sinnvoll, eine Vergrößerung der Siedlungsgebiete allerdings problematisch, sagt er. Mit der Nachverdichtung von Baulücken und den beiden neuen Ausweisungen in Dachau, Augustenfeld und MD-Gelände, sieht der Landrat die Thematik Wohnungsknappheit trotz steigender Einwohnerzahl als "im Griff" an: "Die Statistik geht ja davon aus, dass im Jahr 2039 für 10,8 Prozent mehr Menschen im Landkreis Wohnraum zur Verfügung steht." Allerdings würde sich der generelle Trend, dass Wohnen im Landkreis teurer wird, weiterhin durchsetzen, ergänzt der Landrat.

Allgemein besagt die Statistik, dass sich mit der steigenden Bevölkerungszahl auch das Durchschnittsalter im Landkreis bis 2039 im Vergleich zu 2019 um eineinhalb Jahre auf 45,1 Jahre erhöhen werde. Vor allem der Anteil an Jugendlichen und Senioren werde demnach ansteigen. Löwl freut sich über mehr Jugendliche. Dies sei eine "positive Entwicklung." Auch wenn das Vergreisungsproblem weiterhin akut bleiben werde, setzte der Landrat darauf, den "Weg als Bildungslandkreis fortzusetzen", um sich für den Zuwachs an Jugendlichen zu wappnen. Konkret meint er damit die zusätzlichen Gymnasien in Röhrmoos und Karlsfeld, sowie die Erweiterung der Fachoberschule in Markt Indersdorf. Die Studie zeige, dass man damit rechnen müsse, dass "deutlich mehr Jugendliche an den weiterführenden Kreisschulen aufschlagen werden", erklärt der Landrat.

Sowohl Nachverdichtungsprojekte als auch der Ausbau der Bildungseinrichtungen implizieren, dass der Landkreis wertvolle Grünflächen verlieren könnte. Peter Heller, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Dachau, fordert von Stadt, Gemeinden und Landkreis einen strengeren Kurs: "Die Gemeinden können das Wachstum steuern." Er sieht in dem Bevölkerungswachstum eine Bedrohung für die hiesige Natur. Man dürfe nicht alles bebauen, denn "es gibt eben nicht genug Natur", klagt er.

Der Landrat versucht dem entgegenzuwirken und "die grünen Strukturen der Gemeinden zu bewahren." Frischluftschneisen, Parkanlagen und Gewässer mit Vernetzungsfunktion durch die Orte müssten erhalten bleiben, betont Löwl, obgleich der Landrat "ein großer Befürwortet des Nachverdichtens" ist. Er sieht die Zukunft der Gemeinden im urbanen Wohnen: "Autos unter die Erde, Flächen auf den Baugrundstücken optimal nutzen, öffentliche Grünflächen", zählt Löwl auf. Für die Zukunft setzt er auf "effektiv genutzten Raum für die Allgemeinheit." Ein Bolzplatz anstelle von golfrasenartig gepflegten Gärten oder gar Steingärten wäre für den Landrat eine Alternative, das Wachstum mit dem Schutz der Natur zu vereinbaren.

© SZ vom 09.01.2021
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