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Begräbnisse in Dachau in Zeiten von Corona:In aller Stille

Wie die Sorge um eine noch raschere Ausbreitung des Coronavirus den Abschied von einem geliebten Menschen verändert - und was die Einschränkungen für Angehörige, Bestatter und Pfarrer bedeuten

Stille liegt über dem Friedhof, doch still ist es gerade auch rundherum. Nimmt man beispielsweise den Waldfriedhof in Dachau, die weitläufigen Wege, die hohen Bäume - normalerweise könnte von der einen Seite der Straßenlärm die Ruhe stören, doch Straßen sind leer in diesen Tagen. Auf der anderen Seite, im Dachauer Klinikum, bereiten sich Ärzte und Pfleger auf die kommenden Krisenwochen vor. Noch ist es auch hier ruhig, heißt es von dort, doch man versuche sich einzustellen auf das, was kommt. Man hofft, dass es die Bilder aus Italien, auch aus der Dachauer Partnerstadt Fondi, hier nicht geben wird: dass sich Menschen nicht mehr verabschieden können, dass sie ihre Liebsten nicht bestatten dürfen. Doch dass Menschen alleine sterben, dass sie alleine beerdigt werden, das wird vielleicht unausweichlich sein. Das Virus stellt sich zwischen sie. Wie verändert das schon jetzt den Abschied am Grab, was bedeutet das für die Trauernden?

Die Ausgangsbeschränkungen in Bayern sehen vor, dass Beerdigungen nur noch "im engsten Familienkreis" abgehalten werden dürfen. Das sind maximal fünfzehn Personen, dazu ein Geistlicher oder ein Trauerredner. Öffentliche Todesanzeigen dürfen nicht mehr das Datum der Beerdigung ankündigen. Sich in Kirchen, Moscheen oder Synagogen zu versammeln, ist seit dem Freitag der vorvergangenen Woche verboten. Die Trauergemeinde darf nicht mehr in einer Aussegnungshalle zusammenfinden, die Familie trifft sich einzig am Grab. Und auch dort müssen Hygienevorschriften eingehalten werden. Am Grab "einen Handdesinfektionsspender sichtbar aufzustellen" empfiehlt die Stadt Dachau in einer Pressemitteilung.

Beerdigungen dürfen nur noch im engsten Familienkreis abgehalten werden. Das sind maximal fünfzehn Personen, dazu ein Geistlicher oder ein Trauerredner.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Hygienevorschriften greifen gerade in jeden Bereich des Lebens ein. Man trifft sich nicht, man telefoniert. Das gilt auch für Ralf Hanrieder, Leiter des gleichnamigen Bestattungsinstitutes in Dachau. Er und seine Mitarbeiter versuchen, den sozialen Kontakt zu ihren Kunden so gering wie möglich zu halten. "Für uns ist das seltsam, da wir ja gerade sonst den persönlichen Kontakt zu den Angehörigen suchen, um sie individuell durch die Trauer zu begleiten." Doch persönliche Beratungsgespräche müssen ausfallen, vieles läuft jetzt über das Internet und manchmal auch per Fax, ansonsten eben am Telefon. Die meisten Angehörigen würden das aber hinnehmen, auf Unverständnis sei er bisher in keinem einzigen Gespräch gestoßen. "Ich habe das Gefühl, dass die Maßnahmen verstanden werden, und dass wir lernen müssen, bestmöglich mit der Situation umzugehen", sagt Hanrieder. Doch der typische Ablauf, die Auswahl der Dekoration, die Planung der Trauerfeier, all das falle nun weg. Christliche Symbole wie Weihrauch oder Erdschalen sind am Grab nicht mehr erlaubt. Sie müssten nach jedem Gebrauch desinfiziert werden, und Desinfektionsmittel ist knapp. Auch bei den Blumenlieferungen gebe es schon erste Engpässe.

