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Hoftheater Bergkirchen:War was, Liebling?

Allabendlich zerquält sich das Ehepaar Pringle - mit dabei: Fred als unsichtbarer Dritter.

(Foto: Toni Heigl)

Am Hoftheater Bergkirchen hat "Wirklich schade um Fred" nach mehreren Verschiebungen endlich Premiere - Das Warten hat sich gelohnt. Die Stück krönt die Reihe "Pärchenkomödie".

Die Frage klingt nach Fürsorge, Zuneigung: "Soll ich dir einen Tee machen?" Doch Mrs. Pringles verkniffen-verschlossener Gesichtsausdruck sagt etwas anderes. Vielleicht: "Soll ich dir meine Stricknadel in deinen Schlund stoßen, damit endlich Ruhe ist"? Vielleicht auch nur: "Ich denke gar nicht daran, für dich alten Trottel aus meinem bequemen Sessel aufzustehen".

Nichts ist eindeutig in dieser rabenschwarzen Beziehungsgeschichte. Außer, dass man am Ende vielleicht immer noch nicht weiß, warum es "Wirklich schade um Fred" ist. Oder doch? Im Hoftheater Bergkirchen hatte am Donnerstag dieses geistreiche, zornige, witzige, absurde Stück von James Saunders im Rahmen der Reihe "Pärchenkomödie" Premiere. Es ist der fulminante Höhepunkt dieses Stücke-Trios mit "I do, I do" und seinen süffigen Melodien sowie der typischen Boulevardkomödie "Vier linke Hände". Yvonne Brosch und Herbert Müller bringen unter der Regie von Ansgar Wilk das alte Ehepaar Pringle überzeugend in all seinen Facetten auf die Bühne. Im viktorianisch angehauchten Bühnenbild von Ulrike Beckers unter der erbarmungslos tickenden Uhr sind sie sich so sehr in gegenseitiger Abneigung verbunden, dass sie beinahe symbiotisch agieren und reagieren.

Er ist der leicht trottelige, rechthaberische Querulant in brauner Cordhose, schwarz-weiß gestreifter Weste, grauem Hemd und grauer Fliege, Typ pensionierter Oberlehrer oder Sparkassenangestellter. Sie steht mit beiden Beinen auf der Erde, was schon die festen braunen Schnürschuhe zeigen, trägt eine graue Strickjacke und eine hochgeschlossene weiße Bluse, dazu einen minimal gemusterten grauen Rock, eine britische Mittelklasse-Hausfrau, für die Distinktion und Selbstaufgabe zum Lebensinhalt geworden sind.

Jedoch nicht ganz, denn in der allabendlichen - von langen Pausen unterbrochenen - Unterhaltung mit ihrem Mann zeigt sie ihre Krallen und ihre erotischen Sehnsüchte, die ihrem ob dieser Entgleisung fassungslosen Gatten buchstäblich den Mund offenstehen lassen. Der besteht auf seinen Erinnerungen, lässt sämtliche englischen Badeorte Revue passieren, in denen die Pringles, mit wem auch immer, vielleicht mal ein Käsebrot gegessen haben, nur um zu fragen: "Brighton? Was ist denn in Brighton passiert?" Darauf sie: "Nichts ist passiert. Da waren wir auf Hochzeitsreise." Bleibt die weitere Frage: mit oder ohne Fred? Der jagt wie ein Phantom durch alle möglichen und unmöglichen Geschichten, mit denen sich das Ehepaar an diesem Abend - oder an jedem Abend - unterhält und zugleich quält. Letzteres aber auf eine so subtile Art, dass dem Zuschauer die Abgründe dieser Dialoge erst bewusst werden, wenn Mrs. Pringle schon den nächsten verbalen Pfeil auf den längst nicht mehr geliebten Gatten abgeschossen hat. Den er gekonnt abwehrt und zurückschießt - mitten ins Herz der Ehefrau.

Zurück zu Fred. Irgendetwas war mit diesem Dritten im Ehebunde. Aber was? Es gibt nur eines, das der Zuschauer zuverlässig erfährt: "Der Witz ist, Fred hatte nicht das, was man Humor nennt." Aber hatte er einen Schnurrbart? Oder war das Tom? Aber der hatte doch einen Backenbart, der ihm aus der Nase wuchs, oder nicht? Und Fred? Steht der vielleicht irgendwo ausgestopft herum, so wie Hund Fido seit 18 Jahren? Was Mr. Pringle zu der Feststellung verleitet: "Fido geht übrigens gar nicht mehr gerne spazieren, seit er tot ist." Immerhin wird irgendwann klar, dass Fred nicht mehr lebt, denn "einfach entzwei gehauen zu werden ohne irgendeine Vorbereitung. Komisch, merkwürdig". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass die Auflösung dieses "Falles" eine ganz andere ist, als sich der Zuschauer das vorgestellt hat.

Der hat nach knapp eineinhalb Stunden einerseits Bauchweh vor lauter Lachen, andererseits bleibt ihm selbiges gelegentlich im Halse stecken. Autor Saunders und die beiden erfahrenen Könner auf der Bühne halten ihm einen Spiegel in Sachen Beziehungslust und -frust vor. Sie zeigen, dass Worte, Mimik und Gestik mindestens so verletzen können wie "echte" Waffen. Und dass auch die größte Liebe im Tod der Gefühle endet, wenn man nicht achtsam mit dem anderen und sich selbst umgeht.

Weitere Vorstellungen am 2., 5., 10., 24. und 30. April, sowie am 14. Mai und 4. Juni

© SZ vom 23.03.2015
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