Bernd Zimmer zu Gast in Dachau„Plötzlich waren wir das Zentrum der Kunstwelt“

Lesezeit: 4 Min.

Der „Junge Wilde“ Bernd Zimmer erzählt in der Dachauer Galerie KA7 aus seinem Leben und über seine Kunst.
Der „Junge Wilde“ Bernd Zimmer erzählt in der Dachauer Galerie KA7 aus seinem Leben und über seine Kunst. Niels P. Jørgensen
  • Der 77-jährige Künstler Bernd Zimmer, einer der „Neuen Wilden“ der 1980er-Jahre, stellt in der Dachauer Galerie KA7 Gemälde und Holzschnitte aus.
  • Zimmer schuf in Polling das internationale Kunstprojekt Stoa169 mit 169 Säulen von Weltkünstlern, das bereits 350 000 Besucher anzog.
  • Seine „Heftige Malerei“ mit intensiven Farben und groben Pinselstrichen machte ihn in den 1980er- Jahren zum Zentrum der Kunstwelt.
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Groß, bunt und wild: Das sind die Markenzeichen der Gemälde des „Neuen Wilden“ Bernd Zimmer. In der Dachauer Galerie KA7 lernt man noch andere Seiten seines Werks kennen. Und ihn selbst.

Von Gregor Schiegl, Dachau

In den 1980er-Jahren wollte Bernd Zimmer nach New York übersiedeln, dorthin, wo das Herz der internationalen Kunst schlägt. Doch seine Familie zog das bayerische Oberland vor.  „Polling statt New York“, sagt Zimmer, „das war natürlich nicht der Karriere-Hype.“ Er hat es dennoch in die Riege der bedeutendsten Gegenwartskünstler Deutschlands geschafft. Und für seine Kunst war die Entscheidung für die Provinz am Ende vielleicht sogar ein Glücksfall. „Mein Werk ist gigantisch geworden“, sagt er, und es klingt nicht nach Angeberei. Eher nach Verblüffung.

Nun steht er, umringt von 37 Neugierigen, in der wirklich winzigen Galerie KA7 in Dachau. Dort ist auf weniger als 50 Quadratmetern gerade eine neue Ausstellung mit Gemälden und Holzschnitten des Künstlers zu sehen. Dafür ist der 77-Jährige aus Polling gekommen, um über sein Werk und sein Leben zu plaudern. „Für uns ist das eine Ehre“, sagt der Gastgeber und Kurator Josef Lochner. Zimmer erwidert: „Für mich ist es auch eine Ehre.“

Zur Malerei kam der gelernte Verlagsbuchhändler als Quereinsteiger. Eine Kunstakademie hat er nie besucht, wozu auch? Das Wichtigste beim Malen seien ohnehin „Fantasie und Kreativität“, sagt er. Davon konnte man sich schon 1977 überzeugen. In der Berliner „Künstler-Selbsthilfe-Galerie“ am Moritzplatz zeigte er zusammen mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Salomé „Heftige Malerei“: intensive Farben, grobe Pinselstriche, impulsiv und emotional. Damit hatten sie einen Nerv getroffen. „Plötzlich waren wir das Zentrum der Kunstwelt.“

„Solitär II“, 2017, Acryl auf Leinwand.
„Solitär II“, 2017, Acryl auf Leinwand. Josef Lochner
Vier Holzschnitte aus der Serie „Alles fließt“, 2018.
Vier Holzschnitte aus der Serie „Alles fließt“, 2018. Josef Lochner

Die „Heftige Malerei“ war expressiv und oft auch gegenständlich, zeigte also Formen wie Landschaften oder Figuren. Zu dieser Zeit war das revolutionär, weil in Westdeutschland nach dem Nationalsozialismus gegenständliche Kunst lange als „unmodern“ oder sogar politisch fragwürdig galt. Die „Heftige Malerei“ brach mit dieser Zurückhaltung und feierte die Kraft der Farbe und des Gefühls. Die Medien nannten die Gruppe bald die „Neuen Wilden“.

Wenn man Zimmers Bilder in Dachau sieht, etwa „Solitär II“, weiß man warum: Grün und gelb leuchten die Bäume, rot flammt der Himmel. Es ist ein Farbkonzert von der Intensität eines Großbrands, Energie pur. Hier lebt die Leinwand, und das kommt nicht von ungefähr. Zimmers zentrales Thema ist die Natur. Sein Studium der Religionswissenschaften und Philosophie hat ihm dabei „den Horizont in den Kosmos erweitert.“ Und wer das große Ganze im Blick hat, so wie er, der malt auch groß. Eines der ersten Gemälde, die er in Berlin ausgestellt hat, war drei mal zehn Meter groß. Nichts, was man sich übers Sofa hängen könnte.