Dieses Organisieren, die Möglichkeit, etwas tun zu können, das kann für viele trauernde Angehörige eine Stütze sein. "Wenn das wegfällt, wird das große Auswirkungen darauf haben, wie Menschen in ihrem Trauerprozess vorankommen", so Wolfgang Hechendorfer, Pastoralreferent und katholischer Seelsorger im Landkreis. Das Abschiednehmen, sagt er, sei nun mal ein wichtiger Teil davon. Er erlebt gerade die ersten Fälle, in denen Beerdigungen nur noch unter den neuen Beschränkungen stattfinden können. Trauergespräche führt auch er nur noch am Telefon. Gestern erst sei er mit einer Familie zusammengesessen, um einen Abschied im kleinen Rahmen zu feiern. Gemeinsam beten, eine Kerze anzünden. Man müsse neue Rituale finden, sagt er. "Das ersetzt nicht die Beerdigung, aber es fängt etwas auf, was dort gerade fehlt."

Das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen verändert sich in Zeiten der Corona-Pandemie.

(Foto: Toni Heigl)

Wenn Hechendorfer Trost spendet, versucht er das durch Gespräche, durch Augenkontakt. Doch Menschen, die sich nahe stehen, trösten auch mit körperlicher Nähe, Umarmungen oder einfach einer Hand auf der Schulter des anderen. Doch nun muss man Abstand halten, mindestens 1,5 Meter - auch am Grab und in dem Moment, in dem Nähe helfen soll, gemeinsam Abschied zu nehmen. Familien empfiehlt Hechendorfer trotz allem, sich in Zeiten der Trauer zu umarmen und sich nah zu sein. "Körperkontakt ist für ein aufgewühltes Nervensystem und eine aufgewühlte Seele wichtig", findet er. Sich am Grab zu versammeln, das zeigt, dass man füreinander da ist in schwierigen Zeiten. "Insgesamt wird in einer Gesellschaft, in der sich Menschen nicht mehr berühren dürfen, eine große Lücke entstehen", so Hechendorfer.

Bestatter Hanrieder bereitet etwas anderes allerdings ganz akut Sorge, die Abholung der Verstorbenen. In Krankenhäusern und Altenheimen ist Schutzkleidung dringende Vorschrift, um insbesondere Ältere und Kranke vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Erst vor wenigen Tagen hat das Innenministerium auch Bestatter zu den sogenannten systemkritischen Berufen erklärt. Sie müssen handeln können, auch im Ausnahmezustand. "Das kam leider sehr spät", sagt Hanrieder. Denn erst seitdem werden sie mit neuer Schutzkleidung ausgestattet, die Lieferung laufe jetzt erst richtig an. "Allerdings sehr schleppend und sehr langsam, es fühlt sich hier keiner zuständig", so Hanrieder. Das erschwere die Arbeit sehr, es bleibt nun mal nicht viel Zeit.

Ralf Hanrieder vom gleichnamigen Bestattungsinstitut muss versuchen, den sozialen Kontakt zu den Kunden so gering wie möglich zu halten.

(Foto: Toni Heigl)

Entscheiden sich Angehörige für eine Erdbestattung, bleiben vier Tage bis zur Beerdigung. Mit einer Urne lässt sich die Beisetzung hingegen nach hinten verschieben, vier bis fünf Monate, so Hanrieder. Einige Angehörige würden sich nun entscheiden, zu warten. Auch wenn gerade niemand weiß, wie lange das dauern wird. Für ihn ist das verständlich, sagt Hanrieder, doch für Bestatter und Friedhofsverwaltung könnte das später zum Problem werden. "Wenn alle Beerdigungen, die jetzt in diesen Wochen anfallen würden, verschoben werden, wird das in ein paar Monaten schwierig." Bestattungen könnten sich noch weiter hinauszögern, weil die Kapazitäten auf den Friedhöfen fehlen. Man merkt es hier wie allerorts: Zeit ist der entscheidende Faktor in diesen Tagen.

© SZ vom 31.03.2020

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