Ich gehe weder hungrig noch direkt nach dem Essen ins Wasser, ich kühle mich ab, bevor ich schwimme, und gehe nur baden, wenn ich mich gut fühle – das sind Baderegeln, die man schon als Kind kennen sollte. Gleichwohl ertrinken in der Badesaison jedes Jahr Menschen in Seen, Flüssen, Bächen oder Schwimmbädern. In Bayern ist die Zahl der Badetoten zuletzt sogar gestiegen. Während 2023 noch 58 Menschen ertrunken sind, waren es im Folgejahr schon 72. Vergangenes Jahr hat sich die Zahl, entgegen dem Bundestrend, sogar auf 84 erhöht. Laut DLRG gab es die meisten Badetoten davon in Seen.
Seen sind besonders gefährlich, weil sie häufig unterschätzt werden. „Gerade der Karlsfelder See ist als Kiesweiher kritisch“, sagt Oliver Welter, „weil man über eine Kiesbank ins Wasser geht, lange Zeit stehen kann, aber irgendwann eine Abbruchkante kommt.“ Wenn sich man darauf nicht vorbereite und ein schlechter Schwimmer sei, rutsche man ab und gehe unter. Welter weiß das nur zu gut, er ist Einsatzleiter der Wasserrettung für den Landkreis Dachau und war zuvor 20 Jahre lang Vorsitzender der Wasserwacht.
Auch gute Schwimmer überschätzen sich
Selbst gute Schwimmer überschätzen sich seiner Erfahrung nach – etwa, wenn sie mal eben über den Karlsfelder See schwimmen wollen, der bis zu 250 Meter breit ist. „Das ist eine ganz schöne Strecke“, sagt Welter. „Wenn es noch dazu warm ist, der See aber 17 Grad hat, kühlt der Körper aus und man bekommt einen Krampf.“ Und dann gebe es noch medizinische Probleme: Auf dem Wasser Kreislaufprobleme oder einen Herzinfarkt zu bekommen, sei etwas ganz anderes als etwa im Biergarten. „Ein nicht zwangsläufig lebensbedrohliches Problem wird im Wasser zur tödlichen Gefahr“, sagt der 51-Jährige.

Um im Ernstfall möglichst gut helfen zu können, bereiten sich die Rettungsschwimmer den Winter und das Frühjahr über vor. Das ist ihre Trainings- und Ausbildungszeit. In Dachau gibt es für die Rettungsschwimmer ein wöchentliches Training im Hallenbad, in dem sie wiederholen, wie man Menschen aus dem Wasser holt. „Auch die grundlegenden Rettungsmaßnahmen üben wir“, sagt Welter. Außerdem werde der Nachwuchs ausgebildet: im Winter theoretisch, im April und Mai praktisch. In Starnberg „wird im Winter regelmäßig Schwimmtraining im Hallenbad gemacht“, sagt Oliver Jauch, der dort Vorsitzender der Kreiswasserwacht ist. Im Sommer, so der 46-Jährige, werde dann an der Station trainiert, da würden bekannte Rettungsszenarien geübt und die Ausrüstung geprüft.
Zu dieser gehören klassischerweise Boote, Ferngläser, Notfallrucksäcke, Defibrillatoren – und moderne Hilfsmittel. „Für den Einsatzfall haben wir in Starnberg eine Drohne, mit der wir Menschen auf dem See suchen, bevor wir uns auf die Suche mit dem Boot machen“, sagt Jauch. Und auch eine Unterwasserdrohne habe die Kreiswasserwacht. Die könne man sich wie eine Kiste mit vier Propellern und einer Kamera vorstellen, die man durch den See zieht, um unter Wasser nach Menschen zu suchen.
In Dachau gibt es ein handgeführtes Sonargerät, mit dem Menschen mittels Schall unter Wasser geortet oder deren Entfernungen bestimmt werden können. „Man legt es auf die Wasseroberfläche und kann in einem Umkreis von bis zu etwa 50 Meter den Grund abscannen“, sagt Welter. Das Gerät verarbeitet die zurückkommenden Echos in Echtzeit und „auf dem Display erscheinen dann Punkte, wenn das Gerät meint, dass das Echo-Bild eines Menschen vorliegen könnte“, so der Einsatzleiter. Rettungsschwimmer könnten von oben auf dem See nicht weit unter die Wasseroberfläche schauen, „habe ich aber Punkte auf dem Sonargerät, kann ich meinen Taucher genau dahin schicken und bin wesentlich schneller“, sagt Welter. Und darum gehe es in der Wasserrettung nun mal: schnell genug sein.
