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Polizeiseelsorge:"Du musst dich abgrenzen, damit es dich nicht auffrisst"

Lothar Riemer hat in seinem langen Polizeidienst viele schwierige Einsätze erlebt.

(Foto: Toni Heigl)

Polizisten helfen Menschen, doch wer hilft ihnen? Lothar Riemer aus Dachau hat selbst viel Belastendes erlebt und unterstützt Kollegen dabei, schwierige Situationen zu verarbeiten.

Der Funkspruch erreicht die Polizeistreife am frühen Abend. Eine leblose Frau in einer Hofeinfahrt. Am Tatort angekommen, stellt der Notarzt gerade den Tod der Frau fest. Die Polizisten hören sich in der Nachbarschaft um - wer ist die unbekannte Tote ohne Ausweispapiere? In einem Haus öffnet ein kleines Mädchen die Tür und erklärt, dass ihre Mutter nicht daheim sei und eigentlich schon seit geraumer Zeit wieder da sein müsste. Dem Polizeibeamten schnürt es die Kehle zu, am liebsten würde er davonlaufen. Trotzdem bittet er, eintreten zu dürfen. Wenig später sitzen ihm in der kleinen Wohnung drei junge Mädchen gegenüber. Er muss ihnen erklären, dass ihre Mutter gerade wenige Meter entfernt gestorben ist, getötet von ihrem geschiedenen Ehemann. Wie aber erklärt man, was nicht zu erklären ist? Was sagt man, wenn einem die Worte fehlen? Als schließlich das Kriseninterventionsteam eintrifft, ist der Polizeibeamte, der selbst drei kleine Töchter hat, heilfroh, der Situation entfliehen zu können. Zehn Jahre liegt dieser Einsatz nun zurück. Vergessen aber kann Lothar Riemer ihn nicht.

Der Umgang mit Extremsituationen wie diesen ist dem Polizeibeamten nicht fremd. Heute ist Riemer Ausbilder in der Dachauer Bereitschaftspolizei. Er versteht sich nicht nur als Lehrer, sondern auch als Ansprechpartner und Mentor für den Polizeinachwuchs. "Wenn ein junger Polizeibeamter ein offenes Ohr braucht, bin ich da." Seit 30 Jahren engagiert sich Riemer ehrenamtlich in der Polizeiseelsorge und kämpft dafür, dass offen über das Thema gesprochen wird, sowohl innerhalb der Polizei als auch in der Gesellschaft. So hat er den bayerischen Polizei-Seelsorgebeirat mitgegründet und aufgebaut. Der Beirat besteht aus den haupt- und ehrenamtlichen Polizeiseelsorgern in Bayern und einigen Polizeibeamten. Er fungiert als Scharnier zwischen den Seelsorgern und der "Basis".

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Belastende Einsätze hat der 60- jährige Polizeibeamte selbst Dutzende erlebt. Der Suizid auf den U-Bahn-Gleisen. Die magersüchtigen Junkie-Mädchen in der Bahnhofstoilette. Der schwere Verkehrsunfall, bei dem nur noch Tote aus dem bis zur Unkenntlichkeit zusammengestauchten Autowrack geborgen werden können. Polizeibeamte sind vielen Extremsituationen ausgesetzt. Für Lothar Riemer waren solche Einsätze jedes Mal ein emotionaler Drahtseilakt. Empathie zeigen, auf die Opfer und deren Angehörige eingehen auf der einen Seite, das Geschehene nicht zu nah an sich heranlassen auf der anderen. "Du musst dich abgrenzen, damit es dich nicht auffrisst", sagt er. Doch das gelingt nicht immer. Ist es Utopie zu meinen, dass mit dem Abstreifen der Uniform auch alles Gesehene von einem abfällt?

