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Bergkirchen:300 Menschen, 300 Fragen

Arbeitserlaubnis, OP-Termin, W-LAN: Bei der Stippvisite in der Halle wird deutlich, mit welch vielfältigen Themen die Helfer zu tun haben.

(Foto: Toni Heigl)

Bergkirchener Gemeinderat besucht Flüchtlingsunterkunft

Von Petra Schafflik, Bergkirchen

Kein Stuhl ist frei, rund um die dicht belagerten Tische herrscht beste Stimmung bei Gesellschaftsspielen wie Uno oder Memory. Als die Bergkirchener Gemeinderäte in der Traglufthalle im Gewerbegebiet Gada vorbeischauen, wo momentan 280 Asylsuchende leben, läuft gerade ein Spieleabend. So wie jede Woche um diese Zeit, weil Spiele "Menschen zusammenbringen und man nicht viele sprachliche Kenntnisse braucht", wie Annette Hartl erklärt, die im Rathaus das Büro des Bürgermeisters leitet und ehrenamtlich den Asyl-Helferkreis koordiniert. Flüchtlinge leben in Bergkirchen schon seit 2013 in einem ehemaligen Firmengebäude in Gröbenried. Doch das Leben in einer Traglufthalle funktioniert anders als in einem kleinen, festen Gebäude. Das ist auch den Kommunalpolitikern bewusst. Deshalb wollen sie sich in der erst im Januar eröffneten Großunterkunft jetzt persönlich ein Bild machen, "wie es so läuft".

Den Gemeinderäten geht es um einen eigenen Eindruck, aber auch um Fakten. Deshalb bilden sich kleine Diskussionsgruppen um Ehrenamtliche aus dem Helferkreis, die den Kommunalpolitikern den Alltag und die Aktivitäten in der Unterkunft sowie die Hürden schildern, die sich Asylsuchenden wie ihren Unterstützern in den Weg stellen. Das Freizeitprogramm mit wöchentlichem Lauf-Treff, Spiele-Abend und Hallensport im benachbarten Günding kommt nicht nur bei den Asylsuchenden gut an. Auch den politisch Verantwortlichen ist klar, dass diese Angebote enorm wichtig sind. "Nichts ist schlimmer, als wenn man nichts zu tun hat", betonen die Gemeinderäte. Weil jetzt die ersten Bewohner eine Arbeitserlaubnis bekommen haben, werden sich die freiwilligen Helfer verstärkt um den Berufseinstieg, um Ausbildungsplätze und Praktika kümmern. Die Voraussetzungen sind unterschiedlich. "Vom Ziegenhirten ohne jede Schulbildung bis zum studierten Mathematiker ist alles dabei", erklärt Helfer Sven Heinrici. Für einen Job nehmen die Flüchtlinge viel auf sich. Ein Asylsuchender sei zu Fuß ins zehn Kilometer entfernte Dachau-Ost gelaufen, weil der Bus nicht fuhr und er sich die 3,50 Euro für das gemeindliche Sammeltaxi nicht leisten konnte. Damit es mit einem Berufseinstieg klappt, sind Deutsch-Kenntnisse für alle wichtig. Momentan laufen drei Kurse mit je 20 Teilnehmern. Mehr Kapazitäten hat der Helferkreis nicht. "Einen staatlichen Integrationskurs besucht niemand, da fehlen Plätze", sagt Heinrici. Zu den drängendsten Anliegen der Bewohner zählt ein W-LAN-Anschluss. Denn über ihr Handy halten die Männer Kontakt zur Familie, weshalb derzeit ein erklecklicher Anteil des monatlichen Taschengelds für Mobilfunk-Gebühren ausgegeben wird.

Wie entscheidend das Engagement des Helferkreises für das gute Miteinander in der Traglufthalle ist, betont nicht nur Bürgermeister Simon Landmann (CSU) ausdrücklich. Vielmehr wird bei der Stippvisite des Gemeinderats deutlich, mit welch vielfältigen Themen sich die Helfer herumschlagen. So schwenkt ein Flüchtling ratlos sein nagelneues Ausweispapier und möchte wissen, warum er im Gegensatz zu dem gemeinsam mit ihm eingereisten syrischen Landsmann noch keine Arbeitserlaubnis hat. Derweil rätselt Helferin Jenny Salvermoser, wer einen Flüchtling zum OP-Termin in die Augenklinik begleiten könnte. In persönlichen Gesprächen, die sich am Rand des offiziellen Besuchs ergeben, werden auch Gemeinderäte um Hilfe gebeten. Die Aufgaben würden nie weniger, betont Annette Hartl. "300 Menschen, 300 Fragen."

© SZ vom 10.03.2016
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