bedeckt München 12°
vgwortpixel

Antisemitismus an Schulen:"Ich bin schockiert, aber nicht überrascht"

Gymnasium Grafing wg. Max Mannheimer.

"Mein erster Impuls war, wir sollten versuchen, die Genehmigung zurückzuziehen, dass die Schule nach unserem Vater benannt wird", sagt Ernst Mannheimer.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)
  • Am Gymnasium Grafing im Landkreis Ebersberg haben Schüler antisemitische Hetze in einem Klassenchat auffliegen lassen.
  • Diese Schule soll künftig den Namen des Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer tragen.
  • Sein Sohn Ernst Mannheimer sagt nun: "Mein erster Impuls war, wir sollten versuchen, die Genehmigung zurückzuziehen, dass die Schule nach unserem Vater benannt wird."
  • Das will er aber nicht tun, sagt er, "das wäre nicht im Sinne unseres Vaters".

Drei Jahre ist es nun her: "Deine Erinnerungen werden stets unsere Mahnung sein." So stand es auf den unzähligen Plakaten, die nach dem Tod des Auschwitz-Überlebenden und Dachauer Ehrenbürgers Max Mannheimer am 23. September 2016 an Litfaßsäulen und in öffentlichen Gebäuden nicht nur in Dachau angebracht wurden. Max Mannheimer wurde 96 Jahre alt. Er hat Abertausende Schülerinnen und Schüler über den Nationalsozialismus und die Shoah aufgeklärt - und wer ihn dabei sah und hörte, merkte, dass er die jungen Menschen wirklich erreichte. Deshalb sitzt der Schock über den antisemitischen Chat einer neunten Klasse des Gymnasiums Grafing auch in Dachau tief - und das ausgerechnet an einer Schule, die Max Mannheimer von 1986 an 32 Mal besucht hat, und die bald schon seinen Namen tragen soll.

Mannheimers Sohn Ernst, dem der Vorfall bereits bekannt war, sagte im Gespräch mit der SZ: "Mein erster Impuls war, wir sollten versuchen, die Genehmigung zurückzuziehen, dass die Schule nach unserem Vater benannt wird." Am 17. Januar wird Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) die Urkunde für die Namensverleihung der Schulleitung übergeben. Eingeladen sind auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle (CSU).

Polizei Schüler lassen antisemitische Hetze im Klassenchat auffliegen
Grafinger Gymnasium

Schüler lassen antisemitische Hetze im Klassenchat auffliegen

Die Staatsanwalt ermittelt nun an der Grafinger Schule wegen verfassungsfeindlicher Symbole und Volksverhetzung. Einige Neuntklässler hatten sich zuvor an ihre Klassenleitung gewandt.   Von Thorsten Rienth

Auf diesen feierlichen Tag fällt ein Schatten: Durch den Klassenchat wurden Hakenkreuze und Sprüche über Gaskammern verbreitet, auch der Text eines Liedes, das auf ein Kampflied der nationalsozialistischen SA zurückgeht und heute unter dem Titel "Blut" in der rechtsextremen Musikszene gespielt wird. Der Text ruft unter anderem zum Judenmord und zu Angriffen auf Parlamente auf. Und das an einem Gymnasium, das als "Schule ohne Rassismus" ausgezeichnet worden ist. Beteiligt waren an dem Klassenchat allerdings auch Schüler aus der Realschule in Ebersberg. Schulleiter Rudolf Bäuml sagte, der Elternbeirat sei verständigt und ein Elternbrief verschickt worden. "In einigen wenigen Fällen" sei Strafanzeige erstattet worden.

"Nein, ich bin nicht überrascht, aber eben schockiert", sagt Ernst Mannheimer. Seinem ersten Impuls will er aber nicht nachgehen. "Das wäre nicht im Sinne unseres Vaters." Außerdem würde alleine der Versuch, die Genehmigung zur Namensnennung zurückzuziehen, einen Eklat auslösen. Als "positives Zeichen" bewertet Ernst Mannheimer die Reaktion der Schule: Einige Schüler haben den antisemitischen Chat auffliegen lassen, sich an ihre Klassenleitung gewandt, die das Direktorat informierte, das sofort die Polizei einschaltete. Polizisten kamen an die Schule und konfiszierten Handys von Schülern. Die Staatsanwaltschaft München II hat Ermittlungen aufgenommen. Am Gymnasium werden sich laut Schulleiter Paul Schötz in Kürze zwei Schüler vor dem Disziplinarausschuss verantworten müssen.

Der Vorfall belastet die Familie Mannheimer. "Eine potenzielle Schmähung des Namens unseres Vaters und unserer Familie (die ja geschehen wird auch aufgrund der Tatsache, dass dort eine Dauerausstellung mit Familienfotos gezeigt wird) empfinde ich natürlich als psychisch bedrängend", erklärt Ernst Mannheimer. Mehr noch als "das generelle Vorkommen von Antisemitismus, der ja eine Tatsache ist, die zu leugnen idiotisch wäre". So wie es eben subjektiv einen Unterschied mache, ob auf einem jüdischen Friedhof Gräber geschändet werden von Menschen, die man nicht kennt oder der Grabstein von Familienangehörigen, obwohl objektiv beides gleich schlimm sei.

