Was er in Dachau erlebt hatte, vergaß er sein Leben lang nicht mehr. Als Soldat der US-Armee im Zweiten Weltkrieg hatte Dan Dougherty viel Elend und Tod gesehen. Doch das Grauen von Dachau stellte all den Schrecken auf den Schlachtfeldern in den Schatten. Dougherty war einer der Männer, die am 29. April 1945 das Konzentrationslager Dachau befreiten.
Schon bei ihrer Ankunft trafen sie an diesem Tag auf knapp 40 Güterwagons, die vor dem Eingang zum SS-Gelände abgestellt waren. Darin mehrere tausend Leichen. Ausgemergelte, übereinander liegende Körper. Dougherty war damals 19 Jahre alt. „Darauf kann man sich einfach nicht vorbereiten, und wir waren hartgesottene Infanteristen, die an Tod und Zerstörung gewöhnt waren, aber es hat die Soldaten einfach umgehauen“, so wird ihn die KZ-Gedenkstätte Dachau einmal zitieren.
Dan Dougherty war einer der letzten noch lebenden Befreier des Konzentrationslagers Dachau. Wie nun bekannt wurde, ist er Anfang Juni im Alter von 100 Jahren gestorben. Man verliere nicht nur einen bedeutenden Zeitzeugen, sondern auch „einen einmaligen Mitmenschen, dessen Optimismus, Herzlichkeit und Leidenschaft für Geschichte“ dem ganzen Team fehlen würden, so die KZ-Gedenkstätte.
„Wir kamen nicht klar mit dem Kontrast“
Dougherty wurde am 30. Mai 1925 in Austin, Minnesota, geboren. Nur 17 Tage nach seinem Highschool-Abschluss musste er in die US-Armee. Als Infanterist kämpfte er in Frankreich und Deutschland gegen das NS-Regime. Mit der 45. Division, den „Thunderbirds“, erreichte er schließlich kurz vor Kriegsende Dachau. Er und die anderen Befreier trafen auf rund 32 000 Menschen, die noch im Lager eingesperrt waren. Viele in einer miserablen körperlichen und psychischen Verfassung, etlichen drohte der Tod durch Unterernährung, Krankheiten oder Verletzungen resultierend aus den Misshandlungen. Der Anblick des Grauens war für Dougherty und die anderen schwerer zu verdauen als alles, was sie bisher in diesem brutalen Krieg gesehen hatten.
In einem Interview mit dem Historiker Alex Kershaw, das man sich auf Youtube ansehen kann, erzählte Dougherty, dass er und andere Soldaten die Nacht nach der Befreiung Dachaus in einem Haus verbracht hätten, das ein SS-Mann mit seiner Familie bewohnt hatte. Im ersten Stock seien ein Kinderzimmer mit zurückgelassenem Spielzeug und einem Kruzifix an der Wand gewesen. Bis Mitternacht hätten die Soldaten über die Erlebnisse des Tages geredet, so Dougherty: „Wir kamen nicht klar mit dem Kontrast zwischen dem Haus, in dem wir jetzt waren, und dem totalen Verderben, das sich draußen abspielte.“
Dan Dougherty erhielt für seinen Dienst mehrere militärische Auszeichnungen, unter anderem das Purple Heart und einen Bronze-Star. In den USA lebte er mit seiner Frau und vier Kindern in Kalifornien. Er arbeitete als Versicherungsmakler. Wegen seiner Erfahrungen, unter anderem in Dachau, war er ein leidenschaftlicher Kriegsgegner. Vor zwei Jahren kehrte er nach Dachau zurück und hielt bei der Feier zum 78. Jahrestag der Befreiung des KZ eine Rede. Wie die Gedenkstätte berichtet, hat Dougherty bis in den letzten Wochen vor seinem Tod den Kontakt zu Mitarbeitern gepflegt und sein Wissen und seine Erfahrungen weitergegeben.

