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Barockmusik in Sankt Jakob:Ein Weihnachtswunder

Festliche Barockmusik: Die Zuhörer lauschen andächtig den beiden Solistinnen Birgit Rolla (Alt) und Helena Schneider (Sopran).

(Foto: Toni Heigl)

Die Dachauer Chorgemeinschaft unter Leitung von Rudi Forche und die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks warten mit einer Glanzleistung auf. Beim Halleluja erhebt sich das Publikum von seinen Plätzen

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Vierzig Jahre lang mit einem Chor verbandelt: Das prägt Sängerinnen, Sänger und Chorleiter. Im Fall Chorgemeinschaft Dachau und Rudi Forche ist daraus eine fast symbiotische Verbindung erwachsen, wie sich am Sonntagabend in der vollbesetzten Pfarrkirche St. Jakob auf wundersame Weise zeigte. Von Verschleißerscheinungen keine Spur, ganz im Gegenteil: Es schien, als hätten sich die Chorgemeinschaft und ihr Dirigent wieder einmal neu erfunden. "Erwach, frohlocke o Tochter von Zion" hatten sie ihr Konzert genannt. Der Titel stammt aus Georg Friedrich Händels "Messias". Mit dessen erstem Teil und Antonio Vivaldis "Magnificat RV 610" beschenkte die Chorgemeinschaft ihr Publikum und sich selbst mit einem innigen, festlichen Abschluss der Weihnachtszeit. Daran hatten Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks sowie die Solisten Helena Schneider (Sopran), Birgit Rolla (Alt), Bernhard Schneider (Tenor) und Timo Janzen (Bass) ihren gehörigen Anteil.

Ruhig und umsichtig dirigierte Forche den großen Chor, Orchester, Solisten sowie Johannes Berger an der Orgel. Forche fügte gewissermaßen alle Einzelteile zu einem großen harmonischen Ganzen zusammen. Das ist umso bemerkenswerter, als vor dem Konzert lediglich die Generalprobe alle Mitwirkenden vereint hatte.

Schon beim Magnificat war deutlich spürbar, dass dieses Konzert keines der ganz lauten Töne werden würde, was dem biblischen Inhalt dieses Lobgesangs Marias ausgesprochen guttat. Vielmehr lotete Forche alle Tiefen der Musik und der Worte fast andächtig aus. Chor, Solisten und Musiker folgten diesem Ansatz willig. Im Lukasevangelium ist nachzulesen, dass die schwangere Maria Gott mit diesem Gebet dankte, als sie ihre ebenfalls schwangere, aber schon ziemlich alte Verwandte Elisabeth besuchte, die spätere Mutter Johannes des Täufers. Antonio Vivaldi (1678-1741) komponierte sein Magnificat für die damals hochberühmten jungen Sängerinnen im Pio Ospedale della Pietà in Venedig in insgesamt vier Fassungen.

Auch wenn Tenor Bernhard Schneider ganz zu Anfang leicht indisponiert schien, gelang allen Mitwirkenden eine wunderbar bildhafte Wiedergabe dieses großartigen Werks. Wie ein Sturm brauste der Chor durchs Kirchenschiff mit seinem "Fecit potentiam in brachio suo - er (Gott) vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten". Das Duett "Esurientes implivvit bonis - die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben" sangen Sopranistin Helena Schneider und Altistin Rolla fordernd, auffordernd. Im Gloria schließlich schien der Chor förmlich zu schweben.

Diese Glanzleistung setzte sich im Weihnachtsteil des Messias fort. Die allseits bekannte Sinfonia und die in dieser Jahreszeit unverzichtbare Pifa, die Hirtenmusik, zeigten eindrucksvoll, wie schön diese in kammermusikalischer Besetzung klingen können. Die Musiker des BR-Symphonieorchesters, ansonsten eher in den großen Konzertsälen zu hören, machten aus den beiden Stücken ein kleines, beglückendes Weihnachtswunder.

Georg Friedrich Händel (1685-1759) komponierte den "Messiah" in nur 24 Tagen im Jahr 1741. Das ausschließlich aus Bibelzitaten bestehende Libretto stammt von Charles Jennens. Die Weihnachtsgeschichte ist also keine fortlaufende Erzählung wie in den Weihnachtsoratorien von Johann Sebastian Bach oder Camille Saint-Saëns. Und war am Sonntag in Sankt Jakob dennoch große Oper - wenn auch in konzertanter Form.

Samtig sang Bernhard Schneider "Tröstet, tröstet mein Volk". Der Chor jubilierte "Denn die Herrlichkeit des Herrn" und ließ seine Stimmen mit "Oh du, die Wonne, verkündet in Zion" vor lauter (Sanges-)Freude tanzen. Ein echtes Glanzstück war die zentrale Aussage dieses Abends "Denn es ist uns ein Kind geboren" im Original: "For unto us a Child is born". Bassist Timo Janzen erwies sich als großartiger stimmsicherer Erzähler. Dramatisch, spannungsgeladen war sein "Denn blick auf, Finsternis deckt alle Welt". Den ängstlichen Hirten auf dem Felde und den himmlischen Heerscharen gab Helena Schneiders glockenreiner Sopran Gesicht und Stimme gleichermaßen. Das Motto dieses Abends "Erwach frohlocke, o Tochter von Zion" war Jauchzen und Frohlocken pur. Birgit Rollas ausdrucksstarker Alt verlieh den Worten des alttestamentarischen Maleachi "Oh du, die Wonne verkündet in Zion" die gebotene prophetische Kraft und Ernsthaftigkeit.

Im Duett mit Helena Schneider zeigte sich die große Wandlungsfähigkeit dieser beiden Stimmen: So tröstlich und hoffnungsfroh möchte man "Er weidet seine Herde" eigentlich immer hören. Was nicht fehlen durfte, war das weltberühmte "Hallelujah". King George II. soll angeblich davon so ergriffen gewesen sein, dass er aufstand und alle Zuhörer sich ebenfalls von ihren Plätzen erhoben. Das hätte der Chorgemeinschaft Dachau, Rudi Forche, dem Orchester und den Solisten in St. Jakob gleichfalls gebührt. Denn ein solches Ausnahmekonzert ist in Dachau nicht sehr oft zu hören.

© SZ vom 08.01.2019
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