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Begräbnis in Markt Indersdorf:Ihr letzter Wunsch

Myrian Bergeron lebt als kleines Mädchen im Kinderzentrum der Vereinten Nationen in Indersdorf. Im Frühjahr 2019 stirbt sie in Amerika. Ihre Urne darf nun im Friedhof an der Maroldstraße beigesetzt werden

Es wird ein trauriger Tag werden, Mitte Oktober. Aber auch ein versöhnlicher. Auf dem schon lange nicht mehr genutzten kleinen Friedhof neben dem Indersdorfer Krankenhaus wird eine Beerdigung stattfinden. Aus Amerika werden Familienangehörige anreisen und eine Urne mitbringen. Sie sprechen kein deutsch. In der Marktgemeinde mit ihrem prägenden Kloster waren sie bis zu diesem April noch nie gewesen. Nun kommen sie im selben Jahr zum zweiten Mal.

Wendy Bergeron hat im Frühjahr ihre Mutter Myrian Bergeron nach Deutschland begleitet. Die 75-Jährige hatte endlich ihre Wurzeln wieder gefunden. In einem Zeitzeugengespräch im Musiksaal der Vinzenz-von-Paul-Realschule erzählte sie ihre Geschichte. Oder das, was sie selbst erst mühsam in Erfahrung gebracht hatte. Zu Myrian Bergeron war sie erst in den USA geworden. Vorher hatte sie Mirjanna Pass geheißen und im Kinderzentrum der Vereinten Nationen in Indersdorf gelebt. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt ein kleines Mädchen, etwa zwei Jahre alt, mit kurz geschnittenem Haar. Die kleinen Händchen können das Schild, das es vor sich hält, nicht allein tragen. Von links schiebt sich eine unbekannte Erwachsenenhand ins Bild und hält das Schild gerade. In großen Buchstaben steht darauf: Pass Marjanna. Ein Hinweis auf ihr früheres Leben. Der Vorname ist falsch geschrieben.

Krankenhaus Friedhof

Holzstelen erinnern an Kleinkinder, die in der Kinderbaracke der Nationalsozialisten starben. Der Friedhof ist denkmalgeschützt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Trotzdem ist es für Myrian der Schlüssel zu ihrer Kindheit. Die Mutter ist schon

gestorben, als Bergeron anfing, endlich ihrer Geschichte nachzugehen. Das Verhältnis zur Mutter war nicht einfach gewesen. "Wir hatten diese Traurigkeit zwischen uns, über die sie nicht reden wollte", hatte Bergeron den Zuhörern im April in Indersdorf erzählt. Die Mutter war Estin, die Nationalsozialisten hatten sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Beim Gummi- und Reifenhersteller Metzeler in München lernte sie Myrians Vater kennen, einen Serben. Etwas Romantik mitten im Krieg. Ihr Kind nennen sie Mirjanna, nach der Schwester des Vaters. Doch um es kümmern konnte sie sich nicht. Alma Pass gibt das Baby im Herz-Jesu-Heim in Gauting ab. Auch heiraten dürfen die Eltern nicht, das ist der Zwangsarbeiterin verboten. Für die junge Frau kommt es noch schlimmer. Weil sie angeblich mit einem gefälschten Bezugsschein einen Mantel gekauft hat, wird sie verhaftet. Ihr Freund, der offenbar kein Zwangsarbeiter war, unterstützt sie, kann aber nicht verhindern, dass sie ins Gefängnis kommt. Sie erkrankt an Tuberkulose. Obwohl der Krieg aus ist, kann sie sich wegen der Krankheit erneut nicht um ihre Tochter kümmern. Das Kind wird in verschiedenen Heimen betreut, etwa ein Jahr lang von den Nonnen in Indersdorf.

Sie ist schon vier Jahre alt, als sie ihre Mutter kennenlernt. Aus einem Heim in Prien am Chiemsee holt die Mutter sie ab, sie hat ihren zukünftigen Ehemann und Adoptivvater von Myrian dabei. Der amerikanische Soldat bringt Mutter und Kind in sein Heimatland, in Freiheit, in Sicherheit. Myrians Mutter will vergessen, über die Vergangenheit spricht sie nicht.

Myrian Bergeron ist schwer krank, als sie sich entschließt, begleitet von ihrer Tochter Wendy und weiteren Familienangehörigen, nach Deutschland zu reisen. Sie hat vom Kinderzentrum Indersdorf erfahren und sich an Anna Andlauer gewendet. Die engagierte Zeitgeschichtsforscherin hilft Myrian Bergeron nun, Licht in ihre Familiengeschichte zu bringen. Gemeinsam sehen sie alte Akten ein, fügen Erinnerungen zusammen. Doch erst als sie schon im Krankenhaus liegt, erfährt Myrian, was aus ihrem leiblichen Vater geworden ist. Er ist in Australien beerdigt. Aber er hat Nachkommen. Das Verhältnis zwischen leiblichem und Adoptivvater muss gut gewesen sein, sagt Anna Andlauer. Denn offenbar hat Myrians serbischer Vater später, als er in Australien einen Sohn bekam, diesen nach dem amerikanischen Soldaten benannt.

Myrian Bergeron

Im April besuchte Myrian Bergeron Markt Indersdorf. Im Hintergrund sind Fotos zu sehen, mit denen nach Familienangehörigen gesucht wurde.

(Foto: Evi Lemberger)

Nur wenige Tage nach der Rückkehr aus Deutschland stirbt Myrian Bergeron. Es ist Karfreitag. Von ihr bleiben eine Familiengeschichte, die ihre Kinder weiter erforschen und ein Wunsch. Ein Grab in Indersdorf. Und zwar auf jenem kleinen, denkmalgeschützten Friedhof an der Maroldstraße. Holzstelen erinnern an die 32 Kinder, die in der Kinderbaracke starben, in der die Nationalsozialisten 63 Kleinkinder vegetieren ließen. Nach dem Krieg wurden auch Erwachsene dort beerdigt, die Inschriften auf den verwitterten Steinen und Kreuzen lassen auf Bestattungen bis in die Fünfzigerjahre schließen. Darunter einige Geflüchtete aus den ehemals deutschen Ostgebieten.

Ein Ort für Fremde, für die Indersdorf zu einem Schicksalsort wurde. Wie auch für Myrian Bergeron. Allerdings im positiven Sinne. Anna Andlauer hat sich an den Gemeinderat gewendet. Der hat sich sofort mit dem Anliegen befasst und einstimmig entschieden, diesen letzten Wunsch zu erfüllen. Andlauer hat die Stelle unter dem Baum neben den Holzstelen ausgesucht. Am Denkmal blühen jetzt Pfingstrosen, die Myrian Bergeron so liebte. Anna Andlauer sagt: "Myrians Leben ist rund geworden mit diesem Besuch."