In den Holzschnitten lebt er seine Experimentierlust aus

Mit solchen monumentalen Farbspektakeln können die in Dachau ausgestellten Bilder nicht mithalten, sehenswert sind sie trotzdem. Das gilt umso mehr für die ausgesprochen eleganten, variantenreichen Holzschnitte, die dort gezeigt werden. Es sei „die Lust am Experiment“, die ihn daran reizt, sagt Zimmer, aber auch die kunsthandwerkliche Herausforderung. „Das ist viel aufwendiger als das Gekleckse da hinten“, sagt Zimmer mit einem Schwenk des Kinns in Richtung seiner Gemälde.

Wobei er die eigentlich gar nicht malt, jedenfalls nicht nach der herkömmlichen Methode mit einem Pinsel. Er schüttet Farbe auf die Leinwand, neigt sie mal in diese, mal in jene Richtung, sodass sie sich immer weiter verzweigt. Oder in Zimmers Worten: „Ich habe die Bäume auf der Leinwand wachsen lassen.“ Immer wieder finden sich in seinen Werken auch Ansichten von Flüssen, Seen, Ozeanen. Wasser, das sei für ihn wie „das Auge der Welt“, erklärt Zimmer. Das Wasser blicke hinaus in den Himmel „in das gesamte All“, das Gesehene spiegelt sich auf der Oberfläche, glatt oder von Wellen gebrochen. Zimmer zeigt in diesen Motiven das Große im Kleinen, gewissermaßen die Milchstraße in der Pfütze. „Das war ein Riesenschritt für mich.“ Und Schritte hat er seinem Leben schon viele getan.

Bernd Zimmers internationales Projekt „Stoa169“ in Polling ist ein begehbarer Weltatlas der modernen Kunst.
Bernd Zimmers internationales Projekt „Stoa169“ in Polling ist ein begehbarer Weltatlas der modernen Kunst. Rittenschober / Stoa169 Stiftung

Bernd Zimmer ist weit herumgekommen. Bereits vor dem Abitur reiste er nach Südostasien, lernte dafür sogar extra Thailands „Würmchenschrift“. Und den schicksalhaften Entschluss, Maler zu werden, fasste er bei einem Besuch im Tal des Todes. Ein weiterer Schlüsselmoment war eine Reise, die er 1990 nach Indien unternahm. Die riesige Vorhalle eines Hindu-Tempels inspirierte ihn zu einem internationalen Kunstprojekt, das Polling weltweit bekannt gemacht hat: Stoa 169. Der Name steht für den antiken Gedanken der Stoa als Ort des Austauschs und Miteinanders.

Zimmer schrieb 180 Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt an, „die Crème de la Crème“, damit sie sich und ihr Werk auf jeweils einer der 121 Säulen verewigen. Für sein Projekt konnte er unter anderem Rebecca Horn, Alicja Kwade, Erwin Wurm, Dani Karavan und Daniel Spoerri gewinnen. So sei das kleine Polling zu Kunstwerken gekommen, die sich nicht mal die Pinakothek in München hätte leisten können. Zimmer ist ziemlich begeistert, wenn er davon erzählt.

„Es war schrecklich, dass die Hälfte gegen uns war.“

Umso bestürzter war er über den Protest, der ihm aus seinem Dorf entgegenschlug, nachdem er die Baugenehmigung in der Tasche hatte. „Es war schrecklich, dass die Hälfte gegen uns war.“ Vor allem „die CSU-Bauern“ hätten Stimmung gegen das Projekt auf der grünen Wiese gemacht. Inzwischen haben sich die Wogen wieder etwas geglättet, viele ehemalige Gegner finden das Projekt jetzt doch ganz toll, wenngleich nicht alle.

Dafür wächst die Zahl der Fans von auswärts rasant. Nach Zimmers eigenen Angaben haben mittlerweile etwa 350 000 Menschen Stoa169 besucht – mehr als hundertmal so viel, wie in Polling leben. Und der Künstler wirbt dafür, dass noch mehr kommen, denn dass ihm hier, im Kollektiv mit anderen, etwas wahrhaft Großes gelungen ist, steht für ihn außer Frage. „Das wird Weltkulturerbe“, sagt er. „Hundertprozentig!“

Mit Bernd Zimmer hat Josef Lochner bereits eine Führung am Stoa169 vereinbart, der sich Interessierte anschließen können. Der genaue Termin steht noch nicht fest.

Geöffnet ist die Galerie in der Konrad-Adenauer-Straße 7 donnerstags von 16 bis 19 Uhr, samstags von 12 bis 15 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung, Telefon 08131/66 78 18 oder 0162/455 96 99. Die Ausstellung geht bis 25. Mai.

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