Mit den Gänsen fing alles an, damals vor 30 Jahren, als sich Holger und Christine Weller mit einem Bio-Bauernhof selbständig gemacht haben. Ihr Konzept, so extensiv wie möglich, ist aufgegangen, weil sie auf Selbstvermarktung setzten. „Unsere Lebensmittel kommen direkt von der Wiese auf euren Teller“, heißt es auf der Homepage.
Holger Weller, mittlerweile 59, hat für den Besuch einen alten Artikel der Dachauer SZ ausgegraben, leicht vergilbtes Papier, datiert auf den 2. September 1996. Darin geht es um jemanden, der seinen Traum verwirklicht, Landwirt zu sein, in Einklang mit Natur, Tier und Mensch. Auf dem Foto ist seine Frau Christine Weller mit einem Kleinkind auf dem Arm zu sehen. Tochter Agnes ist heute 31 und Betriebsleiterin auf dem Hof.


Die Gänse stehen immer noch im Zentrum. 400 sind es gerade, die ersten Bestellungen für Martini und Weihnachten trudeln schon ein. Mit drei Tagen kommen die Küken aus der Brüterei, jetzt sind sie zwei Wochen alt und immer noch recht empfindlich. „Am Anfang brauchen sie viel Wärme, 30 Grad im Stall“, erzählt Agnes Weller, als sie vorsichtig die Holztüre zum Gänsestall öffnet.
Sofort erhebt sich ein lautes Fiepen aus vielen Schnäbeln. Die Kleinen wissen, was kommt: Langsam schiebt Agnes Weller die Türe zur Seite, eine flaumige gelbe Woge strömt heraus, zielsicher steuern die Junggänse das Gras an, aufgeregt mit den Stummelflügeln wedelnd. Anfangs dürfen sie nur eine halbe Stunde raus, dafür dreimal am Tag.
Solange Gänse gelben Flaum tragen, vertragen sie weder Kälte noch Feuchtigkeit. Im Stall hängen Wärmelampen, nachts läuft dazu eine Heizung. Langsam werde die Temperatur gesenkt, so Weller, „jeden Tag ein Grad weniger“. Alles ist dick mit Stroh eingestreut, überall sind Futternäpfe und Wasser. Erst mit dem weißen Gefieder haben die Gänse ihren Schutz gegen Wasser und Kälte. Im Sommer sind sie nur noch draußen, „die Gans ist ein Weidetier“, sagt Weller.



Landwirt war immer Holger Wellers Traumberuf, obgleich er familiär unbelastet ist. Er absolvierte eine Landwirtschaftslehre, besuchte die Technikerschule für ökologischen Landbau und hängte mangels eigenen Hofes noch ein Studium an.
Der Hof kam mit seiner Frau Christine. Sie ist auf einem aufgewachsen, 1986 stellten die Eltern den Milchviehbetrieb jedoch ein. „Es gab keine Perspektive, der Hof war zu klein“, erzählt Christine Weller. Sie selbst studierte Betriebswirtschaft und absolvierte Praktika in ökologisch wirtschaftenden Betrieben. Als die beiden ein Paar wurden und der Plan reifte, den Hof in Bergkirchen wiederzubeleben, war klar, dass es nur in Richtung ökologische Landwirtschaft gehen konnte.
Um Erfahrungen zu sammeln, arbeiteten sie zunächst drei Jahre in einem großen Bioland-Betrieb bei Wiesbaden, von dort brachten sie auch die Idee mit den Gänsen mit. „Wir mussten uns breiter aufstellen, das bindet auch die Leute“, erklärt Holger Weller.
Konsequent haben die Wellers rein auf Direktvermarktung gesetzt. „Ich muss schauen, dass die Wertschöpfung bei mir liegt“, erklärt Weller und bringt als Beispiel das Ei. Ihn kostet ein Ei in der Herstellung 25 Cent. „Vom Großmarkt krieg’ ich für ein Bio-Ei aber nur 22 Cent.“
Im Hofladen gibt es nicht nur die eigenen Lebensmittel, sondern auch welche von anderen Direktvermarktern. So kommt ein ordentliches Sortiment zusammen, und der Weg nach Bergkirchen lohnt sich für die Kundschaft.