Im lichtdurchfluteten Sozialraum der Dachauer Bereitschaftspolizei riecht es nach Filterkaffee und Gebäck. Beim Erzählen macht Lothar Riemer gerne Witze, er hat etwas kumpelhaftes an sich. Spricht er über das menschliche Leid, das er gesehen hat, verschwindet der schalkhafte Ausdruck aus seinen Augen. Wenn in Deutschland schnelle Hilfe benötigt wird, ist die Polizei da. Das ist so und war schon immer so. Wer aber ist da für einen Polizeibeamten, der nach einem belastenden Einsatz nicht loskommt von den Erinnerungen an das Erlebte? "Wichtig sind Gespräche zu Hause, mit jemandem, der einen versteht", sagt Riemer. Für ihn ist das seit jeher seine Frau. Sie gibt ihm Rückhalt, ist da, wenn es einmal still wird nach einem Einsatz. Bei der Arbeit dürfe ein Polizeibeamter nicht zu viele Emotionen zeigen, er müsse schlichtweg funktionieren. Eine Kollegin habe einmal zu einem Unfallopfer gesagt: "Schämen sie sich Ihrer Tränen nicht, Sie weinen hier, wir weinen zu Hause."

Seit einigen Jahren hält Riemer im Dienst Erlebtes auch schriftlich fest und veröffentlicht seine Texte auf der Internetseite www.polizei-poeten.de. Lustige, mitunter auch tieftraurige Geschichten aus dem Polizeialltag. Die Seite dient als Austauschplattform unter Kollegen, als offenes Tagebuch zur Selbsttherapie. Es gibt jedoch auch Einsätze, bei denen all diese Methoden an ihre Grenzen stoßen. Einsätze, nach denen es einer professionellen Aufarbeitung bedarf.

"Irgendwann ist auch mal der innere Mülleimer voll, und man kann einfach nichts mehr aufnehmen"

Es ist das Jahr 1996 in Gornji Vakuf-Uskoplje, einer inmitten grüner Wiesen gelegenen Kleinstadt östlich von Sarajevo. Der Bosnienkrieg hat gerade sein Ende gefunden. Mit mehr als 100 000 Toten wird er in die Geschichte eingehen als der blutigste Konflikt in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Teil eines Monitoring-Programmes der UN reist Lothar Riemer in das Land, um zu helfen, den Polizeiapparat wieder aufzubauen, und um als neutrale Instanz im Namen der UN die Exhumierung ermordeter Zivilisten zu beaufsichtigen. Massengräber werden geöffnet. Das Elend, das er erlebt, überwältigt ihn. Die Schreie der Hinterbliebenen, als sie die Leichen ihrer Angehörigen sehen, klingen noch Jahre später in seinen Ohren. "Das sind Grausamkeiten, die kannst du eigentlich nicht in Worte fassen", sagt der 60-Jährige und schüttelt den Kopf.

Nach Einsätzen wie diesem suchte Riemer wiederholt selbst eine Polizeiseelsorgerin auf. Sie hilft ihm dabei, die schlimmen Bilder zu verarbeiten. "Irgendwann ist auch mal der innere Mülleimer voll, und man kann einfach nichts mehr aufnehmen", sagt der Polizist. 16 katholische und sieben evangelische Polizeiseelsorger arbeiten laut bayerischem Innenministerium im Freistaat, der Großteil von ihnen ehrenamtlich. Sie betreuen Selbsthilfegruppen, halten spezielle Lehrgänge für Dienstgruppenleiter und unterrichten Polizeischüler in den Ausbildungsklassen. Zu viel Arbeit für zu wenig Personal, findet Riemer. Das sei wie in allen anderen sozialen Bereichen. Die Polizeiseelsorge ist ein Kostenfaktor ohne ökonomischen Mehrwert.

Im Laufe seiner Karriere hat Lothar Riemer beinahe alles ausprobiert, was der Polizeiapparat an Tätigkeiten hergibt. Bundes- und Autobahnpolizei, Kripo, Auslandseinsätze in Kabul und Moskau. Nun ist er Polizeilehrer in Dachau. Ein Jahr gibt er sich noch, dann will er in den Ruhestand eintreten. Die grausamen Bilder aus seinen Einsätzen aber werden ihn ein Leben lang begleiten. Riemer findet, dass sich der Umgang mit Extremsituationen in der Ausbildung geändert hat. "Bei meiner ersten Leiche hat der Dienstgruppenleiter noch gemault, weil ich nicht schnell genug fertig geworden bin." Das sei heute anders. "Den jungen Beamten wird in der Ausbildung die Angst genommen, auch einmal Schwäche zu zeigen." Und das ist auch Riemers Verdienst.

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