Getestet wird ein KI-gestütztes Sonar-Ortungssystem
Damit es in Zukunft noch schneller geht, testen Wissenschaftler der Technischen Hochschule Nürnberg zurzeit zusammen mit der bayerischen Wasserwacht ein neues KI-gestütztes Sonar-Ortungssystem. Es kann eigenständig große Gegenstände unter Wasser erkennen und Baumstämme, Reifen oder Steine von Personen unterscheiden. Der entwickelte Algorithmus ist zum Beispiel auf Smartphones nutzbar, sodass die Einsatzkräfte die Bilder direkt vom Ufer aus auswerten können. Und wenn das KI-System eine Person registriert, lotst es die Taucher zur Rettungsstelle. Seit einigen Wochen wird es an Übungspuppen getestet und erreichte zuletzt eine Erkennungsquote von 92 Prozent. Bald könnte es wohl deutschlandweit zum Einsatz kommen, schreiben die Forschenden.
In Schwimm- und Freibädern in Bayern kommt schon ein anderes KI-System zum Einsatz. Die Schwimmbecken werden mit Kameras ausgestattet, die aber die Badegäste nicht filmen, sondern als anonyme Silhouetten registrieren. Die KI erkennt auf den Aufnahmen, wenn Menschen atypische Schwimmbewegungen machen, und löst bei den Bademeistern einen Alarm aus.
An Seen in den Landkreisen gibt es dieses KI-Überwachungssystem derzeit nicht. „Der Starnberger See ist viel zu groß, um ihn mit Kameras komplett überwachen zu können“, sagt Jauch. Oliver Welter sieht das für den Karlsfelder See ähnlich: „Den Uferbereich oder kritische Stellen damit zusätzlich zu überwachen, wäre aber technisch sicherlich machbar.“ Nur die Frage der Umsetzung bleibe: Für Schwimmbecken bräuchte es schon bis zu sechs Kameras, dazu den Strom und die Kabelanschlüsse. Für einen See wäre das ein riesiger logistischer und finanzieller Aufwand.

Trotz möglicher KI-Unterstützung in der Zukunft bleiben die Wasserwachten auf ihre Rettungsschwimmer angewiesen. Ohne die kann niemand gerettet werden – egal, wie schnell er identifiziert wird. „Neue Rettungsschwimmer finden war noch nie einfach“, sagt Welter für den Landkreis Dachau. Wenn die Kinder die Schule wechseln oder eine Ausbildung anfangen, änderten sich häufig die Interessen. „Ab 16 Jahren beginnt bei uns der Erwachsenendienst, da ist man plötzlich in einer viel aktiveren Rolle und hat Wachdienst. Da verlieren wir leider viele Leute“, sagt der Einsatzleiter. Dieses Jahr hat die Kreiswasserwacht Dachau jedoch neun Rettungsschwimmer dazugewonnen.
Im Landkreis Starnberg ist die Nachwuchssituation je nach Ortsgruppe sehr durchwachsen, wie Jauch erzählt. In kleineren Ortsgruppen tue man sich beispielsweise eher schwer mit dem Nachwuchs, in Starnberg sprechen die Mitglieder der Wasserwacht Teilnehmer bei öffentlichen Rettungsschwimmkursen direkt an und hätten zuletzt sogar ein paar Erwachsene dazugewonnen. Das kennt Jauch von sich selbst: Er ist über seinen Sohn zur Wasserrettung gekommen.
Was sich die Wasserwachten von der neuen Badesaison erhoffen? „Wenig Einsätze und natürlich keine Toten“, sagt Welter sofort. Und er hat zum Schluss einen wichtigen Appell, auch an gute Schwimmer: „Am besten hat man immer eine Boje dabei. Die bekommt man in jedem Sporthandel ab circa 20 Euro. Das kann einem das Leben retten“, sagt er. Das habe er am Karlsfelder See selbst schon erlebt. Er schwimme seit 30 Jahren und nehme trotzdem eine Boje mit, sobald er mehr als zehn Meter vom Ufer wegschwimme. „Und jeder, der mir erklärt, ich brauche das nicht, weil er ein guter Schwimmer ist, hat es nicht verstanden.“