Für ein breiteres Sortiment sorgen auch die sieben Schweine. Weil sie draußen sind, braucht es einen zweifachen Zaun gegen Wildschweine und Schweinepest. Als Holger Weller beim inneren Gatter angelangt ist, kommt die ganze Bande erwartungsvoll angaloppiert. Etwa zwölf Wochen sind die schwäbisch-hällischen Landschweine alt. „Wir haben uns für eine ältere Rasse entschieden, weil sie besser schmecken“, erklärt Weller.
Im Gegensatz zum Geflügel dürfen die Schweine nicht am Hof geschlachtet werden, sie kommen nach Petershausen in eine Metzgerei. Auch gibt es für sie keine Saison, ab einem Alter von acht Monaten gelten Bio-Schweine als schlachtreif. Geschlachtet werde nach Bedarf, so Weller, „die Großen zuerst“.
Das Schlachten des Geflügels übernehmen die Wellers selbst, im eigenen Schlachthaus. „Vor Weihnachten“, so Weller, „arbeiten wir hier mit zehn Leuten“.


Viel Öffentlichkeit gehört zum Konzept. Auf Instagram werden Neuigkeiten präsentiert, regelmäßig kommen Kindergarten- und Grundschulgruppen. Idealerweise liegt ein Spazierweg direkt an den Weiden, so kann man die Tiere gut beobachten.
„Landwirt sein, ist kein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung“ – diesen Satz hat Holger Weller schon in dem alten SZ-Artikel gesagt, und er sagt ihn jetzt im Gespräch wieder. Mit der Natur und den Jahreszeiten zu leben und zu arbeiten, das sei der Reiz. Tochter Agnes überlegt auf die Frage, warum sie den Betrieb übernommen hat, auch nicht lange: „Die Tiere waren ausschlaggebend.“
Trotzdem herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Zum einen stinkt auch Weller die Bürokratie: „Jeden Schmarrn musst’ dokumentieren. Wir führen 30 verschiedene Listen, in die wir eintragen, was wir tun. Bestandslisten, wann der Stall desinfiziert wird, Temperatur-Überwachung in der Kühlung, Ausbildungsnachweise der Helfer.“
Dazu komme die Konkurrenz durch den Bio-Trend in Discountern: „Ein Bioland-Gockerl kriegst’ bei Aldi zu einem Preis, den ich nicht bieten kann.“ In Italien erhielten kleine Höfe eine spezielle Förderung, „bei uns muss es immer über die Masse gehen“.
Alles sei an die Größe der Agrarfläche gebunden, sogar die Förderung für junge Landwirte und -wirtinnen in deren ersten fünf Jahren. „Weil wir so wenig Fläche haben, sind das bei mir ungefähr 2000 Euro im Jahr, andere kriegen 40 000“, sagt Agnes Weller.



Holger Weller hat noch einen Traum verwirklicht: die Stromgewinnung mit einem Wasserrad. Vor 500 Jahren gab es hier am Mühlgraben, der aus der Maisach kommt, eine Mühle. Und Strom wurde schon im 19. Jahrhundert erzeugt, bis 1964. Weller hat wieder eine Anlage gebaut, Fischtreppe inklusive.
Und dann gibt es noch eine echte Rarität: Seit 2005 hat das Hoftheater Bergkirchen auf dem Hof seine Spielstätte. Damals suchte der Leiter der neuen Werkbühne München, Herbert Müller, ein Lager mitten im Tourneegebiet. Und weil er die Wellers kennt, kam man auf den alten Kuhstall. Der gefiel Müller schließlich so gut, dass er ihn zum Theatersaal umbauen ließ.
Von Anfang an waren Holger und Christine Weller nebenbei berufstätig, Jahr für Jahr sei die Landwirtschaft aber immer mehr geworden. Seit Agnes den Betrieb übernommen hat, arbeitet der Vater wieder Vollzeit, „drei Leute ernährt der Hof nicht“, sagt er. Bereut hat er den Schritt in die Selbständigkeit nie, auch wenn es seiner Meinung nach entspannter gewesen wäre, es nicht zu tun. Die 60-Stunden-Wochen, die jeder von ihnen habe, die brauche es. „Aber“, sagt Holger Weller, „wenn ich sehe, wie die Hühner durch die Brennnesseln runter zur Maisach schlüpfen, dann geht mir das Herz auf.“