Der Auschwitz-Überlebende Max Mannheimer starb vor drei Jahren.

(Foto: Toni Heigl)

Antisemitismus an Schulen in Deutschland ist keine Randerscheinung. Immer wieder werden jüdische Schüler gemobbt, wie eine Studie der Frankfurter Soziologin Julia Bernstein zur bundesweiten Situation von 2018 ergab. Judenfeindlichkeit geht demnach sowohl von Schülern als auch von Lehrern aus - und wird häufig bagatellisiert oder verschwiegen. In einem Fall sagte ein Lehrer zu einem Betroffenen: "Wenn alle Juden so wären wie du, dann kann ich Hitler verstehen." Vor diesem Hintergrund, sagt Ernst Mannheimer, wolle er sich von dem Vorfall in Grafing gar nicht belasten lassen - "wenn ich bedenke, was jüdische Kinder an Schulen über sich ergehen lassen müssen". Diesen alltäglichen Zumutungen sei er doch gar nicht ausgesetzt.

Der Klassenchat mit seiner antisemitischen Hetze ist ein Aspekt des allgemein zunehmenden Judenhasses. Um 20 Prozent, auf rund 1800 angezeigte antisemitische Delikte, stieg die Zahl von 2017 bis 2018 - bei einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Fälle. Für Bayern registrierte die Meldestelle Rias (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) allein in sechs Monaten 96 antisemitische Vorfälle - jeder zweiter Tag ein verbaler oder körperlicher Übergriff.

"Wir sind bestürzt über die abstoßenden und brutalen Inhalte", erklärte Schulleiter Paul Schötz zu dem Klassenchat in einem an die Eltern aller Grafinger Gymnasiasten verschickten Brief. Die Initiative zur Namensgebung ging von Schülerinnen und Schülern aus, die Max Mannheimer persönlich erlebt hatten. Der am 6. Februar 1920 in Neutitschein in der Tschechoslowakei geborene Zeitzeuge hat wie kein anderer die Erinnerungsarbeit in Dachau und weit darüber hinaus geprägt - als Vizepräsident des Comité International de Dachau und Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau. Max Mannheimer verlor in der Shoah fast seine ganze Familie: Seine Eltern, seine Schwester, seine erste Frau und zwei Brüder. Max Mannheimers Leidensweg ging von Auschwitz über Warschau nach Dachau und in die Außenlager Allach und Mühldorf. Nur sein Bruder Edgar und er überlebten.

Ernst Mannheimer mit seinem Vater Max und seiner Schwester Evi Fissler.

(Foto: Toni Heigl)

Auch Schüler, die ihn nicht mehr persönlich kannten, aber die jährliche Ausstellung über ihn in der Schule und eine jedes Jahr stattfindende Lesung aus Mannheimers "Späten Tagebuch" gehört hatten, schlossen sich dieser Initiative zur Namensgebung an, wie Schötz erklärte. Sie alle hätten gewollt, dass an ihrem Gymnasium die Hochachtung vor Max Mannheimer und seiner vorbildlichen Haltung dokumentiert werde und lebendig bleibe. Schüler der 10. Klassen fahren jedes Jahr in das Mannheimer-Studienzentrum nach Dachau.

Wie ist es an den Schulen im Landkreis? Ludwig Gasteiger, Geschäftsführer des Kreisjugendrings, ist von derartigen Übergriffen nichts bekannt. Dorothee Liebert, Jugendsozialarbeiterin an der Realschule Dachau, ist, wie sie sagt, in zehn Jahren nicht mit antisemitischen Übergriffen oder Schmierereien von Hakenkreuzen konfrontiert gewesen. Sie stellte an einer früheren Schule mit hohem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund eine gewisse Tendenz fest, dass Vertreter einzelner Volksgruppen einander feindselig begegneten. Einige Sozialpädagogen bemerken inzwischen, dass die Eltern mancher Jugendliche offenbar AfD wählen und einen entsprechenden Einfluss ausüben. Und Cybermobbing spielt den Experten zufolge unter Jugendlichen an Schulen im Landkreis eine große Rolle.

Rechtsextremismus "Ein Jude in Not ist in Deutschland alleine"

Antisemitischer Übergriff

"Ein Jude in Not ist in Deutschland alleine"

Samuel K. wird in der Nacht zu Mittwoch in einem Fitnessstudio von einem jungen Mann die Kippa vom Kopf gerissen und er bekommt Schläge angedroht. Niemand springt ihm zur Seite.   Interview von Thorsten Schmitz